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DUISBURG: LUISA MILLER – Premiere

05.07.2013 | KRITIKEN, Oper

DUISBURG: LUISA MILLER Premiere am 4. Juli 2013

 Die Deutsche Oper am Rhein muss ein heikles Saisonfinale verarbeiten. Da gab es zunächst einen fragwürdigen „Tannhäuser“ mit Holocaust-Ambiente, der aufgrund von Publikumsreaktionen nach der Premiere nur noch konzertant gegeben wurde. Es folgte ein Zemlinsky-Abend (vom Unterzeichner nicht gesehen), von dem die „Florentinische Tragödie“ von der Presse nahezu komplett verrissen wurde, während der „Zwerg“ bei aller Detailkritik im wesentlichen Anerkennung fand. „Luisa Miller“, dem Jubilar Verdi zuliebe auf denn Raritäten-Spielplan gesetzt, bietet musikalisch hohes Niveau, jedoch neuerlich eine Inszenierung (CARLOS WAGNER), welche nachhaltig verstimmt.

 Verdis frühe Oper ist mit ihrem kompositorischen Anspruch (Vorgriff auf Violettas Briefszene, ein A-Cappella-Quartett u.a.) ein in vieler Hinsicht lohnendes Werk. Das macht GIORDANO BELLINCAMPI, seit dieser Spielzeit Nachfolger von Jonathan Darlington als Chef der DUISBURGER PHILHARMONIKER, mit reichem Ausdrucksvokabular evident. Die Akustik des Duisburger Theaters fördert freilich eine gewisse Plakativität des Klanges, so dass manches zunächst gröber klingt, als es von Verdi intendiert ist. Gleichwohl stellt sich mehr und mehr eine überzeugende Idiomatik ein, werden Klangdetails und Rubato-Wirkungen sensibel ausgeformt.

 Man könnte nun gleich auf die vokalen Leistungen zu sprechen kommen, welche in Duisburg weitgehend zu rühmen sind. Doch die Sänger sind in das intellektuell verquaste Regiekonzept Wagners eingepfercht. Das hindert sie zwar nicht an gesanglichen Höhenflügen, doch wirklich überzeugende Porträts, welche Weg und Entwicklung der Rollencharaktere von Schiller zu Verdi/Cammarano legitimieren und womöglich vertiefen könnten, entstehen nicht oder bestenfalls ansatzweise. Das Programmheft dokumentiert sogleich einen konzeptionellen Widerspruch. Wagner: „Für mich reift Luisa im Laufe des Stückes.“ Bellincammpi: „Ich denke, Luisa ist von Anfang an erwachsen.“ Was denn nun? Die divergierenden Aussagen könnte man gegeneinander ausspielen, doch das wäre nur sinnvoll auf Basis einer stimulierenden szenischen Interpretation. Doch Wagner liefert sie nicht. Er furcht mit psychologisch eisernem Pflug durch die Oper und offenbart dabei bislang unerkannte Hintergründe.

 Der Beginn. Bei Wagner ist Luisa, wie durch das Zitat oben bereits angedeutet, ein naives Kind, welches sich in einem mit infantilen Wandbemalungen ausgestatteten Zimmer (KASPAR ZWIMPFER) ein Refugium seiner pubertären Fantasien geschaffen hat. In diese Träume bricht, wie es später auch Gilda erleben wird, die Liebe ein, freilich auch deren Gefährdung durch eine feindliche Außenwelt. Das Interieur wird immer kleiner, schrumpft am Ende zu einer Miniatur: Geborgenheit kommt mehr und mehr abhanden. Sinnvoll gedacht, aber penetrant und langatmig bebildert. Groteskes Maskentreiben kommt zusätzlich ins Spiel. Laura, bei Verdi nicht mehr als eine konventionelle Comprimario-Partie, mutiert zu einer vom Himmel herab schwebenden Schutzfigur für Luisas mädchenhafte Ängste. Die Inszenierung ächzt geradezu vor psychologischen Schwergewichten. Selbst eine belanglos pittoreske Szene wie der Jägerchor wird mit interpretatorischem Ballast beschwert, wobei es aber letztlich nicht zu mehr reicht als zu einer Kopie von Nicolais Windsor-Wald. Das Duett Graf Walter/Wurm gerät zu einem dummen Männertänzchen, auch der Chor muss mitunter rhythmisch stampfen. Rodolfo klettert immer wieder auf baumähnliche, von „Lianen“ umklammerte Säulen.

 All diesen kuriosen Bilderfindungen (CHRISTOF CREMERs Kostüme bleiben bei alledem relativ „normal“ und auch zeitneutral) müssen sich die Sänger anpassen. SAMI LUTTINEN, sicher kein originärer Verdi-Bass, aber wie immer eine bühnenfüllende Persönlichkeit, greift bei Wurm (möglicherweise in eigener „Regie“) zu konventioneller Dämonie. Als Vaterfigur (Graf Walter) bleibt THORSTEN GRÜMBEL (mit markanter Stimme) ohne die Unterstützung durch die Regie ebenso stereotyp wie SUSAN MCLEAN als Federica. Immerhin imponiert bei ihr ein volltönender Mezzo, was auch für KATARZYNA KUNCIO gilt. welche die seltsam aufgewertete Laura verkörpert. Trotz der wenigen Worte als Bauer wird man auf den schönen Tenor von PAUL STEFAN ONAGA aufmerksam. Vielleicht wird er einmal den Rodolfo singen, den man jetzt GIANCARLO MONSALVE übertragen hat. Der Chilene sieht fesch aus, das muss man ihm lassen. Aber er singt hölzern, ohne Geschmeidigkeit, stolpert unelegant durch schnelle Noten, die Stimme entfaltet einen gewissen Timbrereiz nur im Forte. In die Finaltakte von „Quando le sere“ ertönten in der Premiere vernehmliche Buhs, was freilich ziemlich gemein war und zusätzlich betroffen machte, weil der Regisseur und sein Team von Ablehnung gänzlich verschont blieb.

 Als Miller zeigt BORIS STATSENKO, wie Belcantostil und Stimmfülle ausdrucksstark vereinbar sind. Mädchenhaft klar, mit leuchtender, unforcierter Höhe und starker Ausstrahlung gibt OLESYA GOLOVNEVA die Titelpartie. Eine Ausnahmeleistung, trotz der nicht ganz erreichten Staccato-Agilität von Anna Moffo in der 50 Jahre alten Plattenaufnahme unter Fausto Cleva. Die Russin erhebt sich souverän über die Zumutung, ein pubertäres Trampeltier geben zu müssen, auch wenn ihr im Verlauf der Aufführung noch andere darstellerische Momente für die Luisa gegönnt werden. Die Produktion von Carlos Wagner ist ein Ärgernis, welches vom Publikum allerdings widerspruchslos hingenommen wird. Ist man um berechtigte Proteste verlegen geworden?

 Christoph Zimmermann

 

 

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