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Edith Kneifl: DER TOD FÄHRT RIESENRAD

05.03.2012 | buch

Edith Kneifl: 
DER TOD FÄHRT RIESENRAD
Ein historischer Wien-Krimi
240 Seiten, Haymon Verlag, 2012 

Edith Kneifl, Österreichs First Lady des Kriminalromans, hat wieder einmal die eigene Lust an Abwechslung unter Beweis gestellt. Während man als Leser so unbeweglich ist, von ihr immer dieselben Heldinnen zu erwarten, an die man sich mittlerweile gewöhnt hat, ist es ihr zu dumm, stets in schon befahrenen Bahnen weiterzuwerkeln.

Jetzt hat sie sich in das im Romangenre derzeit so beliebte „Wien um 1900“ katapultiert, die kulturell so reiche letzte Blütezeit der Habsburger-Monarchie. Aber obwohl sie ja von Beruf ursprünglich Psychoanalytikerin ist (war? Inzwischen kann sie vom Bücherschreiben wohl mehr als leben!), verschmäht sie es, Sigmund Freud in ihren Roman zu schleppen, der derzeit in so vielen Büchern aus dieser Epoche „auftreten“ muss…

Edith Kneifls Roman heißt nicht von ungefähr „Der Tod fährt Riesenrad“, denn er spielt hauptsächlich – im Prater. Und der war damals (wir befinden uns exakt im Juli 1897, Kaiserin Elisabeth, vom Romanhelden heiß verehrt, lebt also noch) sozusagen im Entstehen. Mehrere Ereignisse rund um die Eröffnung des Riesenrades sind eng mit der hier aufgeblätterten Handlung verknüpft – setzt doch Edith Kneifl gnadenlos gleich einen Toten in eine Gondel…

Der neue Held, an den sich der Leser unschwer gewöhnt, ist eigentlich keiner, sondern ein eher windiger (und folglich auf seine schäbige Art ganz sympathischer) Geselle. Gustav von Karoly, unehelicher Spross eines Grafen und einer Operettensängerin, lebt mit seiner ungemein klugen, den Leser (und vor allem die Leserin) mit ihren Emanzipationsbestrebungen sofort gefangen nehmenden Tante Vera in dem Komplex, den wir heute als „Museumsquartier“ kennen, wo aber damals noch Bedienstete der kaiserlichen Reitställe Wohnungen fanden (und Opa Karoly war ein hohes Tier unter den Tieren). Gustav, vom Militärdienst aus öder Provinz heimgekehrt, weiß nichts anderes, als sich als Privatdetektiv zu verdingen. Dass sein Jugendfreund Rudi mittlerweile bei der Polizei ist, erweist sich da als hilfreich. Und weil Autorin Edith Kneifl offenbar genaue Einsichten in männliches Innenleben besitzt, erfahren wir viel über die Begierden der Herren, wenn sie sich in der Damenwelt umtun – also dauernd.

Der Auftrag an den „Detektiv“, der immer wieder im Café Schwarzenberg schnell einen „Schwarzen“ zwischendurch nimmt, kommt von einer eleganten Dame der mit beträchtlicher Antipathie gezeichneten neureichen Gesellschaft, deren 15jährige Tochter Leonie verschwunden ist. Schon einmal ist das unzufriedene Kind im Prater untergetaucht, also erweist sich dieser als natürlich Schauplatz für die kommenden Recherchen.

Hier hat Edith Kneifl eine Menge recherchiert und füllt historisches Wissen in den Gang des Geschehens. (Kleine Fehler kann man bei der nächsten Auflage ausmerzen.) Und dass sich im Wiener Prater eine Unterwelt auftut, die mit den Mächtigen eng und ungut verknüpft ist… na, das kommt einem geradezu heutig vor…

Renate Wagner

 

 

 

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