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DRESDEN/Kulturrathaus: EIN LIEDERABEND VOLLER POESIE MIT DANIEL JOHANNSEN

15.06.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kulturrathaus: EIN LIEDERABEND VOLLER POESIE MIT DANIEL JOHANNSEN – 14.06.2015

 Der österreichische Opern- und Konzertsänger Daniel Johannsen ist spätestens seit seiner Mitwirkung beim „Palmsonntagskonzert“ der Sächsischen Staatskapelle (29/30.3.2015). ein gern gesehener Gast in Dresden. In der Reihe „Das Lied in Dresden“ gab er jetzt einen sehr poesievollen, individuell gestalteten Liederabend mit Liedern von Franz Schubert, in dessen Liedern bereits die Romantik anklingt und Robert Schumann, einem „echten“ Vertreter dieser Kunstgattung. Durch Einbinden von Texten aus Schuberts persönlichen Aufzeichnungen und Schumanns Tagebuch sowie einem Brief an Clara wich er von der herkömmlichen Form der Liederabende ab und lockerte den seinen in sinnvoller Weise auf. Gleichzeitig belebte er die literarisch-musikalische Verbindung zwischen Text und Musik wieder, wie sie im 19. Jh. gepflegt wurde.

 Bei seiner guten Gesangstechnik konnte es sich Daniel Johannsen leisten, seinen Liederabend mit einem „leisen“, weniger bekannten Schubert-Lied, der „Nacht der Träume“ zu beginnen, das seinem individuell zusammengestellten Programm aus Liedern, Klaviermusik und Prosa den Titel gab. Sein Piano und Pianissimo von besonderer Feinheit ließ aufhorchen. Mit seinem sehr flexiblen, hell-timbrierten Tenor und müheloser Höhe, aber auch sehr guter Tiefe, steht ihm eine große Palette an Ausdrucksnuancen zur Verfügung. Mit sehr sauberer Intonation und gleitender Phrasierung, Feingefühl und Hingabe, Temperament und Feuer, Humor und Ernst gestaltete er jedes Lied entsprechend seinem Charakter liebevoll als kleines Kunstwerk. Trotz Gewitterschwüle, die sich auch im Saal ausbreitete, war er konzentriert. Seine Textverständlichkeit ist beispielhaft und seine Liedgestaltung von großer Natürlichkeit. Bei ihm wirkte nichts aufgesetzt, denn seine Liedgestaltung kommt von innen heraus.

 Sein Begleiter und Mitgestalter am Klavier war kein Geringerer als der Prominentenbegleiter Charles Spencer, der nicht nur den Sänger zurückhaltend und einfühlsam als Grundlage einer guten Liedgestaltung begleitete, sondern solo mit kleineren Stücken, Schuberts „Impromtu As Dur“ (op. Posth. 142 D 935 Nr. 2), Schumanns „Nachtstück“ (op. 23 Nr. 1) und dessen bekannter und beliebter „Träumerei“, das Publikum an seinem großen pianistischen Können teilhaben ließ und das Programm in schönster Weise bereicherte. Es war eine schöne Geste, dass sich der Sänger dabei zur Seite setzte, um zuzuhören.

 Hier wirkten zwei gleichberechtigte Partner mit gleichen musikalischen Idealen zusammen, die sich gegenseitig in wunderbarer Weise ergänzten bis hin zum dezent in die gelesenen Texte schon hineinspielenden Klaviervorspiel, das auch noch die Worte gut verstehen ließ, die Kunst des Melodrams, die schon abhandengekommen scheint und doch verdient, wiederbelebt zu werden, wenn sie so geboten wird.

 Mit rezitatorischem Geschick las Daniel Johannsen die, passend zu den Liedern ausgewählten, sehr persönlichen, sehr romantischen Texte der beiden Komponisten, die in den Liedern ihre Entsprechung fanden, gefühlvoll, aber ohne Larmoyanz oder Sentimentalität. Er ließ den Zuhörer tief in die Gefühlwelt der Romantik eintauchen, wobei sich die Lieder durch die Texte noch tiefer erschlossen, wie Schuberts persönliche Aufzeichnungen über den Tod der Mutter und das daran anschließende „Grablied für die Mutter“ (D 616) oder der mit leisen, feinen Tönen gesprochene Brief Schumanns an seine Clara und die nachfolgende „Träumerei“ am Flügel.

 Der Liederabend enthielt in abwechslungsreicher Vielfalt 10 Lieder von Schubert und 8 Lieder von Schumann, bekannte und kaum bekannte Lieder, u. a. auch einige aus der „Winterreise“ („Frühlingstraum“), der „Schönen Müllerin“ („An die Laute“) und „Dichterliebe“ („Allnächtlich im Träume“, „Ich hab im Tram geweinet“), Vertonungen der Gedichte verschiedenster Dichter, wie Theodor Körner („Das war ich“), J. G. Seidl (“Der Wanderer an den Mond“, „Das Zügenglöcklein“, „Im Freien“, „Am Fenster“), Joseph von Eichendorff („Schöne Fremde“), Heinrich Heine (“Dein Angesicht“, „Lotosblume“), Justinus Kerner („Lust der Sturmnacht“, „Trost im Gesang“), K. G. v. Leitner („Die Sterne“) und J. W. v. Goethe („Philine“).

 Wer Daniel Johannsen auf der Opernbühne erlebt hat, kennt seine Vielseitigkeit. An diesem Abend schien er ganz in der Welt der Romantik zu leben. Er holte eine längst vergangene Kunstgattung mit ihren Gefühlsregungen wieder in die Gegenwart, nahm sie ernst und erschloss sie durch seine mitreißende Gestaltung einem großen Publikum. Es war Kunst der Romantik vom Edelsten, die durch sein persönliches Engagement für vorübergehende Zeit sehr gegenwärtig war und eine ins Abseits geratene Kunstgattung wieder neu belebte.

 Das Publikum bedankte sich mit viel Applaus, Sänger und Pianist mit drei Zugaben, zwischen denen Johannsen noch kurzweilig plauderte, Schuberts „Nachthymne“ nach Novalis mit feinstem Pianissimo, Schumanns „Mondnacht“ mit einer „Extrazugabe“, dem vorfristigen Vorspiel zur 3. Zugabe, und schließlich wieder Schubert mit „Bertha’s Lied in der Nacht“ (Text: Grillparzer).

 Ingrid Gerk

 

 

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