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DRESDEN/Semperoper:

18.05.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: 9. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT CHRISTIAN THIELEMANN UND CHRISTIAN GERHAHER – 17.5.2015

 

„Christian Thielemann ist ein phänomenaler Dirigent, bei dem man am Ende auch ein Zufriedenheitsmoment hat“, meinte Christian Gerhaher in einem Hörfunk-Gespräch hinsichtlich des 9. Symphoniekonzertes der Sächsischen Staatskapelle Dresden, bei dem der Weltklassebariton Auszüge aus Opern von Richard Wagner und Franz Schubert im Wechsel sang. Die Geburtsjahre beider Komponisten liegen nur 16 Jahre auseinander. Ihr Komponier-Stil aber ist doch recht unterschiedlich. Trotzdem gibt es auch Gemeinsamkeiten, wie Gerhaher meinte. Schubert orientierte sich in seiner Oper „Alfons und Estrella“ sehr an den Italienern, u. a. Giuseppe Verdi. Wagner fand seinen ganz eigenen Stil. Er hatte mit seinen Opern (nicht zuletzt durch Selbstinszenierung) Erfolg. Schuberts Oper konnte sich nicht durchsetzen. Erst in heutiger Zeit erkennt man auch deren Werte.

Bereits die ersten Töne der orchestralen Einleitung zu „Blick‘ ich umher in diesem edlen Kreise“ aus dem 2. Aufzug des „Tannhäuser“ erzeugten mit dem besonderen, dunkelgetönten Klang der Sächsischen Staatskapelle jenen „heiligen Schauer“, der „die Seele vibrieren lässt“ und hier eine musikalische „Sternstunde“ einleitete. Gerhaher widmete sich mit besonderer Hingabe jedem Ton und jedem Wort und ließ mit seiner leichten, weichen und äußerst sensiblen Stimme in getragenem Tempo, das ein entsprechendes Aussingen und Ausklingen ermöglichte, im Dialog mit der Harfe, die Szene zum besonderen Ereignis werden.

Mit der Arie „Der Jäger ruhte hingegossen“ aus dem 2. Akt der Romantischen Oper „Alfons und Estrella“ (D 732) von Franz Schubert führte Gerhaher in eine ganz andere musikalische Welt, die er ebenfalls perfekt beherrscht und die seiner Stimme sehr entgegenkam.

Mit dem „Fliedermonolog“ aus Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ verbindet man unwillkürlich eine profunde Bassstimme, man ist es schließlich von den besten Opern- und auch Konzert-Aufführungen so gewohnt. Gerhaher glich vieles durch intensive, wohldurchdachte Gestaltung aus. Es war ein anderer Sachs als allgemein üblich, aber mit sehr guter Artikulation und Textverständlichkeit. Gerhaher ließ die Zuhörer teilhaben an dem vergeistigten und verinnerlichten Inhalt des Monologes.

Der Wechsel zwischen Wagner und Schubert erforderte zwar ein ständiges Umdenken in konträre Stilrichtungen, aber man folgte Gerhaher gern, da er jede Szene, jede Arie und den „Fliedermonolog“ in seiner Besonderheit und entsprechenden Eigenart interpretierte. In seiner relativ schlanken Stimme mit dem „gewissen Etwas“ schwang vieles mit, Seele, Wissen und Erkenntnis.

Mit „Sei mir gegrüßt“, (nicht „du teure Halle“, sondern) „o Sonne“ aus dem 1. Akt der Schubert-Oper setzte Gerhaher noch einmal einen gewaltigen Glanzpunkt, den nicht nur das Publikum, sondern auch Thielemann, der immer für eine angemessene, mitgestaltende Orchesterbegleitung sorgte, mit euphorischem Beifall bedachte.

 War dies schon eine kleine Offenbarung, so folgte noch die große mit Anton Bruckners „Symphonie Nr. 4 Es‑Dur“, der „Romantischen“ (Fassung von 1878/1880). Allein die ersten leisen Streicher wirkten wie eine Ahnung von fernen Sphären, auf der sich Bruckners Euphorie aufbaute. Bruckners Symphonien sind bei Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle in den allerbesten Händen. Dirigent und Musiker waren eines Geistes, eines Willens und einer musikalischen Auffassung.

 Von Thielemann, der alles auswendig dirigierte, alles im Kopf und „im Griff“ hatte, ging eine starke Konzentration und Inspiration aus. Das Orchester erwiderte alle seine Intentionen mit höchster Genauigkeit und Perfektion. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen, eine gemeinsame Aufgabe, die in höchster Anspannung mit Thielemanns genialer Gesamtkonzeption grandios gelöst wurde. In großartigen Kontrasten wechselten opulente Klangwelten und feinsinnige Episoden in „himmlischer Schönheit“. Die Kapelle folgte ihrem Spiritus rector mit feinsten Abstufungen zwischen Streichern und Bläsern, sensiblem Pianissimo und gewaltigem, triumphalem Forte, das nie hart oder gar unangemessen wirkte, da es sich folgerichtig aus einem wunderbaren Gesamtklang entwickelte, ergänzt durch exzellente Solobläser und unterstrichen von feinsten Paukentönen, die allein schon Musik in den Ohren waren und den wunderbaren Gesamtklang behutsam und sehr einfühlsam verstärkten.

 In einer gewaltigen Steigerung vom ersten bis zum letzten Ton, vom ersten bis zum letzten Satz ließ die Spannung nicht nach. In dieser geistig durchdrungenen Wiedergabe auf höchstem Niveau wurde das Wesen von Bruckners Musik in ihrer Tiefe ausgelotet. Es war eine grandiose Leistung von Dirigent und Orchester, in der sich Bruckners Werk in seiner Euphorie, seinem Natur-Pantheismus und seiner Bedeutung voll erschloss.

 Ingrid Gerk

 

 

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