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DVD TURANDOT (Valencia 2008)

05.03.2012 | dvd

Giacomo Puccini:
TURANDOT
Aufgezeichnet im Palau de les Arts Reina Sofia, Valencia 2008
Major / Unitel Classica

Man weiß als Opernfreund, auch wenn man es live noch nicht bis Valencia geschafft hat, dass an diesem Opernhaus oft das Besondere zu erwarten ist – der „Ring“ von La Fura dels Baus steht dafür als herausragendes Beispiel. Die „Turandot“, die dort 2008 unter Altmeister Zubin Mehta in Szene ging, hatte auch mit etwas nicht Üblichem aufzuwarten: einem chinesischen Regisseur. Und in der Gestalt von Chen Kaige, der Filmfreunden ein Begriff ist („Lebewohl, meine Konkubine“ oder „Der Kaiser und sein Attentäter“, schlechtweg prachtvolle Spektakel), doch einen ganz großen Namen.

Begreiflich, dass für einen chinesischen Regisseur diese Oper einfach eine chinesische Geschichte ist. Man hat in China – wie man ja auch von ihren hinreißenden Historienfilmen weißt –  keine Scheu davor, das auch in der Optik voll darzustellen, und das fällt sehr schön und opulent aus. Wer Regietheater im europäischen Sinn erwartet, wird enttäuscht werden.

Und doch gibt es spürbar eine „Regie“, nicht nur im Zeremoniell am Kaiserhof, wo sich ein Chinese besser auskennt als sonst jemand. Auch die Personenführung setzt Akzente, wenn etwa Turandots erster Auftritt beispielsweise nicht im Prunkdress erfolgt, sondern quasi im normalen Gewand – und sie dem Prinzen, der in den Tod geht, mit ironischer Herablassung begegnet. Aber wenn diese Turandot später Liu trifft, dann spürt man doch Bewegung in der „eisernen Lady“, und ihre unzweifelhafte Erschütterung an der Leiche kann dann die Wandlung begreiflich machen, die das Stück so dringend braucht: Das Happyend der „Bösen“ mit dem Prinzen hat ja immer als unadäquat erstaunt, nicht nur in Hinblick auf Turandot, sondern auch auf Kalaf, der von der Leiche der Frau weg geht, die ihn geliebt und sich für ihn geopfert hat – und in die Arme jener Dame, die an all dem Blut und Gemetzel schuld ist…

Aber Chen Kaige inszeniert Betroffenheit, sogar bei den Ministern, die davor echt komische Figuren aus der chinesischen Oper waren. Kurz, das ist nicht nur ein äußerliches Spektakel, sondern auch in Hinblick auf die Psychologie der Figuren interessant anzusehen.

Maria Guleghina ist an den Opernbühnen unserer Tage die Turandot, Abigail und andere Hochdramatische vom Dienst, bekannt dafür, dass sie sich nie schont und schon immer gesungen hat, als gäbe es kein Morgen.  Das hört man langsam, denn sie geht diese Mörderpartie gewaltig, aber auch gewaltsam an, und das klingt selten schön – soll es vielleicht auch nicht? Vor allem, wenn man sie doch interessant spielt.

Kalaf ist ein Pavarotti-Problem für alle Sänger, die derzeit auf den Bühnen der Welt stehen, denn wer „Nessun dorma“ nur ordentlich und nicht betörend singt, lässt jeden Opernfreund mit dem Rätsel zurück, wie diese Arie zu einem Welterfolg von Pop-Ausmaßen werden konnte… Auch Marco Berti singt verlässlich, aber keineswegs bestrickend schön, außerdem ist er ein wenig behäbiger Herr, der seine Spitzentöne etwas stemmt, und kein junger Held, also auch kein idealer Kalaf. Die sind aber bekanntlich nicht eben reichlich aufzufinden

Liu hat leider nicht die überirdisch süße Sopranstimme, die man sich hier wünscht (in Erinnerung an die Freni und deren Kaliber), aber die griechische Sängerin Alexia Voulgaridou (bei uns in Wien noch nicht bekannt) macht sympathische Figur.

In den Nebenrollen der Kaiser von China (Javier Agulló) als sehr müder, resignierter Mann, der sich nur mezzavoce äußert. Eindrucksvoll Alexander Tsimbaliuk als Timur, dazu Fabio Previati (Ping), Vicenç Esteve (Pang) and Roger Padullés (Pong). Und Zubin Mehta, der weiß, wie man eine große Oper zusammenhält, ohne sie zusammen zu dreschen.

Renate Wagner

 

 

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