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DVD ELEKTRA (Zürich 2005)

14.05.2012 | dvd

DVD
Richard Strauss:  ELEKTRA
Opernhaus Zürich, 2005   ARTHAUS

Das „Elektra“-Angebot auf DVD ist nicht nur groß, sondern auch künstlerisch gewichtig – die alte Met-Aufführung mit Birgit Nilsson, die Produktion, in der Leonie Rysanek unter der Leitung von Karl Böhm die Rolle riskierte, die alte Wiener Harry-Kupfer-Inszenierung unter Claudio Abbado mit Eva Marton. 2010 kamen – wie in bewusster Konkurrenz – zwei Aufführungen dazu, jene, die Christian Thielemann mit Linda Watson in Baden Baden dirigierte und jene der Salzburger Festspiele unter Daniele Gatti mit Iréne Theorin

Da wird wohl jeder etwas finden – aber kein „Elektra“-Fan wird sich entgehen lassen, was ARTHAUS nun neu herausgebracht hat, nämlich Martin Kusejs Züricher Inszenierung von 2003, die 2005 aufgezeichnet wurde (in teilweise veränderter Besetzung zur Premiere).

Das Erstaunen war – vor nun auch schon fast einem Jahrzehnt – allgemein, dass Kusej sein Züricher „Elektra“-Konzept durchaus „gemäßigt“ angelegt hat. Allerdings ist bei ihm der Palast nicht, wie so oft, Gefängnis oder Müllgrube, sondern etwas ganz anderes: Rolf Glittenberg hat einen langen Gang geschaffen, der in der Bühnenmitte zentral nach hinten führt, links und rechts öffnen sich zahlreiche Tore. Und da gibt es nun nicht die original vorgesehenen „Mägde“, sondern nur – Sex-Personal, halb nackt bis oben ohne. So, wie sie aus den Türen hüpfen und sich durcheinander mengen, ist das ein ziemlich wildes Bordell: Aegisth, der normalerweise erst am Ende auftritt, kommt schon anfangs und schleppt eine Nackte ab…

Und da ist Elektra natürlich der komplette Gegenpol: Die Frau unter der Kapuze (die ziehen sich jene über den Kopf, die nicht erkannt werden wollen), in der Trainingshose –  die ist anders als alle anderen: So schauen die bösen Mädchen aus, die von einer Demo heimkommen und dort alles missbilligen. Elektra macht nicht mit im wilden Sex-Reigen, sie bohrt sich in ihren Protest, wird von Wut gebeutelt: Dass die Atriden-Tochter nur von ihrem Hass am Leben gehalten wird, liegt in der Natur der Rolle, wird aber selten so schonungslos dargestellt wie durch Eva Johansson  – sie schreit sich ihren Kummer aus dem Herzen und der Kehle. Die Sängerin, die man in Wien als jugendliche Brünnhilde im aktuellen „Ring“ kennt, hat hier eine Rolle, in der sie ihre darstellerischen Fähigkeiten voll ausspielen kann. Ihre Falschheit, wenn sie am Ende Aegisth lockt – ihre zufriedene Unbewegtheit, wie sie der Ermordung zusieht, ja, Elektra zieht sogar die Pistole, quasi als backup, um sicher zu gehen, dass hier jetzt Blut fließt. Was sonst ihr finaler Triumphtanz ist, ist hier nur Zusammenbrechen am Ende der Kraft. Mit den letzten Tönen der Partitur starr wieder ein böses Gesicht unter Kapuze in Richtung Publikum: Diese Aufzeichnungen liebt es, den Sängern ganz nahe zu rücken… Dass Eva Johansson  angesichts der geforderten stimmlichen Exzesse immer über ihre Verhältnisse singt, das ist hier bei Strauss ebenso unüberhörbar wie bei Wagner, aber da kompensiert die Richtigkeit der Figur die Anstrengung, die in der Stimme immer wieder hörbar wird.

Angesichts dieser Elektra ist die schöne Schwester im weißen Abendkleid ein starker Kontrast, wie man ihn selten gesehen hat. Melanie Diener verträgt es, dass die Kamera ihr ganz nahe kommt: Chrysothemis als schöne Frau, die für Leben plädiert und ihr Leben will. Sie bekommt es auch – ganz am Ende steht sie wie eine Braut im weißen Schleier im Hintergrund der Bühne… in Siegerposen. Auch sie ist von Kusej ungemein klug geführt, singt auch schöner als die Schwester, ist stimmlich nur bei den starken Ausbrüchen leise überfordert.

Jede Klytämnestra wird in ihrer Szene alle Aufmerksamkeit an sich reißen, und auch Marjana Lipovsek – mit Blondfrisur der zwanziger Jahre – gelingt es: Eine keifende, larmoyant anklagende Königin, die sich selbst so leid tut und von ihrer Tochter mit geradezu erschütternd kühlem Haß betrachtet wird. Die Bösartigkeit, die zwischen den Frauen fließt, endet fast in Handgreiflichkeit: Wie zwei böse Hexen gehen sie auf einander los.

Orest freilich ist nicht ganz glaubhaft, weil Alfred Muff einfach zu alt wirkt – das ist nicht der Bruder, das ist der Opa und folglich nicht unbedingt der überzeugende „Erlöser“. Der Aegisth des massigen, typenmäßig exzellenten Rudolf Schasching (er greift der Stieftochter gleich an den Busen und lässt sich von einem Sexangebot, das sie ihm verlogen macht, immer locken) bekommt in dieser Oper ja wenig mehr als seinen Tod, aber das macht er exzellent.

Christoph von Dohnányi am Orchesterpult der Züricher Oper lässt Strauss Strauss sein, das heißt, dass er die Exzesse der Partitur ausschöpft, das Psychodrama, das die Protagonisten erhitzen, adäquat begleitet. Da passt alles zusammen.

Renate Wagner

 

 

 

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