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DÜSSELDORF: SEHNSUCHTMEER oder VOM FLIEGENDEN HOLLÄNDER (Uraufführung/ Auftragskomposition) Premiere

09.03.2013 | KRITIKEN, Oper

DÜSSELDORF: SEHNSUCHTSMEER oder VOM FLIEGENDEN HOLLÄNDER (Uraufführung/ Auftragskomposition) Premiere am 8. März

 Wenigstens drei Dinge haben das Leben des Komponisten Helmut Oehring bestimmt bzw. verändert. 1961 wurde er in Ost-Berlin als Kind tauber Eltern geboren. Er besorgte für sie die Kommunikation zur hörenden und sprechenden Außenwelt. Dennoch ist Oehring von der Mitteilungsfähigkeit der Gebärde und der Kraft der Stille geprägt. Musik interessierte ihn von Anfang an, doch professionell widmete er sich ihr erst als Mittzwanziger (Studium u.a. bei Georg Katzer). Sein Cross-Over-Geschmack setzt Schwerpunkte bei Frank Zappa, Pink Floyd – und Brahms. Den Zugang zu klassischer Musik, speziell der Oper, dankt Oehring nicht zuletzt Freddy Mercury und der Gruppe Queen, deren Song „Bohemian Rhapsody“ ihn so richtig aufmischte. Mit Wagner hatte er freilich nichts am Hut, bis ihn von der Deutschen Oper am Rhein der Auftrag erreichte, zum Jubiläumsjahr 2013 etwas für die Bühne zu schreiben. Daraufhin beschäftigte sich Oehring für „Sehnsuchtsmeer“ intensiv mit dem Komponisten und erkannte in ihm (was Wunder?) einen genialen Künstler, der sich zudem bei allem intellektuellen Anspruch nicht esoterisch abschottete, sondern beispielsweise die Bayreuther Festspiele (natürlich auch zu seinem Vorteil) breiten Schichten öffnete. Bei „Sehnsuchtsmeer“ greift Oehring vor allem auf den „Holländer“ zurück.

Die Lebenssituation von Gehörlosen mag in sich noch so gut bewältigt und ausgewogen sein, ein Wunsch nach Öffnung zur akustisch gefüllten Welt dürfte zeitlebens bestehen. Helmut Oehring sieht sich wohl in der verpflichtenden Funktion eines Vermittlers. So arbeitet er schon seit langem mit CHRISTINA SCHÖNFELD zusammen, die ihrer Ertaubung als Kind mit Mut, Energie und künstlerisch-pädagogischem Elan begegnete. Sie ist jetzt in „Sehnsuchtsmeer“ einmalmehr Oehrings Bühnenprotagonistin.

 Als „Senta“ stellt sie immer wieder stumm die Frage „Werd‘ ich sein Engel sein?“, während ihr Gegenüber, der Holländer, sinniert „Wird sie mein Engel sein?“. Zwei Unerlöste, vom gleichen angstbehafteten Wunsch nach geistiger (und sicher auch körperlicher) Vereinigung angetrieben. Aber Wagners Oper enthält als Verständnishintergrund auch das Milieu des Industriezeitalters, welches im Düsseldorfer Opernhaus Ausstatter CHRISTIAN SCHMIDT mit architektonischen Zitaten eines historischen Fernsprechamtes und einer Wechselstromanlage auf seine erstaunlich realistische Bühne bringt. Insofern ist für das Werk die Figur von Hans Christian Andersens „Kleiner Meerjungfrau“ wohl noch triftiger, die ihre Stimme aus Liebe zu einem Menschenwesen verliert/aufgibt und damit praktisch das Schicksal Gehörloser teilt, die ja in der Regel auch nicht sprechen können. Die archetypische Sehnsuchts-Metapher Meer reichert das Libretto (Stefanie Wördemann zusammen mit dem Komponisten) mit Heine-Texten an (u.a. aus dem Gedichtzyklus „Die Nordsee“).

 Musikalisch greift Oehring ausgiebig auf Wagners „Holländer“ zurück. Das ist kein Zeichen mangelnder Eigenkreativität, sondern entspricht seinem häufig angewandten Prinzip von „Antwort-Musiken“. Obwohl er an Wagners harmonischen und rhythmischen Strukturen festhält, mischen sich verfremdende, verschleiernde, aber auch erhellende Klänge mit dissonanten Schärfen ein, eine „Verheutigung“, die „Sehnsuchtsmeer“ auch sonst prägt. Als realistische Reminiszenz aus historisch kostümierter Zeit kommt – musikalisch gerahmt von den „Wesendonck-Liedern“ – eine Teestunde im Hause Wesendonck hinzu. Noch weiß der Wagner-Förderer nichts von seiner Hörnung. All das ergibt reizvolle Perspektiven und Assoziationen, man hört Wagner mitunter neu, und Oehrings originale kompositorische Zutaten besitzen theatralische Kraft.

 Obwohl mit CLAUS GUTH ein Oehring (und Wagner)-erfahrener Regisseur zur Stelle ist, der die Visionen des Komponisten schon so manches Mal kanalisiert hat, wirkt die Aufführung ein wenig übersättigt. Christina Schönfeld ständig als eine Art Mater dolorosa vor Augen zu haben, ist irgendwann ermüdend, überhaupt nutzen sich einige Wirkungen während der zweieinhalbstündigen Aufführung (ursprünglich gab es Material für 4 Stunden) doch ziemlich ab.

 Die Duplizierung von Figuren wirkt am glücklichsten bei „Senta“, welche von MANUELA UHL schönstimmig über weite Strecken im Original gesungen wird. Die wilden Aktionen des clochardartig ausstaffierten, abgerissen wirkenden MATTHIAS BAUER (er tritt oft solo als Stimmkünstler mit Kontrabass auf) machen dann aber schon etwas nervös. Und wenn DAVID MOSS (2008 war er Orlofsky in der unsäglichen Salzburger „Fledermaus“ von Hans Neuenfels) mit seinem exaltierten Sprech-Singsang zuletzt auch noch Wagners „Träume“ unter sich begräbt, hält man sich einfach nur die Ohren zu. Im Personarium wird er als Erzähler 1/Träumer geführt, RUDOLF KOWALSKI gibt – in der Wesendonck-Episode mit Wagner-Worten – den Erzähler 2/Realist, JUTTA WACHOWIAK ist Erzählerin/Großmutter. Chor und Orchester des Hauses werfen sich unter AXEL KOBER mit Feuereifer in ihre Aufgaben. Das hilft, aber nicht immer. Den Beifall des Publikums nahm Helmut Oehring äußerst selbstbewusst entgegen.

 Christoph Zimmermann

 

 

 

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