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DVD Otello (Deutsche Oper Berlin, 1962)

04.08.2012 | dvd

Verdi: OTELLO  (Deutsche Oper Berlin, 1962)
DVD Arthaus

1962 schmückte Renata Tebaldi eine (oder wahrscheinlich mehrere) „Otello“-Aufführungen der Deutschen Oper Berlin. Es war die große Zeit der konkurrierenden Diven, die „Tigerin“ Callas gegen die „Engelsstimme“ Tebaldi, und wer auch nur eine der beiden an Land ziehen konnte, war in der Opernwelt König.

Die Aufführung der Deutschen Oper Berlin war damals immerhin wichtig genug, um aufgezeichnet zu werden, und glücklicherweise gibt es noch Menschen mit Sinn für Geschichte (das ist beileibe nicht dasselbe wie Nostalgie), die richtigerweise meinen, alte Dokumente müssten der Gegenwart zugänglich gemacht werden. In der DVD-Edition „100 Jahre Deutsche Oper Berlin“ ist schon einiges Wunderbare, Kostbare erschienen, nun ist der schwarzweiße „Otello“ an der Reihe.

Er ist, über die „live“-Begegnung mit der Tebaldi hinaus, in vieler Hinsicht interessant. Für Wiener Opernfreunde etwa durch die Besetzung der Titelrolle mit Hans Beirer (1911-1993), der lange Jahre „der“ Wagner-Tenor der Staatsoper war und tatsächlich hier nur eine einzige italienische Rolle gesungen hat, den Otello nämlich – den man nun hier noch einmal erleben kann. Und natürlich dienen historische Aufführungen auch dazu, sich zu vergewissern, wie Operninszenierungen (diese ist von Hans-Peter Lehmann) einst ausgesehen haben – da dominierte schon stark das Hände ringen, Arme ausbreiten, Fäuste ballen. Der Chor wogt solcherart, ein Kinderchor ist lieblich, und es gibt auch ein Strumpfhosen-Ballett. Immerhin erscheint die Ausstattung von Wilhelm Reinking auch heute noch schlicht und fast elegant zwischen dem Markus-Löwen auf Säule zu Beginn und dem Himmelbett am Ende. Jedenfalls waren es „brave“ Inszenierungen wie diese, an denen sich der Widerstand rieb, so dass Regie heute meist nur noch bedeutet, von einem Extrem ins andere zu fallen.

Immerhin stört nichts an diesem Rahmen die Konzentration auf die drei Hauptdarsteller. Renata Tebaldi (Jahrgang 1922) war damals erst 40, aber sie wirkte nie wirklich „jung“, sie war immer das, was Kinder einst als „eine schöne Dame“ bezeichnet haben.  Man richtete sie auch ihrem Starstatus entsprechend her, mit wunderbaren Frisuren, in die allerlei Geschmeide geknüpft wurde, und prunkvollen  Roben. Elegante Gemessenheit zeichnet auch ihr Spiel aus, und was die Stimme betrifft, so klang sie zumindest an diesem Abend leicht angeschrammt, was sich in Höhenschärfen äußerte. Aber allerspätestens beim Lied von der Weide und dem wirklich ergreifenden Gebet stellten sich die berühmten „Engelstöne“ ein, und so sehr die Erscheinung auch die der „sanften Diva“ ist, so überzeugend wirkt die von innen kommende Intensität, die diese Desdemona mit ihrer wunderbar geführten Qualitätsstimme erzielte.

Hoch interessant der Otello von Hans Beirer, weil vom Wagner-Helden mit gänzlich „unitalienischer“ Stimmführung gesungen. Dennoch hat er sich keinesfalls mit schierer Kraft (so sehr er sie besaß) über die Rolle gestürzt, sondern führt die Figur (mit Ohrringen und exotischen Gewändern als gestandener Mann optisch „der“ Otello schlechthin) nicht nur darstellerisch grobflächig, sondern auch stimmlich differenziert durch ihre Gefühlsschwankungen. Zwischen ihn und der Tebaldi spielt sich durchaus etwas ab.

Man erinnert sich auch an den amerikanischen Bariton William Dooley, Jahrgang 1932, der in diesen Jahren der große Star der Deutschen Oper war (später war er eine zeitlang an der Wiener Staatsoper) und der als einziger der Besetzung als „moderner Typ“ durchgehen würde – ein gut aussehender junger Mann, der es leicht hätte, durch liebenswürdiges Äußeres Vertrauen zu gewinnen, wodurch die Abgründigkeit der Figur dann noch evidenter wird. (Der Zuschauer weiß halt immer mehr als die Leute auf der Bühne.) Sein heller Bariton klang allerdings des öfteren leicht angestrengt – damals hat man wohl noch nicht via Technik an den Aufnahmen herumkorrigiert…

Es dirigierte Giuseppe Patané, ein klassischer Maestro, wie es sie immer weniger gibt, am Ende ist es eine Aufführung, die man – ungeachtet, dass sie „schwarzweiß“ und zweifelsfrei „altmodisch“ ist – so gebannt betrachtet hat wie jeden packenden „Otello“ von heute.

Renate Wagner

 

 

 

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