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DÜSSELDORF: ARABELLA . Premiere

19.09.2015 | Oper

Düsseldorf: Arabella. Premiere am 18. September 2015

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Copyright: Hans Jörg Michel

Es fängt mit einem schwulen Zimmerkeller an. Am rechten Theaterort könnte eine solche Figur lustig sein. Aber es geht um die Deutsche Oper am Rhein, und gespielt wird „Arabella“. Der Untertitel lautet „Lyrische Komödie“, aber bei TATJANA GÜRBACA wird allzu oft eine lyrische Klamotte daraus. Der verliebte Matteo muss kein ganz und gar schneidiger Offizier sein, aber wie CORBY WELCH (trotz hinreißendem Gesang, vor allem in der Höhe) als Ritter von der traurigen Gestalt über die Bühne tapst, eine Riesenvase mit Riesenblumen in den Händen, wirkt die Figur wie eine traurige Bulldogge. Das Schlafzimmer-Kostüm (SILKE WILLRETT) unterstreicht diesen Eindruck.

Mit viel Intellekt ist die Regisseurin (nach ihrer hiesigen „Salome“ und einige Monate vor „Capriccio“ im Theater an der Wien) an das Strauss-Werk herangegangen. Im Programmheft liest man Kluges und auch Überkluges über Intimität und Öffentlichkeit bei den Waldners, über glückliche Gegenwart und eine nicht unbedingt glückliche Zukunft (der hoffnungslos verliebten Zdenka wird man es im Finalbild deutlich ansehen).

Frau Gürbaca schwärmt sich über ihren Bühnenbildner HENRIK AHR aus, über seine optischen Reduktionen, welche realistisches Spiel nicht zulassen. Die „Arabella“-Ausstattung besteht aus zwei riesigen, raumgliedernden Flügeltüren, welche auf die Gründerzeit anspielen, in welcher die Oper original angesiedelt ist. Das ausschließliche Weiß verleiht der Bühne eine aseptische Krankenhaus-Atmosphäre, welche die sensualistische Wirkung der Musik nahezu erstickt. Farbtupfer bei den Kostümen ändern daran wenig. Und das Ganze drei Stunden lang.

In diesem kalten Ambiente findet auch Hofmannsthals Wortpoesie kaum Widerhall. Die Zeiten, als Lisa della Casa mit ihrer kühl-noblen Arabella Maßstäbe setzte und so unnachahmlich die im dritten Akt als unverzichtbar geltende Treppe herab schritt, nein schwebte, sind mitnichten neu herbei zu wünschen, aber der „Ersatz“ müsste einigermaßen stimmig sein. Im vergangenen Mai hat sich in Köln das Duo Renaud Doucet/André Barbe bei „Arabella“ seinerseits vergaloppiert, als es die Handlung von den Geschehnissen des Ersten Weltkriegs zerfurchen ließ (die Kartenaufschlägerin als stets gegenwärtige Todesgöttin). Als ein „Höhepunkt“ von Tatjana Gürbacas inszenatorischer Fantasie darf das Orchesterzwischenspiel zwischen den letzten Akten angesehen werden. Hier eskaliert der karnevalistische Fiakerball in nicht enden wollendem Sexorgien. „Arabella“ irgendwo ante portas.

Drei Momenten eignet interpretatorische Qualität. Da ist zum einen die Figur der Adelaide, Mutter Arabellas und Zdenkas. Wie SUSAN MACLEAN bei aller Gluckenhaftigkeit auch das vernachlässigte Eros dieser Figur darstellt (auch vokal bestens), ist köstlich, auch wenn das Gegrapsche durch die Offiziere im Mittelakt zu schmierig gerät. Die Brautwerbung Mandrykas für Zdenka/Matteo ist gut gemeint, aber emotional ein Flop. Auf Anhieb wird klar: eine echte Zweisamkeit wird nicht daraus. Der letzte Blick Matteos gilt denn auch Arabella. . Besonders berührend wirkt das Duett „Aber der Richtige“. Da versammeln sich alle bis dahin aufgetretenen Frauen Figuren (incl. Arabellas stummer Begleiterin), hängen eigenen Erinnerungen nach. Eine vergleichbare Szene gehörte zu den Höhepunkten von Willy Deckers Kölner „Eugen Onegin“ 1993. Über die Schlussszene lohnt es sich zumindest nachzudenken. Arabella hat ihr rosa Festkleid abgelegt; zur Versöhnung mit Mandryka erscheint sie in Schwarz. Trauer, Unterwerfung („Und du wirst mein Gebieter sein“), Abschied von einem „freien“ Leben?

Einen Hochglanz-Strauss realisiert LUKAS BEIKIRCHER mit den DÜSSELDORFER SYMPHONIKERn zwar nicht durchwegs, aber parfümierte Seidigkeit würde der nüchternen Optik auch nicht recht anstehen. Ansonsten ist sein Dirigat absolut angemessen. Auch bei den Gesangsstimmen ergeben sich übrigens Diskrepanzen zwischen Bild und Klang.

Da der Name Lisa della Casa schon einmal fiel: ihre distinguierte, weiblich schon etwas gereifte Noblesse würde sich in Ahrs „Plattenbau“ kaum entfaltet haben. JACQUELINE WAGNERs Arabella ist – nicht abschätzig gemeint – mehr ein Backfisch-Typ, ein noch junges Mädchen also, bei welchem emanzipatorische Ausbrüche mehr Glaubwürdigkeit gewinnen als bei einer altersbedingt angepassten Frau. Arabella trägt in Düsseldorf keine Robe, sondern ein Partykleid, bei dem sie sogar Bein zeigen darf. Jacqueline Wagners Stimme ist – wie in letzter Zeit in Köln („Suor Angelica“) und Bonn („Giovanna d’Arco“) erlebt – ein kleines Wunder: höhensicher, leuchtend, sonnendurchglänzt. Man kann sich an ihr berauschen.

ANJA-NINA BAHRMANN (Zdenka) kontrastiert mit einem ebenfalls attraktiven, freilich etwas „bodenständigerem“ Sopran. Als Mandryka gibt SIMON NEAL einen bei aller Rustikalität sensiblen Menschen, dessen Temperament ihn nur gelegentlich tradierte Höflichkeit vergessen lässt. Arabella erscheint er zunächst als ein „rechtes Mannsbild“, zum Schluss erkennt sie hinter seiner kraftvollen Ausstrahlung auch Verletzlichkeit. Neals ausladender, höhenpotenter Bariton macht auf seinen Wotan im kommenden Düsseldorfer „Ring“ gespannt. Erstklassig das „Zirkus“-Trio JUSSI MYLLYS (Elemer), DMITRI VARGIN (Dominik) und GÜNES GÜRLE (Lamoral), ebenso THORSTEN GRÜMBEL als schlitzohriger Waldner. Der Fiakermilli sichert ELENA SANCHO PEREG die von ihr nach Zerbinetta erwarteten Wahnsinns-Koloraturen. Einen Akzent setzt gleich zu Beginn auch Romana Noack als Kartenaufschlägerin.

Christoph Zimmermann

 

 

 

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