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DÜSSELDORF: THE TURN OF THE SCREW – 5. Vorstellung

22.05.2012 | KRITIKEN, Oper

Düsseldorf: The Turn of the Screw    (5. Vorstellung 22.5.2012)

 Weder die Henry-James-Erzählung “The Turn of the Screw” noch die auf ihr beruhende Oper Benjamin Brittens ist als Gespenstergeschichte ausreichernd klassifiziert. Das Genre wird durch die äußere Handlung zwar bedient, aber die „Untoten“ Peter Quint und Miss Jessel sind auch und vor allem Spielbilder eines unsteten, außer Kontrolle geratenen Lebens von psychisch labilen Menschen. Alleine die Tatsache, dass der finale Tod des Knaben Miles an die 20 Mal unterschiedlich interpretiert wurde, deutet zur Genüge an, wie „unfassbar“ das ganze Geschehen angelegt ist. Für die Rezeption in Deutschland wäre als Kriterium für das subtil Mehrdeutige hinzuzufügen, dass der Titel „Turn of he Screw“ bislang keine angemessene Übersetzung erfuhr. Aber es wird ja längst nur noch das englische Original gespielt.

Die Deutsche Oper am Rhein, welche durch den für 2014 angekündigten Rückzug der Düsseldorfer Partnerstadt Duisburg aus den bisher geltenden finanziellen Verpflichtungen in ihrer Arbeit und Wirksamkeit massiv gefährdet ist (auch vor der 5. Vorstellung am 22. Mai – Premiere war am 4.5. – wurde zu Solidaritätsbekundungen aufgerufen), hat nach „Peter Grimes“ und „Billy Budd“ nun die dritte Britten-Oper herausgebracht. Ob ein noch weiter reichender Zyklus angestrebt ist? Bei Rameau wurde nach der 3. Produktion jedenfalls erst einmal Pause eine Pause eingelegt.

Neuerlich hat IMMO KARAMAN inszeniert, ein in der Regel interessanter Regisseur und auch bei Britten auf einer guten Linie. Im Falle „Turn oft he Screw“ lässt sich freilich ganz allgemein bilanzieren, dass seine Arbeit an die von Benjamin Schad in der Kölner Trinitatiskirche (2/2011) nicht ganz heran kommt. Die Bühne von KASPAR ZWIMPFER weist zunächst einen bestechenden Weg. Der Landsitz von Bly: eine realistische Architektur mit vergilbt wirkenden Tapeten, die Wände unterschiedlich kombinier- und staffelbar. Eine variable Treppenkonstruktion setzt ihrerseits Akzente. Zum Schluss hängt sie in der Luft – Erdhaftung ist komplett verloren gegangen. Zwei Waschbecken (eines zuletzt zerborsten) bleiben bis zuletzt sichtbar, vielleicht Symbolorte einer vergeblichen Reinigung von Obsessionen. Karaman erzählt mit sicherer Raumorientierung, spannend im Detail, so etwa bei der simultan gestalteten 8. Szene des 1. Aktes vorne mit Flora und Miles im gemeinsamen Bett (Andeutung von Inzest?), hinten die Governess rast- und ratlos, Quint und Miss Jessel dazwischen in einem dämonischen Geistertanz.

So attraktiv dieses Pandämonium auch wirkt, es ist auch Indiz für die Neigung des Regisseurs zu optischen Übertreibungen. Das unheimliche Klavierspiel von Miles wird mangels Instrument zu einer Dirigierorgie umfunktioniert, der Tod des Knaben mit blutverschmiertem Mund lässt „Tatort“-Stimmung aufkommen, wo doch das Malo-Lied eigentlich eine eher geheimnisvoll unergründliche Lösung nahe legt. Das Regiekonzept erfordert zudem eine Aufteilung des Quint in einen unsichtbaren Sänger (CORBY WELCH mit tenoralem Mozart-Balsam) und einen pantomimischen Akteur (ULRICH KUPAS), während Miss Jessel sowohl als Sängerin (ganz exzellent ANKE KRABBE) wie auch als stumme Darstellerin (ANNA ROURA-MALDONADO) auf der Bühne erscheint und in der 7. Szene des 2. Aktes sogar verfünffacht zu sehen ist, ein Ungleichgewicht zur Figur von Quint. Der vampiristische Kitzel solcher Szenen ist freilich nicht zu leugnen.

WEN-PIN CHEN kostet mit einem Solistenensemble der Düsseldorfer Symphoniker die reichen Farben der Partitur feinfühlig aus. Stark in Gesang und Spiel wirkt SYLVIA HAMVASI als Governess, MARTA MÁRQUEZ überzeugt als die etwas gossenartig gezeichnete Mrs. Grose. Auch in Düsseldorf ist faszinierend zu erleben, wie professionell Kindersänger mit anspruchsvollen Partien wie Flora und Miles umzugehen wissen: ELEANOR BURKE und vor allem HARRY OAKES. Beide haben bereits beachtliche Karrieren aufzuweisen.

 Christoph Zimmermann

 

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