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DÜSSELDORF: CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI – teilweise „Bellkanto“ am Rhein

21.10.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Wiederaufnahme CAVALLERIA RUSTICANA & PAGLIACCI an der Rheinoper „Bellkanto“ am Rhein. Samstag, der 20.10.2012

 Kein guter Samstag für Düsseldorf: 5 zu 0 verlor der Justement-Aufsteiger Fortuna im ehemaligen Rheinstadion gegen Bayern München. Mit gefühltem 5 zu 1 verlor der italienische Verismo an diesem eigentlich schönen, tagsüber noch stellenweise, sonnigen Herbsttag das Opernmatch. Nicht belcanto – sondern Bellkanto (Achtung: Kritiker-Ironie!) war in der Düsseldorfer Rheinoper angesagt.

 Das Hauspersonal hat alle Hände voll zu tun, grölende Fußball-Idioten aus den heiligen Hallen fernzuhalten. Wir bahnen uns lauthals „Zieht den Bayern die Lederhosen aus!“ tremolierend eine Gasse durch erkennbar frustrierte Fortuna-Fans, die mir mitleidig zunicken und uns spontan respektvoll passieren lassen; Fortuna wird wohl doch nicht Deutscher Meister…

 Das Düsseldorfer Opernhaus ist für die Wiederaufnahme der zwei doch bei allen Opernfans eigentlich sehr beliebten Verismo-Reißer ausgesprochen mäßig gefüllt – je höher der Rang, desto lichter und leerer wirkt das Gestühl. In den dritten Rang haben sich anscheinend nur ein paar Studenten verlaufen; Opernanfänger oder wohlerzogene Jugend – wir haben uns vor 40 Jahren immer auf die Restplätze im teuren Parkett verteilt, was in den guten alten 68-er Jahren noch erheblich schwerer fiel, denn da wurde an jeder Pforte (nicht wie heuer nur am Haupteingang – Tipp!) das Eintritts-Billet kontrolliert.

 Neben mir sitzt Gott-sei-Dank ein alter Opernkenner, der mir seine Fachkenntnis und Treue zur alten Tante Rheinoper schon in der ersten der rund 10 Beifalls–Unterbrechungen in dieser doch recht kurzen nur knapp 70 minütigen Opera (heuer sollten es gut 90 Minuten werden) mitteilt „schön, dass sich noch so wunderbar alte Inszenierungen aus den 60-er Jahren herübergerettet haben“. Als ich ihm mitteile, dass diese Produktion aus dem Jahr 2003 stammt, reagiert er verschnupft, so wie ein Pflegefall hinter mir, der sich röchelnd und dauerhustend anhört, als würde er sein irdenes Dasein in der Oper beenden.

Da ich meinen Taschen-Defibrillator heute nicht dabei habe und auch weit und breit, im engen Düsseldorfer Haus, wenig Platz für Wiederbelebungsmaßnahmen ist, bete ich still für den Patienten, der – dem Himmel sei dank – dezent weiter hüstelnd, überlebt.

 Der Kölner Ex-Intendant Krämer war einst dafür bekannt, dass er (vor allem) moderne Opernproduktionen mittels überwiegend an lokale Altersheime ausverschenkter Karten besuchermäßig aufpäppelte. In Düsseldorf erwirbt diese Klientel die Opernkarten freiwillig und teuer als Selbstzahler, was den Altersdurchschnitt der Besucher – den eine Universitätsstudie vor gut 10 Jahren mit „63,5“ wissenschaftlich empirisch korrekt ermittelte – auch heuer wohl immer noch selten unterschreitet.


Karikatur: Peter Klier

 Doch zurück zum Kampf um die „Bauernehre“ in jenem kleinen italienischen Mafia-Dorf; wobei der bärbeissige Rezensent akustisch zumindest den Eindruck aus dem Orchestergraben der „DüSis“ (Düsseldorfer Symphoniker) gewinnt, dass gerade eher die römischen Kohorten die legendäre Via Appia entlang stampfen. Böse Zungen würden sagen: Sie düsten durch die Partitur. Die Sänger halten wacker dagegen – nicht schön, aber laut. Schön laut!

 Von Christof Loys wirklich grauenhaft trübsinniger und langweiliger Inszenierung sind nur noch Fragmente vorhanden; was die Sache nicht angenehmer macht. Von Musiktheater keine Spur; eher eine Inszenierung, die man vielleicht noch gut als Second Hand an die Wiener Staatsoper verkaufen könnte, wo ebenfalls ein Meyer als Intendant seine Programmtaktik „Back to the roots“ realisiert.

 Gerade wird, mal wieder, die eigentlich doch ganz schöne Musik durch unerwarteten Zwischenbeifall zerstört; selbst mit Mühe und Gewalt, auch wenn es die Noten eigentlich vorschreiben, könnte der rührige Maestro Enrico Dovico nicht weiter dirigieren – na, wenigstens heute kein Klatschmarsch!

 Gerade bemerkt Turiddu, dass er zu viel Wein getrunken hat, und möchte lieber fliehen, anstatt sich zu duellieren. Dem Kritiker ergeht es ähnlich, eine handfeste Verprügelei mit Bayern-Fans könnte meine üble Laune sicherlich erheblich steigern, aber die Chronistenpflicht zwingt mich noch zu bleiben – es könnte ja besser werden. Immerhin hat man auf der Bühne den Richtigen erstochen. Das Publikum feiert die Bellkantisten mit „hoch“ und „bravo“-Rufen als habe man soeben die Callas zusammen mit Pavarotti auf die Opernbühne zurück geklont. Oh Mamma Lucia!

 Bei soviel Enthusiasmus und lokaler Begeisterung, besser Heldenverehrung, schweigt natürlich des Kritikers Höflichkeit; auch möchte ich mir in meinem hehren Alter heute keine Morddrohungen von Künstlern oder Publikum mehr zuziehen. Vox populi, vox…

 Das Publikum hat immer recht und immer bekommt das Volk, was es verdient.

 Im zweiten Teil unseres Verismo-Abends hat sich das Bühnenbild erst einmal leider nicht verändert: wieder sehen wir die tristen ollen Kirchenwände, und im Durchgang steht immer noch diese fürchterlich lebensgroße Christus-Monstranz, die uns im Vorstück in eine Art plakativem Tosca-Te-Deum schon so entsetzlich nervte. Später wird der Durchgang durch dezentes Vorschieben einer Pappmaché-Wand, sozusagen zugemauert – ein bühnenbildnerisches Elends- besser Armuts-Zeugnis. Wann kommt endlich dieser furchtbare Mist auf den Müll des Gewesenen, lieber Intendant Meyer?

 Das zweite Stück (Hurra, ich kann es ungestraft wagen,  wieder Künstler-Namen zu nennen, denn es wird nicht weiter gebrüllt, sondern sogar veritabel gesungen!) lebt in erster Linie von der fabelhaften Bühnenpräsenz und begnadeten Stimme des großen Boris Statsenko als Tonio und einem, zwar im Klangvolumen reduzierten, aber diesmal erheblich einfühlsamer aufspielendem Orchester; zwar immer noch kein „Magio Musicale Fiorentino“, aber es wird stellenweise zumindest ein schönes Rubato und gelegentlicher Schmelz hörbar.

 „Die haben die Tür offen gelassen!“ empört sich mein opernkennender Nachbar entrüstet. Jemand ruft „Es zieht!“ Ein anderer „Tür zu!“ Nur mit Mühe und der Auferbietung aller Flüsterkunst kann ich die Herrschaften beruhigen, indem ich irgendwie klarlege, dass da gleich die Schauspieltruppe (die Pagliacci!) hereinmarschiert. Dann lege ich demonstrativ und recht oberlehrerhaft die Finger auf die Lippen – man versteht mich GsD! „Daher die dicke Trommel vor der Tür!“ kann eine ältere Dame noch tröten, bevor sie von mir erschlagen wird. Ich will Statsenko hören!!!

 „Et kütt, wie et kütt“ (Motto des letztjährigen Kölner Karnevalszuges) – und tatsächlich stürmen nicht nur die Pagliacci, sonder auch die eben auf der Hinterbühne verschwundenen Choristen und Komparsen nun durch die Seiteneingänge wieder ins Haus Richtung Bühne. Welch begnadet einfallslose Reminiszenz an Spielereien des längst überwunden geglaubten Neo-Regie-Theater der 80er. Erstaunlich, dass solche Mätzchen auch im Jahre 2012 beim Publikum noch Verwirrung stiften…

 Erfreulich: ebenso die weiteren Sänger klingen ohrenangenehm; Zurab Zurabishvili (Canio) lässt keinen der gefürchteten Spitzentöne aus, die Nedda von Elisabeth Selle ist auch darstellerisch fabelhaft und die Comprimarii Cornel Frey (Beppo) und Bogdan Baciu (Silvio) bieten akzeptablen Verismos-Gesang. Gute und solide Chor-, Extrachor- und Kinderchorleistungen (Ltg. Gerhard Michalski) rundeten das Bild dieses Stadttheater-Abends dann doch noch relativ zufriedenstellend ab.

 Mit euphorischen Akklamationsorgien – „Ja wir sind schon Weltklasse hier in Düsseldorf, nicht wahr!“ verabschiedet mich mein netter Nachbar. Als wären wir an der Scala, feiert das Düsseldorfer Fachpublikum seine Künstler und diesen zwieträchtigen Abend weiter.

 Beim Kritiker bleibt seltsamerweise wenig von der Schlagerhaftigkeit der schönen Melodeien im Kopf zurück und so mache ich mich wieder mit „Zieht den Bayern die Lederhosen aus…“ auf den dann durchaus friedlichen geebneten Heimweg, während ganze Kohorten von Polizeieinsatzkräften (einer beäugt mich noch recht misstrauisch!) im Gleichschritt und Diskoblaulicht sowie Fanfarengetröte der vielen Einsatz- und Rettungsfahrzeuge an uns vorbei Richtung Altstadt traben.

 Vielleicht sollte man im Planungsbüro der Rheinoper solche Termine ggf. zukünftig umgehen. Ein freundliches Schild „Liebe Düsseldorfer Opernfreunde! Wir spielen heute nicht, denn heute spielt Fortuna gegen Bayern!“ wird auch von hartnäckigen Besuchern bestimmt verstanden; insbesondere da das edle Haus gegen Außenlärm (Tatü tatta…“Hick-hack-Bayerpack“) ausgesprochen mangelhaft isoliert ist. Es kann nur besser werden. Was hoffentlich auch für die desolate Verkehrssituation gilt.

 Peter Bilsing – DER OPERNFREUND / Kopie an MERKER-online (Wien)

 

 

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