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LE CONCERT ROYAL DE LA NUIT: Sébastien Daucé rekonstruiert das Ballet royal de la Nuit Ludwig XIV

28.09.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

3149020222379 LE CONCERT ROYAL DE LA NUIT: Sébastien Daucé rekonstruiert das Ballet royal de la Nuit Ludwig XIV mit dem Ensemble Correspondances – harmonia mundi 2 CD

„Aurora erscheint, um das Ende der Nacht anzukündigen und den Aufgang eines so hellen Lichts, dass sie selbst davon geblendet ist: ein Gestirn beginnt so strahlend zu scheinen, dass alle Sterne vor ihm verblassen: „Der junge Louis ist die Sonne, die auf mich folgt.“ Wie im Orfeo des Signore Luigi Rossi verwandelt sich die Leier des Orpheus in die königliche Lilie. Grand Ballet: Der Sonnenaufgang

Der König tanzt: Dieser 23. Februar 1653 muss ein ganz besondere Tag gewesen sein. Als wahrlich beeindruckende Demonstration der Macht von Mazarin ersonnen, ist der 15-jährige Ludwig XIV. höchstselbst als Tänzer in der Salle du Petit Bourbon des Palais du Louvre im Ballet royal de la Nuit aufgetreten. Die anwesenden Großen des Königreichs, die Pariser und die Botschafter in aller Welt zu beeindrucken, ist ein höfisches Schaustück in bislang nie gesehenen Dimensionen aufgeführt worden. Nach Texten von Isaac de Benserade und Musik von Jean de Cambefort, Antoine Boesset, Louis Constantin, Michel Lambert, Francesco Cavalli, Luigi Rossi und anderen wurde ein Hymnus auf die Nacht in vier Wachen und anschließendem Sonnenaufgang aufgeführt. In der Dramaturgie der Krönungsliturgie nachgebildet, ist das Stück Sinnbild der Thronbesteigung Ludwig XIV. Mit ihr beginnt die Herrschaft des Sonnenkönigs.

Das Gesamtlibretto handelt von vier Wachen („Die Nacht“, „Venus“, „Der verliebte Herkules“, „Orpheus“, gekrönt vom anschließenden Grand Ballet „Der Sonnenaufgang“). Vom alltäglichen Treiben in der Stadt und auf dem Land bei Sonnenuntergang, der Herrschaft der Freuden, der Gestalt des Königs und den zwei Gesichtern der Liebe bis zur verklärten Liebe geht der Reigen der bunten Träume und Leidenschaften der Seele. Nach dieser vielfarbigen Reise durch die Nacht erscheint Aurora in ihrem Wagen.

Nach den sieben Aufführungen 1653 ist das Ballert royal de Nuit zwar nicht in Vergessenheit geraten, aber nie wieder aufgeführt worden. In akribischen Recherchen über drei Jahre hinweg hat Sébastien Daucé die gesamte Vokalmusik und etwa 2/3 der Instrumentalmusiken rekonstruieren können und diese sorgfältig mit19 Gesangssolisten und 35 Instrumentalisten auf alten Instrumenten eingespielt.

Zu hören ist eine kurzweilige Aufeinanderfolge von meist nicht sehr langen Gesangs- und reinen Instrumenalpiècen nach dem Muster von französischem Ballett und italienischer Oper des 17. Jahrhunderts. Zwei italienische Opern, der Orfeo von Luigi Rossi (1647) und L‘ercole amante von Cavalli (1662) standen gemeinsam mit französischen Airs von Antoine Boesset Pate für eine Vielzahl schöner Arien, die  auf den beiden CDs mit aller gebotenen Delikatesse und durchwegs schönstimmig dargeboten werden. Von den 77 Tänzen des Originals wurden 51 übernommen. Der originale Klangcharakter beruht auf den Verzierungen von Millet und Mersenne, die Bogenstriche in den Ensembles sind kurz gehalten.

Die einem prachtvoll bebilderten 190-seitigen Buch beigelegten CDs bieten eine akustische Zeitreise an den königliche französischen Hof in aller Pracht und Seriosität sowie dem Bemühen um  Authentizität. Das uneingeschränkte Hörvergnügen wird ergänzt durch viele aufschlussreiche Informationen über das Werk, der Abbildung aller Figurinen aus der Rothschild Collection in Waddesdon, sowie zahlreichen Faksimili aus den Partituren. Wenn man allerdings der französischen Sprache nicht mächtig ist, muss man sich mit einigen Übersetzungen in die deutsche Sprache begnügen, dem Aufsatz „Welch staunenswertes Abenteuer“ des Dirigenten Daucé, einer Inhaltsangabe und dem Vorwort zum Ballet von Isaac de Benserade.

Es wäre zu wünschen, dass dieser gelungenen akustischen Wiedererweckung eine szenische folgen wird.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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