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DVD Il Ritorno d’Ulisse in Patria (Zürich 2002)

04.08.2012 | dvd

Il Ritorno d’Ulisse in Patria  (Zürich 2002)
DVD  Arthaus

Zehn Jahre alt ist diese Aufführung, aber wenn man sie heute als „neu“ auf die Bühne stellte, würde sie vermutlich ebenso reüssieren wie damals: Denn so, wie einst 1977 Nikolaus Harnoncourt und Jean-Pierre Ponnelle mit ihrer „barocken“ Interpretation der drei Monteverdi-Opern die Zuschauer überwältigt (und außerdem die ganze szenische Welle der „alten Opern“ losgetreten) haben, so überzeugte 2002 der neue „Ulisse“, wieder mit Nikolaus Harnoncourt und dem Zürich-eigenen Orchestra La Scintilla (und der ganzen klanglichen Qualität, die damit Hand in Hand geht), aber optisch und auch ideologisch in ganz neuem Gewand.

Es ist natürlich diese Szene, geschaffen von Regisseur Klaus Michael Grüber und seinen kongenialen Ausstattern (Bühne:  Gilles Aillaud, Kostüme: Eva Dessecker), die das neue Monteverdi-Gesicht für unsere Zeit prägt. Zur Aufnahme ist dabei zu sagen, dass es sich für Pereiras Züricher Opernhaus wahrlich gelohnt hat, fast alles durch die Firma von Felix Breisach aufzeichnen zu lassen – neben der handwerklichen Routine steht da stets die nie erlahmende Ambition, eine Opernaufführung „filmisch“ umzusetzen, so dass man den Zuschauer nie auf einen Blickwinkel konzentriert (wie im Opernsessel), sondern ihm auch das „Unmögliche“ bietet, etwa die Sicht von oben auf eine sich drehende Bühne. Wenn dann auch noch die blauen Bemalungen sichtbar werden, die kein Zuschauer live so sehen kann, dann weiß man wieder, wie sehr diese DVD-Aufnahmen sich lohnen – nicht als Ersatz für live, aber als Ergänzung, und wer es live nicht schafft (man kann schließlich nicht überall sein), für den sind diese Aufzeichnungen unabdingbar. Weil sie eben nicht leblose Bilder sind, sondern die höchst lebendige Umsetzung des höchst lebendigen Geschehens.

Den Zauber der fast leeren Bühne, den schlichten Habitus hat Klaus Michael Grüber aus seinen Arbeitsjahren mit Giorgio Strehler mitgebracht. Eine glatte weiße Hausmauer mit ein paar raffinierten Graffiti bietet das volle mediterrane Flair und gleichzeitig die Atmosphäre der Trostlosigkeit, aus der sich die schlanke, dunkle Gestalt der wartenden Pénélope abhebt. Davor schon hat man gesehen, dass die Götter keinerlei Paläste mehr für sich beanspruchen dürfen – und weniger noch: Die Damen sind ja noch einigermaßen würdevoll im Habitus, die Männer fast im Sandler-Look und mit entsprechendem Benehmen, mit einem Wort höchst menschliche Herrschaften.

Auf Erden spielt sich dann die Geschichte des als Bettler heimkehrenden Odysseus mit einer Intensität ab, die durch den schlichten Rahmen noch erhöht wird – tatsächlich ist es die minimalistische Sparsamkeit des Szenischen, die der Musik quasi einen anderen Charakter verleiht. Sie ist nicht mehr die glanzvolle Illustration zum repräsentativen Spektaekl, sie wird zum Träger der Geschichte. Wie wundervoll leicht diese genommen wird, zeigt sich etwa an der „Puppentheater“-Szene, die mit großer Selbstverständlichkeit den Alltag auf einer Insel illustriert – und ja doch die Geschichte der drei Freier von Penelope abhandelt. Überdies sind die heiteren Teile nicht als solche ausgestellt – wie es ja noch Monteverdis Intention war, im Sinne griechischen Theaters Ernstes und Heiteres auch auf der Opernbühne zu mischen -, sondern ein harmonischer Bestandteil des Ganzen.

Interessant an dieser Aufnahme ist auch, dass sie als Protagonisten zwei Sänger zeigt, die damals in ihren Dreißigern waren und in Zürich künstlerisch langsam einen Fuß vor den anderen setzten. Wobei Vesselina Kasarova als Pénélope in Erscheinung und Stimme schon jenes Besondere ausstrahlt, das die große Karriere ankündigt, die sie seither gemacht hat. Der junge Telemaco, den man auf den ersten Blick gar nicht als Jonas Kaufmann erkennt, ist zwar stimmlich und darstellerisch in der nicht sehr großen Rolle recht einnehmend – aber dass man ihm auf Grund dieses Erscheinens die große Karriere an den ganz großen Häusern hätte voraussagen wollen oder können, das wohl nicht… Auch in solcher Hinsicht ist es natürlich interessant, sich DVDs anzusehen. Man erfährt mehr über die Entwicklung von Sängern, als man live je mitbekommen kann.

Die Kasarova und Dietrich Henschel als eindrucksvoll hagerer Ulisse pflegen auch einen gewissen stilisierten Bewegungskanon, der sie von den andern abhebt. Ein heiteres Paar (Malin Hartelius und Boguslaw Bidzinski) darf hingegen ganz natürlich sein, wenn er ihr die Wolle halten muss, während sie ihr Knäuel aufrollt.

Zeus (Anton Scharinger), Neptun (Pavel Daniluk), Hera (Martina Janková) und Athene (Isabel Rey) sind ebenso überzeugend besetzt wie die alte Amme mit Cornelia Kallisch oder Rudolf Schasching als der Spaßmacher Iro, der als Direktor des (hier so klug erfundenen) Puppentheaters fungiert, um das sich die Freier Antinoos (Reinhard Mayr), Pisandros (Martin Zysset) und Anfinomos (Martín Oro) scharen.

Es ist die harmonische Besetzung eines harmonischen Abends, der dennoch nie gleichförmig wirkt – da ist Harnoncourt vor. Monteverdi- und Harnoncourt-Fans werden auf jeden Fall die Ponnelle-Fassung des Werks von 1977 besitzen. Wer sich nun die neuere Interpretation zulegt, bekommt nicht nur einen musikalisch ausgesucht schönen Ulisse, sondern auch ein Beispiel für die Rezeptionsgeschichte des Genres Oper in unserer Zeit – da hat sich doch in einem Vierteljahrhundert viel gewandelt. Jede Sicht war für ihre Zeit richtig. Und weil beide Aufführungen in sich so stimmig sind, wird man sie – beide! – unter Opernfreunden vermutlich in einem weiteren Vierteljahrhundert genau so bewundern wie heute.

Renate Wagner

 

 

 

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