Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DVD LA FANCIULLA DEL WEST (Met 2011)

16.06.2012 | dvd

DVD  
LA FANCIULLA DEL WEST von Giacomo Puccini
Metropolitan Opera New York, 2011
Deutsche Grammophon

Wer meint, diese Inszenierung zu kennen bzw. wiederzuerkennen, hat sicher Recht, denn er hat dann vermutlich die Aufnahme von 1992 mit Placido Domingo gesehen. Damals hatte die Metropolitan Opera 1991 Puccinis „La fanciulla del West“ in der opulenten Inszenierung von Giancarlo del Monaco in der ausufernden, aber nie geschmacklosen Ausstattung von Michael Scott auf die Bühne gebracht.

Und als sich nun 2010 der hundertste „Geburtstag“ dieses Werks jährte, das von Giacomo Puccini im Auftrag der Met komponiert wurde, überlegte man vermutlich, dass man es nicht besser machen könnte also damals und revitalisierte die alte Produktion. Sie wurde, wie so viele Met-Abende, im Kino übertragen (Sondra Radvanovsky ist die Gastgeberin, die auch die wie immer viel zu kurzen und kursorischen Pauseninterviews führt), und die Deutsche Grammophon hat nun die DVD herausgebracht.

Für Opernfreunde mit einem Herz für altmodische Inszenierungen – und auch diese darf und soll es geben (die diesbezüglichen Opernfreunde und die diesbezüglichen Inszenierungen) – ist die Met ja ohnedies im allgemeinen der Ort, wo sie sich live oder per DVD sorglos niederlassen können. Dort sehen die Werke noch so aus wie in diesem Fall vermutlich vor hundert Jahren…

Da spielt die Geschichte von Saloon-Wirtin Minnie in echtem „Western“-Ambiente (der Ausstatter hat einst mit liebevoller Detailfreude gearbeitet) – ihre Schenke, ihre Blockhütte, am Ende die Straße in bester Wildwestmanier sprühen „Kino“-Leben. Man hat ja auf DVD Nikolaus Lehnhoffs Amsterdamer Aufführung von 2009 zum unmittelbaren Vergleich, wo man sich in einer Bar vor Wolkenkratzern, in einem schockfarbigen Wohnmobil und auf einem Autoschrottplatz wieder findet. Warum sollte man dort die Geschichte überzeugender erzählen können als in jenem „Wilde Westen“, den Puccini 1910 für seine amerikanischen Auftraggeber als Rahmen wählte?

Kinogerecht ist es auch, wie man auf altmodische Art (aber das muss man einmal können!) die vielen Episodenfiguren und das „Volk“ ins Geschehen fügte (das Chor- und Statistenfurioso des dritten Akts ist bemerkenswert), so dass Hollywood wahrlich grüßen lässt und man sich gar nicht wunderte, wenn John Wayne plötzlich bei der Tür hereinkäme…

Die Met besetzt nach Möglichkeit mit großen Namen, aber sie hält auch die Treue, mit dem Ergebnis, dass die drei Hauptrollen in diesem Fall zwar nicht taufrisch, aber doch zweifelsohne persönlichkeitsstark besetzt sind. Deborah Voigt als blonde Minnie ist zwar nun nicht das spritzige Cowgirl, sondern die mittelalterliche Mama der Kompagnie, der die rauen Männer glaubhaft aus der Hand fressen. Sie ist natürlich auch eine souveräne Schauspielerin, die zeigt, wie sie ihre Liebe zu den Outlaw Dick Johnson wachsen lässt… und sie ist auf jeden Fall die Frau, die sich glaubhaft ihren Liebsten vom Galgen herunterschneidet. Im Interview erklärt die Voigt, dass es nicht ganz leicht ist, so mittendrin immer wieder ein paar hohe „C“ zu schmettern. Das kann sie aber noch recht gut, wenn auch zwischendurch nicht mehr alles gleichmäßig gut klingt.

Marcello Giordani ist ein Schwergewicht, seiner Partnerin diesbezüglich nicht unähnlich – man soll nicht unterschätzen, wie wichtig es ist, dass zwei Sänger in jeder Hinsicht, also auch optisch zusammenpassen. Er tut es auch mit seiner sympathischen, geradlinigen Art, die Rolle zu spielen und zu singen, er ist noch immer ein Klassetenor, der seinen Abschied von der Welt schön schmilzt und schmalzt (nur dass ihn Minnie retten darf, was Tosca ja nicht gelingt…)

Da das „Mädchen“ ja zu den weniger oft gespielten Puccini-Opern zählt, haben nicht allzu viele Sänger die Rollen auf ihrem Repertoire. Das erklärt, dass man Lucio Gallo als Bariton-Bösewicht Jack Rance in der Amsterdamer Aufführung findet und nun an der Met wieder. Gallo, der sein Alter beharrlich verschweigt, aber doch schon lange genug im Geschäft ist, lässt einige Trockenheit und Brüchigkeit in der Stimme hören, die vermutlich daraus resultiert, dass er seine Stimme mit Rollen wie Jago vermutlich überreizt. Den Jack Rance spielt er elegant, souverän, zynisch, in Aufführungen wie dieser ist eine vordergründige Interpretation einfach die richtige.

Vorbei die Zeiten, als an der Met immer (und immer verlässlich) Jimmy Levine am Pult stand. Hier dirigierte Nicola Luisotti mit jenem Feeling für Puccini, das diesen altmodischen, altmodisch-schönen Abend zusammen hält. Wenn man es mag, ist es prächtig. Wer es nicht mag, hat andere Alternativen.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken