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DVD Salome (Baden-Baden 2011)

31.01.2012 | dvd

Richard Strauss:  SALOME
Live aus dem Festspielhaus Baden-Baden, 2011
DVD Arthaus

Wenn Thielemann und die Fleming in Baden-Baden zusammen trafen, war das Medienecho eindeutig größer. Aber künstlerische Ergebnisse gibt es auch anderswo. 2011 hat Nikolaus Lehnhoff in Baden-Baden die „Salome“ inszeniert, Stefan Soltesz stand am Dirigentenpult, und kein Opernfreund wird sich die Gestaltung der Titelrolle durch Angela Denoke entgehen lassen wollen.

Dabei hat die Denoke interessanterweise in Wien in dieser Rolle nicht hundertprozentig überzeugt – aber es ist einfach etwas anderes, in eine bestehende Produktion einzuspringen und dort Kräfte zu verschwenden, indem man sich erst einmal zurecht finden muss, oder in einer Vorstellung zu stehen, die einem sozusagen auf den Leib geschneidert wurde – wie diese. Das Ergebnis ist schlechtweg faszinierend.

Diese Salome ist ein halbes Kind. Die Denoke – wie meist mit ihrer blonden Streichholz-Kurzhaarfrisur, hier mit Blümchenreifen im Haar – trägt ein rosa Volantkleidchen, wie es einem Teenager-Prinzesschen zukommt. Später beim Tanz wird sie sich bis zu den Unterkleidern, aber nicht zur Nacktheit vorarbeiten. Sie ist ein Kind, ein boshaftes Kind, das sich etwa freut, wenn Jochanaan Schlimmes über ihre Mutter sagt. Sie ist neugierig, streicht barfuss um die verdeckte Öffnung in der Mitte der Bühne, hüpft, kriecht hinein – was immer sie tut, ist betont künstlich, ein Kind, das weiß, das man ihm zusieht und seine scheinbare Naivität, seine Koketterie betont.

So trifft sie auf Jochanaan, der mit einem Zopf auf seinem Kahlkopf wie Attila der Hunne wirkt, wahrlich ein Wilder, geradezu tobsüchtig diesem provokanten Geschöpf gegenüber – und doch, als sie ihn umarmt, wird er für eine Sekunde ganz lüstern… Das ist ein starker Moment, das macht die Wut noch größer, die Optik hilft dieser Figur sehr, und man würde nur wünschen, dass Alan Held die Kraft in der Stimme hätte, damit sein Gesang ebenso durchschlagend wirkte wie seine Darstellung.

Es ist gezielte, wirksame Absicht, dass Herodias dieselbe Frisur hat wie die Tochter, nur in Rot. Doris Soffel strahlt unglaubliche Härte aus in ihrem goldenen Abendkleid, die Rolle ist nicht groß, aber wo sie dazwischenfährt, gehört ihr zumindest der Augenblick.

Man hat viele Interpretationen des Herodes gesehen: Kim Begley, anfangs mit einem Kranz roter Rosen um den Nacken, ist restlos überfordert mit der Situation, ein hilfloser alter Mann, hoffnungsloses Opfer von Salome, die gut darin ist, ihn verrückt zu machen. Wenn sie geradezu tobt und schreit, dass sie den Kopf des Jochanaan will, ist er dem trotzigen Kind gegenüber hilflos…

Bringt man ihr am Ende diesen Kopf, in ein weißes, blutiges Tuch gehüllt, wird auch ihr Gewand blutig – und wenn sie ihn herausnimmt und lange auf die Lippen küsst, erfüllt sich die ungeheure Gewalt und Perversion dieses Werk in selten gesehenem Ausmaße. Nicht jede Sängerin wäre zu solch exzessiver Selbstverleugnung fähig. Dazu hat sich die Denoke die Rolle gewissermaßen auf ihre Stimme eingerichtet, die ja nun wirklich nicht hochdramatisch ist – aber der leichte Ansatz, mit dem sie singt, passt vollendet zur Kindlichkeit, die sie zum Grundton ihrer Interpretation gemacht hat, in der Verderbtheit sie treibt.

Dabei ist die Optik nicht dazu angetan, den Hof des Herodes mit Sinnlichkeit zu füllen (wie etwa in der New Yorker Met, wo Jürgen Flimm für Karita Mattila eine Party-Welt baute) – Beton, Beobachtungsbrücken, eine Gefängniswelt. Der Henker immerhin ist ein erotischer, fast nackter Mann, der erst Herodias auffängt, der die Kräfte versagen, und sich dann der selig zusammengesunkenen Salome zuwendet, während Herodes zitternd zusammengekauert in einer Ecke sitzt und die Augen schließt…

Stefan Soltesz dirgiert das Deutsches Symphonie Orchester Berlin, trägt das so starke Geschehen und gibt ihm die harten statt der sonst oft beschworenen schwelgerischen Akzente. Ein Erlebnis, auch wenn man es nicht live genießen kann.

Renate Wagner

 

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