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EINE GANZ RUHIGE KUGEL

15.07.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Ganz ruhige Kugel~1

Ab 17. Juli 2014 in den österreichischen Kinos
EINE GANZ RUHIGE KUGEL
Les invincibles  /  Frankreich  / 2013
Regie: Frédéric Berthe
Mit: Gérard Depardieu, Atmen Kelif, Virginie Efira u.a.

Für die einen ist es ein Sportfilm, denn wenn wir auch nicht viel davon wissen, wie da die Kugeln gerollt werden – im Mittelmeerraum ist „Boule“ verbreitet, populär, mit hoch dotierten Wettbewerben ausgestattet und ein „Sport“, der fachkundig betrachtet und ausgeübt wird und von den Einzelnen höchstes Können und Kunstfertigkeit verlangt.

Für die nächsten ist es ein Gérard Depardieu-Film, wenn er auch eigentlich nur die erste Nebenrolle spielt: Aber vielleicht will der gute Mann in seiner (ehemaligen?) Heimat Frankreich klarstellen, dass es ihn noch gibt, und dass er auch Schauspieler ist, wenn man auch meist von seinen russischen Abenteuern (zuletzt: dass er in Moskau und St. Petersburg Restaurants eröffnen will) liest. Nun, eine ganz große Rolle ist es nicht, Depardieu wuchtet behäbig seine Kilo und lässt dem Hauptdarsteller den Vortritt. Immerhin, er spielt ein Schlitzohr, also ist ihm die Sympathie sicher.

Wenn man diese „ganz ruhige Kugel“, die so ruhig nicht ist, rund um ihre Hauptfigur Momo näher betrachtet, dann hat man es im Gewand einer scheinbaren Komödie doch mit einem Stückchen französischer Selbstkritik zu tun: Wie gehen wir (die Franzosen) mit unseren Migranten um, zumal den Nordafrikanern? (Wir haben ja ähnliche Probleme, nur dass unsere Migranten eher von anderswo kommen.) Und da können sie sich – auch wenn am Ende dann alle alle umarmen – kein allzu gutes Zeugnis ausstellen.

Zuerst ist es eine Gaunerkomödie: Jacky (Depardieu) reist durch kleine Orte, spielt mit den Einheimischen Boule, verliert natürlich (was der älteste Trick ist), und holt sich dann scheinbar einen völlig Fremden vom Straßenrand, den er auffordert, an seiner Stelle zu spielen. Auftritt Momo, der ihm gar nicht fremd, sondern eingespielter Mitarbeiter ist, und der dann durch seine „zufälligen Anfängerkünste“ alles abkassiert. Auf Teilung.

Der Film ruht fest auf den Schultern von Atem Kelif  als Momo– schon in Frankreich geboren, so dass nicht einmal das französische Wikipedia angibt, wo seine Vorfahren herkamen, aber er geht wunderbar als Algerier durch. Er hat Probleme mit seiner Mama, die alle Welt mit ihren nordafrikanischen Delikatessen versorgt. Und der ein bisschen unsicher in einer Welt steht, wo jeder ihn nur herumschubst…

Jacky, der sich gerne als „Manager“ begreift, möchte Momo zu einem hoch dotierten Wettbewerb anmelden, wo er – da beginnt der Film von Frédéric Berthe schon zu greifen – als Algerier allen (und wirklich fiesen) Schikanen ausgesetzt ist. Nur eine sehr blonde, sehr sympathische, sehr selbstbewusste Assistentin (Virginie Efira) will den faschistischen Machos solches Verhalten nicht durchgehen lassen. Bis ein Kapitän, der eine Mannschaft aufstellt, kalkuliert, dass sein Geldgeber ein Fürst aus Dubai sei – und der wird doch sicher gerne einen Algerier (den Quoten-Dunkelhäutigen) unter all den Weißen sehen…

So kommt Momo in die Mannschaft – und Jacky, den keiner mehr will und braucht, wird in die Wüste geschickt. Schweren Herzens auch von Momo, und da wirkt sich das Thema von Loyalität und Freundschaft (Frage: Wie sehr ist man einer lästigen Klette verpflichtet, die einen nur behindert?) in den Film.

Und dann die Pointe, die auch zu denken gibt: Der arabische Prinz erklärt, wenn er ein französisches Team sponsert, will er darin auch Franzosen sehen – keine Farbigen. Wie Momo nun hinausgemobbt wird, das schmerzt in der Seele. Man sorgt sogar dafür, dass er nach Algerien abgeschoben wird, wo er sich, längst innerlich ein „echter Franzose“, ganz fremd fühlt (ein immer wiederkehrendes Motiv).  Man sieht, es gibt einiges zum Thema zu sagen.

Dass Jacky dann, obwohl in der Seele verletzt, doch als Retter auftaucht, dass die beiden dann (wer’s glaubt), auf die Schnelle Algerier werden, um solcherart bei dem Wettbewerb mitzuwirken… das ist Lustspielkino, das im Grunde versucht, all die aufgestaute Bitterkeit wegzuwaschen. Aber wer genau hingesehen hat, hat mehr entdeckt als eine Depardieu- und Sport-Komödie…

Renate Wagner

 

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