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DVD: TANCREDI (Florenz 2005)

13.05.2012 | Allgemein, dvd

DVD
Gioachino Rossini:  TANCREDI
Produktion Pesaro 1999 / live aufgezeichnet 2005 in Florenz
ARTHAUS

Der heitere Rossini ist auf unseren Bühnen (und im DVD-Angebot) so präsent, wie man es sich nur wünschen kann. Von dem „ernsten“ Rossini kann man das absolut nicht behaupten. Darum interessiert die Aufzeichnung eines Frühwerks wie „Tancredi“, zumal in einer allseits so gepriesenen Aufführung, wie sie Pier Luigi Pizzi 1999 für das Rossini-Festival in Pesaro schuf. Die Produktion ist seither viel gereist, noch heuer hat man sie in der Deutschen Oper Berlin gezeigt. 2005 hat RAI sie beim Maggio Musicale Fiorentino aufgezeichnet, die DVD ist nun im Handel.

„Tancredi“ also, geschaffen von dem 21jährigen nach einer tragischen Vorlage von Voltaire, im magischen Jahr 1813, als Verdi und Wagner geboren wurden, uraufgeführt, damals in Venedig mit einem „lieto fine“, wie es das Teatro La Fenice verlangte. Die zweite Aufführung in Ferrara ließ das Werk so tragisch enden, wie es zur Geschichte passt, und die Entscheidung, welches Ende man wählt, ist keine ernsthafte: Auch die Pesaro/Florenz-Aufführung  bietet die tragische, die einfach richtig anmutet.

Die geniale Leichtigkeit, mit der die „Tancredi“-Ouvertüre daherkommt, stimmt nicht unbedingt darauf ein, dass man es danach mit einer „Seria“ zu tun bekommt, aber es ist so: Da gibt es tragische Arien, die länger überlebt haben als das Werk, das trotz seiner prachtvollen Titelrolle (die Simionato, die Horne, die Kasarova haben sie gesungen) selten auf den Bühnen zu finden ist.

Ritter strömen auf die Bühne, Kettenpanzer zu weißen Umhängen, aber man muss jetzt keine Angst haben, dass man das originale Sizilien des 11. Jahrhunderts aufgedrückt bekommt. Pier Luigi Pizzi erlegt sich, auch als sein eigener Ausstatter, eine elegante, bühnenbildmäßig an der Antike, in den Kostümen an Zeitlosigkeit orientierte Ästhetik zu, die es ermöglicht, die Geschichte quasi „normal“ zu erzählen. Dabei wird die Optik durch eine Art Farbdramaturgie der Kostüme auch für inhaltliche Aussagen benützt (schlicht, aber eindringlich: weiß ist Unschuld).

Pizzi inszeniert nicht über die Vorgabe hinaus, er stellt das Geschehen hin, achtet auf glaubhafte Reaktionen der Figuren und kommt damit dem Werk entgegen. Es ist kein Schaden, wenn sich zum finalen Ensemble des 1. Akts einfach alle aufstellen und singen, auch wenn es Regisseure gibt, die dergleichen mit Ideen versetzen würden. (Man mag noch – ehrlicherweise – erwähnen, dass man es als Publikum am Fernsehschirm natürlich leicht hat, weil es ein Vorzug der DVD ist, dass man sich deutsche Untertitel wählen kann und folglich immer genau informiert ist, worum es gerade geht.)

Was die üblicherweise leicht krause Handlung betrifft, so wird Amenaide, die weibliche Zentralfigur, Tochter des Herrschers von Syrakus, von mehreren Männern (alle natürlich Fürsten) umworben, einer davon ist ihr Geliebter Tancredi. Die ganze tragische Handlung rankt sich um einen Brief, den die Heldin nicht namentlich adressiert hat, so dass Missverständnissen Tür und Tor geöffnet sind: Wie viel da in der Oper letal ausgehen muss, weil einfach niemand nachfragt, wie es nun wirklich war…

Tancredi ist hier eine Art Lohengrin, nur nicht gottgesandt und sehr unglücklich, weil er für einer Dame Unschuld kämpft, an die er selbst nicht glaubt. Mit dieser Rolle trat Daniela Barcellona 1999, als sie eben einen Pavarotti-Wettbewerb gewonnen hatte, in Pesaro geradezu triumphal in die Opernwelt ein und hat seither ihre Karriere gemacht. Optisch erinnert sie stark an die Bartoli, aber die Fülligkeit nimmt ihr nichts von der Überzeugungskraft, da sie mit einem wirklich schönen Mezzo agiert – und das vor allem in Richtung Empfindsamkeit, nicht Virtuosität, wie es in der Partie vorgesehen ist. Sie ist das hauptsächliche „Opfer“ – oder auch nicht – von der Tendenz des Dirigenten Riccardo Frizza, die tragischen Stellen extrem langsam zu nehmen, manchmal fast unerträglich zu dehnen. Aber die Stimme der Barcellona hat den dafür nötigen langen Atem. Ihr final-letales Verhauchen ist wunderbar…

Sehr gut passt die zart dunkel timbrierte Stimme der Bulgarin Darina Takova zu ihr, die überzeugende Unschuld in Weiß, die dann, wenn’s dann problematisch wird, auch einmal ein dunkelblaues Kleid trägt (und einmal sogar in einer Art Käfig landet, ohne dass man es dem Regisseur übel nimmt).

Mag sich das Interesse auch auf die beiden Damen konzentrieren (die Gefährtin Isaura – Barbara di Castri – ist wirklich nur eine Nebenrolle), so bekommen auch die Männer einiges zu singen und zu spielen. Von der Tradition her ungewöhnlich, dass die Vaterfigur mit einem Tenor und nicht mit einem Bass besetzt ist: Raul Gimenez bietet den in Grenzen kraftvollen Papa, Marco Spotti setzt als Orbazzano seinen Baß entgegen, und als Tancredis Freund Roggiero darf der Countertenor Nicola Marchesini einmal die allgemeine Aufmerksamkeit positiv auf sich ziehen.

Von der Neigung des Dirigenten Riccardo Frizza, die Tragik auszuwalzen, war schon die Rede, aber er gibt der Musik auch ihre Leichtigkeit, wo sie vorgesehen ist, und er bindet diese Seria so zusammen, dass die musikalische Seite jene Spannung mittragt, die die Szene fast immer erreicht.

Renate Wagner  

 

 

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