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DVD Der Zwerg / Der zerbrochene Krug (Los Angeles 2008)

17.09.2012 | dvd

DVD
DER ZERBROCHENE KRUG von Viktor Ullmann
DER ZWERG von Alexander von Zemlinsky
Los Angeles Opera, 2008
ARTHAUS

Das ist eine attraktive Zusammenstellung, die auch einem europäischen Publikum gefallen könnte. Aber unternommen hat man einen Abend wie diesen in Amerika. An der von Placido Domingo geleitete Oper in Los Angeles ist man mit zwei Kurzopern (an sich nicht die Lieblingsstücke von Opernhäusern, weil im allgemeinen schwer zu kombinieren)  erfolgreich zwischen Scylla und Charybdis von gefordertem Anspruch und notwendiger Publikumswirksamkeit durchgehommen. Ein Abend, der noch als „modern“, sicher aber als gefällig durchgeht.

Beide Opern ergaben (die Pause nicht mitgerechnet) einen gerade zweistündigen Abend, der sich auf einer DVD vereint findet. Gezeigt wrden vergessene Werke zweier jüdischer Komponisten, deren Leben durch den Nationalsozialismus zerrissen, ja zerstört wurde, und die auch ihren Nachruhm einbüßten: Sowohl Viktor Ullmann (von dem nur „Der Kaiser von Atlantis“ gelegentlich auftaucht) wie auch Alexander von Zemlinsky (bei dem verschiedene Wiederbelebungsversuche nicht nachhaltig geglückt sind) fielen mehr oder minder der Vergessenheit anheim. Solcherart ist ein Abend wie dieser, der auch noch über DVD weltweit ein breites Publikum erreichen kann, geradezu eine musikhistorische Leistung.

Auch wenn beide Komponisten musikalisch nur bedingt dem zuzuordnen sind, was wir unter „Moderne“ versteht (nämlich Alban Berg und die Nachkommenden). Ullmanns Kurzversion von Kleists „Der zerbrochene Krug“ ergibt gerade einmal 40 Minuten hübscher Musik, und das Team Darko Tresnjak (Regie) und Ralph Funicello / Linda Cho (Bühnenbilder und Kostüme) hat nichts weiter getan, als hübsche Märchenwelten zu beschwören – der „Krug“ beginnt mit einem anmutigen Schattenspiel, und wenn Dorfrichter Adam dann in Nachthemd und Zipfelmütze erscheint, ist die rein komödiantische Umsetzung von Kleists an sich doch bitter-lustigem Stück angesagt. Hübsch, wie Ullmann etwa aus der Klage der Frau Mathe Rull um ihren Krug, schon im Theaterstück gewissermaßen eine „Arie“, eine herrliche komödiantische Szene macht, wie nett das brave Mädchen Eve hier erscheint – kurz, das ist Holland aus dem Bilderbuch, eine Petitesse, ein Hors d’Ouvre, um einen Abend mit Zemlinsky auf abendfüllend zu strecken.

Hierzulande kennt man „Der Zwerg“ auch unter dem Titel „Der Geburtstag der Infantin“, und eines der zahlreichen Velasquez’schen Infantinnen-Bildern stimmt auch das Publikum ein (wenngleich Zemlinskys Stück ein Jahrhundert früher spielt und es sich bei der Infantin um die Tochter von Philipp II. handeln soll – aber so genau muss man es nicht nehmen): Man ist am spanischen Königshof, die Infantin Clara hat einen Zwerg quasi als „Spielzeug“ geschenkt bekommen, und in der wunderbar tragischen Geschichte moduliert Zemlinsky aus, dass Menschen keine Spielzeuge, sondern fühlende, zerbrechliche Wesen sind…

Gesungen wird auf Deutsch und überraschender Weise sogar einigermaßen verständlich. James Conlon dirigiert (wie meist in Los Angeles, wenn Placido Domingo nicht selbst ans Pult will), und die Hauptrollen des Adam mit James Johnson und vor allem des Zwergs mit Rodrick Dixon waren hervorragend besetzt (Letzterer nicht nur mit Rigoletto-Buckel bestückt, sondern auch noch ein Farbiger, was seine brutale Außenseiterposition zusätzlich unterstreicht). Die schöne grausame Prinzessin (Mary Dunleavy), ihre dem Zwerg gegenüber liebevolle Gefährtin (Susan B. Anthony) sowie im ersten Stück Elizabeth Bishop als Marthe und Melody Moore als Eve sind zwar keine Sängerinnen, die man jenseits des Großen Teichs kennt, aber sie entsprechen und komplettieren zwei dichte Aufführungen, die ihre Schöpfer vermutlich sehr glücklich gemacht hätten. Und ein Opernpublikum, das nicht immer nur dasselbe sehen will, vermutlich auch.

Renate Wagner

 

 

 

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