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DVD Parsifal (Bayreuth 1998)

17.09.2012 | dvd

DVD
PARSIFAL von Richard Wagner
Aufgenommen im Juli 1998 im Festspielhaus Bayreuth
Unitel Classica

Giuseppe Sinopoli musste nicht erst sterben, dass man wusste, was man an ihm hat. Und noch heute geht dieses ungeheuer sensible, intelligente, so strukturiert dirigierende musikalische Multitalent vielen Musikfreunden ab. Sein Bayreuther „Parsifal“, der stellenweise irisierenden, quasi minimalistischen Sog erzeugt, wo Pastoses nie pathetisch wird, ist ein Markstein in der Festspielgeschichte. Ein Glück, die Aufführung jetzt auf DVD zu besitzen.

Zumal die Inszenierung von Wolfgang Wagner nicht annähernd so schlecht ist, wie man es dem langjährigen Herrn des Grünen Hügels gern pauschal für alle seine Arbeiten nachsagte.

Bedenkt man, dass diese Inszenierung von 1989 stammte (im Jahr der Aufzeichnung lief sie schon im zehnten Jahr), dann trennt uns fast ein Vierteljahrhundert davon: Zwischen dem „Parsifal“ von Wieland Wagner über Christoph Schlingensief zu Stefan Herheim liegt der Wandel Bayreuths von Wolfgang zu Katharina, von der Klassik der durchaus eleganten Stilisierung (Götz Friedrich hatte da zwischendurch einen raueren Ton eingebracht, bevor Wolfgang wieder übernahm) zur großflächigen, bilderreichen heutigen Auseinandersetzung.

Sicher hatte Wolfgang Wagner noch das reserve-christliche Weihespiel im Sinn, der Gral erscheint als modifizierter Kelch immer wieder, aber auf der Bühne sah man,  was damals für abstrahiert erachtet wurde – Bäume wie Skulpturen, eine Gralswelt mit eckigen Elementen (statt jenen Rundbögen, die sonst für Rittertum stehen), im 2. Akt gibt es expressionistische Treppenelemente.  Die Blumenmädchen allerdings hopsen und winken in Rosa so, wie man sich die Verführerinnen zu Wagners Zeiten wohl vorgestellt hat. Im übrigen waltet ein gemessener Chor, es herrscht ein ritualisierter Bewegungskanon, eine symbolische Farbgebung (Klingsor in giftigem Lila), aber im großen und ganzen ist das weder dumm noch schlecht, sondern eine ansprechende, wenn auch nicht herausfordernde Umsetzung.

Hier können sich die Sänger als Darsteller klassischen Zuschnitts bewähren. 14 Jahre nach der Aufzeichnung sind nur noch zwei der Hauptrollen-Interpreten voll aktiv: Linda Watson singt noch immer Kundry und Wagner-Heroinnen, Falk Struckmann ist noch immer allerorten Amfortas. Hans Sotin hat sich in den dazwischen liegenden Jahren auf konservative Festivals wie Wels zurückgezogen und wurde dort zuletzt bei seinem ultimativen Abschied verdient groß gefeiert – er war auch ein großer Gurnemanz. Matthias Hölle gibt noch gelegentlich den Titurel, Ekkehard Wlaschiha, der ein eindrucksvoller Klingsor war, ist mittlerweile Mitte 70 und hat sich zurückgezogen, und für den einstigen Parsifal Poul Elming reicht es gerade noch für Puccini-Nebenrollen. Sic transit… Doch damals gaben sie alle zusammen eine gute, geschlossene Besetzung.

Übrigens: Es heißt doch, dass es eine sichere Aufstiegschance bedeuten würde, als Blumenmädchen im Bayreuther „Parsifal“ mitzuwirken (so wie mancher später bekannte Schauspieler in der Tischgesellschaft des „Jedermann“ dabei gewesen sein will): In diesem Fall hat sich das nicht bewahrheitet, kein einziger Name lässt aufhorchen.

Ein „Parsifal“ wie dieser, musikalisch vom Dirigenten her wirklich besonders, ist szenisch vermutlich allerbestens geeignet, für Einsteiger als Grundlageninformation zu dienen: Nur wer das Werk so unverschnörkselt kennt, kann dann auch die Gedanken würdigen, die spätere Regisseure daran knüpfen.

Renate Wagner

 

 

 

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