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E.G. Baur: EMANUEL SCHIKANEDER

12.05.2012 | buch

Eva Gesine Baur:
EMANUEL SCHIKANEDER
DER MANN FÜR MOZART
464 Seiten; C.H.Beck Verlag 2012

Wenn die Jahresregenten so gewichtig ausfallen wie 2012 in Österreich (Nestroy 150. Todestag, Schnitzler und Klimt 150. Geburtstag), dann riskieren andere wichtige Personen, im Hintergrund zu bleiben. Aber auch Emanuel Schikaneder (1751-1812) ist heuer ein Mann mit rundem Jahrestag (200. Todestag), und gerade für Wien ist er so unbedeutend nicht: Wer heute das Theater an der Wien betritt, befindet sich – aller Umbauten und Sanierungen ungeachtet – in dem Bau, den Schikander einst errichten ließ. Aus den Erlösen des Werks, das er zwar „nur“ mitgestaltet hat, das es ohne ihn aber nicht gegeben hätte: Und was wäre die Welt ohne Mozarts „Zauberflöte!?

Eine neue Biographie war fällig, und Eva Gesine Baur – die das Werk Juliane Banse, der „unvergessbaren Pamina“ gewidmet  hat –  liefert sie: ausführlich, reich bebildert, gut recherchiert und schön erzählt. Selbst, wer schon eine Menge weiß, erfährt noch mehr. Sie führt, vom Armenbegräbnis 1812 ausgehend (das hatte er mit Mozart gemeinsam), durch eines jener ungemein bewegten Leben des 18. Jahrhunderts, das uns im nachhinein so fasziniert, in dem zu leben aber wohl kein allzu großes Vergnügen war.

Wer je in Straubing flanierte, ist wohl an der Gedenktafel vorbei gekommen, die vom Geburtsort dieses Emanuel Schikaneder erzählt – mit dem Buch wandert man nun durch das Schicksal eines Mannes, der sich früh und unausweichlich entschied, Theatermann zu werden. Das gewählte Präsens holt mit oft flotten Formulierungen die Ereignisse zum Leser, wir begleiten den „blendend aussehenden“ Schikaneder (so etwas hat nie geschadet) durch seine Zeit beim „fahrenden Gesindel“, den so reich (am Existenzminimum) vorhandenen  Wanderbühnen der Epoche, und erleben ihn etwa als Hamlet, Othello und Richard III. (wie das gewirkt hat, kann man sich allerdings nur vorstellen…).

Und immer wieder schaltet die Autorin das Schicksal jenes Mannes parallel, der letztendlich dafür verantwortlich sein wird, dass ein ambitionierter Wanderschauspieler in die Regionen der Unsterblichkeit aufsteigt: Mozart. (Beide hatten übrigens viel für Frauen übrig…)

Es ist ein Wanderleben, das Schikander fast vierzig Jahre lang durch die Städte Deutschlands und der Habsburger-Monarchie hetzt (dies allerdings keinesfalls unbeachtet), bis er 1789 endlich in einem „bunten, chaotischen und lauten Wien“ landet, das ganz nach seinem Geschmack ist, vor allem in jenem Freihaus, dessen Theater Opern-Weltgeschichte machen wird.

Schikaneder, der auch in Wien schnell den „windigen“ Ruf genießt wie anderswo, profitiert davon, dass Mozart am Tiefpunkt ist – Leopold II. hat Da Ponte entlassen, für Mozart interessiert sich seit dem Tod von Joseph II. keiner mehr, seine finanzielle Lage ist miserabel. Da wendet man sich auch dem nicht gerade großartig beleumdeten Schikaneder zu. Das Ergebnis ist bekannt und heißt „Die Zauberflöte“…

Nach Mozarts Tod ist die Biographie Schikanders, zumindest was den Umfang des Buches betrifft, gerade erst in der Mitte. Die folgenden Jahre sind nicht schön: Schikander bekommt mit, wie gnadenlos man in dieser Stadt Wien verfolgt werden kann, wenn man nicht die richtigen Freunde, wohl aber die richtigen Feinde hat. Aufgeben will er nicht, er versucht es auch noch anderswo, aber es ist Wien, wo er schließlich am Alsergrund stirbt, bereits in miserablem Zustand, verwirrt und schwer krank. Mozart war zu früh abgetreten, Schikander, so resümiert die Autorin, am 21. September 1812 zu spät…

Erwähnenswert auch die durchgehende, liebenswerte Bebilderung des Buches – schwarzweiß im Lauftext zwar, aber die alten Stiche immer quasi kommentierend, illustrierend zum Text eingesetzt. Das macht ein Buch komplett, das man auf vielen Ebenen (als unterhaltende Lebensgeschichte, als reich dokumentierte Zeitgeschichte, als zusätzliche Mozart-Lektüre) mit Gewinn lesen kann.

Renate Wagner

 

 

 

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