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DUNKLE GESCHICHTEN AUS DEM ALTEN WIEN

30.12.2012 | buch

Barbara Wolfingseder
DUNKLE GESCHICHTEN AUS DEM ALTEN WIEN
178 Seiten. Pichler Verlag 2012 

Es ist zu einem Erfolgsprogramm des Pichler Verlags (in der Styria Gruppe) geworden, der Stadt Wien nach ungewöhnlichen Gesichtspunkten nachzuspüren. Dabei hat das Schaurige, Unheimliche seinen besonderen Platz, und die „Dunklen Geschichten aus dem Alten Wien“, gut recherchiert und feuilletonistisch aufbereitet von der Journalistin und Fremdenführerin Barbara Wolfingseder, erweisen sich als besonders ergiebig.

Natürlich hat das das Altbekannte seinen Platz – ob es um den Widerstand gegen Napoleon ging (Arthur Schnitzler hat dem Attentäter Friedrich Staps, der keine Gnade von dem Usurpator wollte, in seinem Stück „Der junge Medardus“ ein Denkmal gesetzt) oder um den berüchtigten Räuber „Graf“ Jaroszynski, der es als Lebemann weit genug gebracht hat, um die berühmteste Schauspielerin der Stadt, Therese Krones, als Geliebte zu gewinnen. Er war, wie die Autorin beweist, in Wien damals schon das, was man heute einen „Medienstar“ nennen würde – bis zu den Details seiner Hinrichtung wollte das Publikum alles über ihn wissen…

Neben den populären Übeltätern gibt es in diesem Buch auch  Neues, Überraschendes zu erfahren: Dass die Kapuziner nicht nur die Habsburger-Särge bewahrten, sondern Kerker führten, in denen Kleriker, die sich unbotmäßig verhielten, über Jahre verschwanden, ist nicht allgemein bekannt – und ja auch kein Ruhmesblatt der Stadt wie so vieles andere nicht: Aber Folterungen oder grausame Tierhetzen (im „Hetztheater“) waren nicht allein auf Wien beschränkt, dies zieht sich durch die „Kultur“-Geschichte Europas, wenn in diesem Zusammenhang von Kultur die Rede sein kann. Nach der Judenverfolgung von 1421 (Herzog Albrecht V. entledigte sich seiner Schulden, indem er die jüdische Bevölkerung  der Stadt niedermetzeln ließ) bekam Wien zumindest bei den Juden den Beinamen „Stadt des Blutes“…

Natürlich gab es auch in Wien jahrhundertelang öffentliche Hinrichtungen (darunter so fürchterliche wie das Rädern), aber immerhin soll nicht verschwiegen werden, dass schon Kaiser Joseph II. die Todesstrafe abschaffte, dass sie dann (zuerst für „Hochverrat“) wieder eingeführt wurde, und dass Kaiser Franz Joseph mit ganz wenigen Ausnahmen alle zum Tode Verurteilten begnadigte…

Wiener Moritaten- und Bänkelsänger haben noch bis ins letzte Jahrhundert tragisch-schaurige Geschichten zu oft urig formulierten Balladen ver-„dichtet“ und einem lüsternen Publikum vorgetragen. Die Grausamkeit nicht nur von Behörden, sondern oft auch von Familienangehörigen (Väter, Ehemänner) macht viele der hier zusammengetragenen Geschichten zu einer recht tragischen Lektüre.

Für Wien-Freunde ist das Buch dennoch nicht zuletzt deshalb eine Kostbarkeit, weil man sich hier große Mühe gegeben hat, hervorragendes historisches Bildmaterial zusammen zu stellen (noch dazu auf bestem Hochglanzpapier), sodass alte Stiche, Dokumente, Stadtansichten (und ein paar Mal auch der wunderbare Vasquez-Plan einzelner Bezirke) zu einem historischen Wien-Spaziergang einladen, der jenseits der „Grauslichkeit“ der geschilderten Fälle einladend genug ist.

Renate Wagner

 

 

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