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„EINE BEGEGNUNG IN LEIPZIG“ – BRAHMS vs TCHAIKOVSKY – ATRIUM STRING QUARTET

04.09.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

atr „EINE BEGEGNUNG IN LEIPZIG“ – BRAHMS VS TCHAIKOVSKY – Das jeweils erste Streichquartett vom deutsch-russischen ATRIUM STRING QUARTET überragend interpretiert / Profil CD

Wie meine Lieblingsaufnahme der Brahms Quartette mit dem Alban Berg Quartett aus dem Jahr 1991 in St. Peterburg (live) aufgenommen, ist auch die vorliegende klanglich und technisch höchst meisterlich eingespielte CD in ebendieser Stadt in der St. Catherinenkirche im Dezember 2015 entstanden. Brahms hatte 20 Jahre lang an seinem ersten Streichquartett gearbeitet. Wie es die Legende will, nicht der Anlage der Komposition wegen, sondern wie er dem Chirurgen Theodor Billroth anvertraute, um die unnötigen Noten beiseite lassen zu können. Aus nur einem Motiv im ersten Satz entwickelt, gleicht das Anhören des Quartetts einer Zugfahrt durch ein Mittelgebirge bei bewölktem Himmel. Das landschaftliche Perspektivenspiel, den unendlichen Schattierungen des Lichts  gebrochen durch Hügel, Wälder, Tunnel, freistehende Felder, Teiche, Gehöfte und Entengeschnatter entsprechen ein höchst dichtes Geflecht an motivischer Durchführung, rhythmischer Variation und dynamischem Austausch. Das behände Zuwerfen des „Balls“ zwischen den vier Solisten scheint so, als gäbe es kein größeres Vergnügen, sich in ihrem improvisatorisch wirkenden Erzählen der thematischen Einfälle  instinktiv und mit großer Neugier auszutauschen. Ein Plausch in den Wind, um die nächste Ecke wartet das nächste Wunder.  Man muss gehört haben, wie dieses nun in Berlin lebende Quartett sich in intensivster Hingabe und zugleich klar strukturiert in die Wogen der Brahms‘schen Klangmaschinerie wirft. Noch dazu spielt das Quartett bei dieser Aufnahme erstmals in der damals üblichen tieferen Stimmung von A=430 Hz., was den Klang rundet und eine hamonischere Klangbalance als üblich erlaubt. Das Quartett ist immer auf eine direkte akkurate Aussage bedacht, der Strich wo nötig geschärft, die Konturen klar geschnitten. Allegro ist Allegro und Romanze ist Romanze, ohne zwischen den Welten in weiß was ich für einer Galaxie herumzudoktern, gerät das temporeiche Verdichten und Lockerlassen im Gebälk der Partitur zum erregenden Antrieb einer einzigartigen Neuerkundung dieses kammermusikalischen Meisterwerks.

„Begegnung in Leipzig“ als Motto des Albums geht auf die Begegnung von Brahms und Tchaikovsky zu Jahresbeginn 18899 im Hause des Geigers Adolf Brodsky zurück. Die beiden mochten sich ja bekanntlich nicht gerade, wie dies auch Thomas Mann über dieses Treffen so anschaulich berichtet hat. Diese Eifersuchtsspiele zwischen Künstlern sind zwar bassenatratsch-tauglich, brauchen aber den Hörer von heute nicht zu tangieren, zumal auch das erste Streichquartett von Tchaikovsky eine fantastisch schöne Komposition ist. Das Andante cantabile nach einem ukrainischen Volkslied ist ja einer der großen bis heute das Publikum zu Tränen rührenden Klassik-Hits geworden. Das Atrium String Quartet spielt sowohl den synkopierten 9/8 Takt im ersten Satz, als auch die salonhafteren Passagen im Adagio und erst recht die rhythmischen Finessen im Allegro non tanto und das große an ein russisches Dorffest gemahnende Finale mit der selben Ernsthaftigkeit, ausgelassenen Spielfreude und musikantischen Intuition wie bei Brahms. Dadurch stellt es  musikalisch die programmatische Klammer her, die aus der einstigen so steifen Begegnung in Leipzig einen ständigen Austausch von deutschen und russischen Musikern und Virtuosen in St. Petersburg oder Berlin gestiftet hat. 

Das Atrium String Quartett kann mit dieser Aufnahme die Tradition der größten Streichquartettformationen auf ganz spezifisch eigene Art fortsetzen. Mehr als eine Empfehlung, eine Liebeserklärung!

(Original-Cover noch nicht verfügbar)

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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