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DVD DER RING DES NIBELUNGEN (Barcelona 2003 / 2004)

07.03.2012 | dvd

DVD    
DER RING DES NIBELUNGEN  
Aufgezeichnet im Gran Teatre del Liceu, Barcelona  2003 / 2004
11 DVDs, OpusArte

Harry Kupfer hat Wagners „Ring des Nibelungen“ 1988 in Bayreuth inszeniert (die Aufzeichnung erfolgte 1991 und ist auf DVD erhältlich) und später in abgewandelter Form an der Deutschen Staatsoper Berlin. Diese Inszenierung wurde an das Gran Teatre del Liceu in Barcelona übernommen und dort in den Jahren 2003 und 2004 aufgezeichnet. OpusArte bringt die vier Werke nun in einer Kassette heraus, großzügig bestückt: Wo andere „Ring“-Gesamtaufnahmen mit 7 DVDs auskommen, gibt es hier 11, zwei für „Rheingold“, in den folgenden drei Opern hat jeder Akt seine eigene Scheibe. Die Qualität ist glänzend, auch jene der Aufzeichnung, die immer genügend Aufnahmen der Totale bietet, um den Gesamteindruck zu vermitteln, und genug Nahaufnahmen, um darstellerische Leistungen im Detail verfolgen zu können.

Harry Kupfer hat für Berlin / Barcelona seine Bayreuther Arbeit zwar weiter entwickelt, basiert aber in vielen Elementen darauf. Es ist optisch (großartig und die Teile zusammen schweißend: Bühnenbildner Hans Schavernoch und Kostümbildner Reinhard Heinrich) ein „Ring“ in einer technisierten Welt. Wenn etwa im 1. Akt „Siegfried“ ein riesiges Turbinenrad eine Bühne beherrscht, die im übrigen wie eine Fabrikhalle aussieht mit ihren Galerien und Leitern, dann ist klar, wie weit sich der Regisseur von den Vorgaben Wagners (der „Höhle“ Mimes) entfernt, ohne dem Werk Gewalt anzutun. Kupfer mag im „Rheingold“, zumindest im ersten und letzten Bild, noch andeutungsweise Heiterkeit dulden, aber im Grunde erzählt er eine zutiefst düstere Geschichte.

Ganz wichtig ist die Entwicklung, die er den Figuren gibt – und zwar allen. Die Rheintöchter, die im „Rheingold“ noch fröhlich in Unterhemdchen agieren, sind in der „Götterdämmerung“ alt und schäbig geworden. Erda, die im „Rheingold“ als schneeweiße Blütenfee aus der Tiefe kommt, ist in „Siegfried“ dunkel und alt (wie dann in der „Götterdämmerung“ die Nornen). Alberich, der halbnackt hinter den Rheintöchtern her ist, ist dann in seiner „Unterwelt“ (die Wotan und Loge durch eine Röhre erreicht, wie man sie etwa in Flughäfen kennt) in ein goldenes Jackett geschlüpft. Ganz am Ende des „Ring“-Zyklus ist er der verwirrte alte Mann, der sich den Ring, seinen Ring (hier ein Riesending, das wie ein Schlagring über vier Finger geht) triumphierend geholt hat – und erleben muss, dass er ihm zwischen den Fingern zerbröselt…

Besonders deutlich wird die äußere Entwicklung an der Figur von Wotan klar, der zu Beginn des „Rheingolds“ fast naiv mit einem Blumenkranz auftritt, aber schon im Lauf des Vorabends merkt, was er da getan hat. In der „Walküre“ erscheint er mit langem Pferdeschwanz und einer wütenden Energie, die wirklich an einen Hunnenkönig denken lässt. Der Wanderer ist alt und resiginiert. Im übrigen hat Kupfer auch hier jene Idee übernommen, die man in Bayreuth schon so bewundert hat. Tatsache ist ja, dass Wotan in der „Götterdämmerung“  nicht mehr in Person erscheint – und natürlich entscheidend fehlt. Kupfer widmet ihm den  Trauermarsch: Der Gott kommt noch einmal, um sich von seinem Enkel, „der freier als ich, der Gott“, zu verabschieden. Es ist ergreifend, wie er hier auch Brünnhilde begegnet – aber es gibt keine Versöhnung zwischen Vater und Tochter, erstarrt sieht sie den Vater an – Verursacher allen Unglücks, das sie ausbaden und befrieden muss…

Im Grunde wahrt nur die Figur der Brünnhilde durchgehend Kontinuität und Schönheit, und nicht nur an ihr erweist Kupfer seine Fähigkeit, Figuren bis ins Detail psychologisch auszufeilen. Interessant auch seine Musikalität, die immer wieder in die Körpersprache übergeht – ja, wenn Donner sein „He da! He da! He do!“ singt, dann ist es von der Musik her möglich, mehr noch, in Kupfers Inszenierung selbstverständlich, dass die erlösten Götter sich heiter im Kreis drehen – und in Tanzschritten bewegt sich Wotan auch, in einem Arm Fricka, im anderen Freia, in Richtung Walhall…

Der „Ring“ ist, wenn man es flapsig formulieren will, schon von Wagner her ein kruder Genre-Mix, und Kupfer erfüllt ihn gleicherweise mit Sinnlichkeit und Düsternis, was auch durch die reichen Schaueffekte der Bühnengestaltung unterstrichen wird (der Wald in „Siegfried“ ist eine Monsterwelt zum Fürchten, trotz des herumflatternden Vögelchens…). Bertrand de Billy, der das Orquestra Sinfonica del Gran Teatre del Liceu noch im „Rheingold“ durchaus durchsichtig klingen lässt, legt im Lauf des Zyklus jene Dynamik und Dramatik zu, die das Werk verlangt, ohne je in der Bombastik zu landen.

Es gibt mehrere komplette „Ring“-Aufnahmen auf DVD, und ihr Zweck ist nicht zuletzt, große Sängerleistungen aufzubewahren. Neben der hinreißenden Brünnhilde der Gwyneth Jones für Boulez/Cherau (Bayreuth) und der Hildegard Behrens für Levine/Schenk (Metropolitan Opera New York) wird hier die Brünnhilde der Deborah Polaski verewigt, und geringfügige stimmliche Defizite, die aus der Anstrengung dieser Monsterpartie kommen, spielen hier keine Rolle. Das ist ein schönes, kluges, leidendes Wotanskind von höchstem Kaliber.

Wotan selbst trägt in drei Teilen und immer neu erscheinend die Züge von Falk Struckmann (teilweise mit Sonnenbrille statt der Augenklappe), souverän, kraftvoll, nicht immer stimmschön, aber stets überzeugend. In der „Götterdämmerung“ gibt er auch in Hitler-Maske (Bärtchen und Frisur ganz charakteristisch) den vor allem lächerlichen Gunther (und absolviert den eingeschobenen Wotan-Auftritt mit Hut).

Ein doppeltes Meisterstück liefert Graham Clark, erst als Loge, dann noch nachdrücklicher als einer der besten Mime, an die man sich erinnert (und das nicht nur, weil er auch die Turnkunststücke erfüllt, die ihm Kupfer im ersten „Siegfried“-Akt abverlangt). Ein Darsteller von seltener Intensität.

Richard Berkeley-Steele ist ein Siegmund mit halber Kraft voraus, zu einer wesentlich stärkeren Sieglinde der Linda Watson, und John Treleaven ist sicher von Alter und  Stimmkraft her nicht mehr der ideale Siegfried, aber der Einsatz, den er bringt, springt den Zuseher geradezu an. Schließlich setzt noch der Alberich von Günter von Kannen besondere Akzente, Eric Halfvarson gibt Hunding und Fafner, und in der „Götterdämmerung“ last not least ist Matti Salminen ein Hagen, wie man ihn nicht alle Tage sieht: die Macht der Stimme, der Persönlichkeit, der Darstellung fließen zu einem großen Eindruck zusammen.

Es gibt, wie erwähnt, viele „Ringe“ auf DVD. Wagner-Freunde holen sich ohnedies nach und nach alle. Diesen sollte man nicht missen.

Renate Wagner

 

 

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