Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN: STREIFLICHTER DER „DRESDNER MUSIKFESTSPIELE 2016“, TEIL I

16.05.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden /STREIFLICHTER DER „DRESDNER MUSIKFESTSPIELE 2016“, TEIL I – 5.5. – 14.5.2016

„Die Zeit ist ein sonderbar‘ Ding“ sinniert die Marschallin im „Rosenkavalier“  – und ein interessantes Thema obendrein, so dass „Das Wechselspiel von Zeit und Musik im Klang der Jahrhunderte“ zum Thema der diesjährigen vierwöchigen Dresdner Musikfestspiele (5.5. – 5.6.2016) gewählt wurde, die sich genreübergreifend immer mehr der populären Musik öffnen, ohne die traditionelle, „klassische“ Seite zu vernachlässigen.

Einen besonderen Schwerpunkt bildet in diesem Jahr auch die jüdische Musik, vertreten durch die Jüdische Kammerphilharmonie Dresden, das Jerusalem Quartett und das Israel Philharmonic Orchestra, das unter der Leitung von Omer Meir Wellber, mit David Garrett als Violin-Solist auftritt und bei der „Sinfonie der Tausend“ von Gustav Mahler mitwirkt. 

Aus der Fülle der insgesamt 52 Veranstaltungen von großen Orchesterkonzerten über Recitals bis hin zu Crossover und Tanz können hier nur einige ausgewählte Konzerte näher betrachtet werden.

Zu einem der ersten Höhepunkte wurde das KLAVIERRECITAL VON LISE DE LA SALLE (10.5.) im, von malerischen Weinbergen umgebenen, Erlebnisweingut „Schloss Wackerbarth“ in Radebeul (nahe Dresden), denn „Wein und Musik passen gut zusammen“, wie der Hausherr verkündete. In der nüchternen Abfüllhalle über den Fässern mit dem reifenden Wein, die, bis zur Abfüllung desselben während der Musikfestspiele zuweilen mit Musik gefüllt wird, bestach die junge französische Pianistin Lise de la Salle trotz schwüler (und schweißtreibender) Atmosphäre mit ihrem besonders „wohltemperierten“, sehr feinen, differenzierenden, wenn nötig, auch kraftvollen, aber immer wohlklingenden Anschlag. Bei ihr klingt einfach jeder Ton.

In einem umfangreichen, sehr vielseitigen und kontrastreichem Programm widmete sie sich Werken von Ludwig van Beethoven und Robert Schumann, in der Vielseitigkeit der ausgewählten Werke ein „Kraftakt“, den sie trotz ihrer Jugend mit viel Charme, Eleganz, großem Können und individuellem Einfühlungsvermögen meisterte.

In ihrem eigenen, persönlichen, aber durchaus interessanten und im Sinne Beethovens nachvollziehbaren Stil interpretierte sie seine „Sonaten für Klavier Nr. 3 C-Dur“ (op. 2/3) und Nr. 32 c-Moll“ (op. 111) mit weiblichem Charme und Frische, abwechslungsreich, aufmunternd und souverän, mit ständiger innerer Spannung und einem „gesunden“ Maß an Ausdrucksstärke und Kraft. Sie arbeitete die Kontraste sehr feinsinnig heraus und bewies auch viel Sinn für die lyrischen Seiten dieser Sonaten, immer angenehm, nie übertrieben. Sie hat sich die Werke auf ihre Art erschlossen, sozusagen ins „charmant Weibliche“ übersetzt und gab sie in ihrer liebenswerten Art mit viel Sinn und Gefühl für Beethovens Musik an das Publikum weiter.

Die „Kinderszenen“ (op. 15) von Robert Schumanns, diese kleinen, feinen Kabinettstücke für Erwachsene über Kinder, schienen für sie wie geschaffen. Man hat sie schon oft gehört, aber bei ihr erschienen sie wieder neu, so intensiv gestaltete sie jedes dieser kleinen Meisterwerke mit ihrem sanften, sensiblen Wesen und intensiver Ausdrucksweise, jedes entsprechend seinem eigenen Charakter.

In starkem Kontrast dazu begann sie Schumanns „Fantasie C-Dur“ (op. 17) sehr temperamentvoll und interpretierte sie schlechthin grandios mit intensivem musikalischemVerständnis, bei dem sie ihre ganze künstlerische Persönlichkeit einbrachte. Der begeisterte Applaus, der schon vor dem letzten getragenen und mit viel Feingefühl interpretierten, „durchweg leise zu spielenden“ Satz nach dem vehementen Schluss des vorhergehenden Satzes voreilig einsetzte und den sie geduldig abwartete, war ihr am Ende erst recht sicher. Sie bedankte sich dafür mit einer „Etude“ von Sergej Rachmaninow, die sie mit gleicher Vehemenz, Liebe und Hingabe spielte.

Szenenwechsel – George Gershwin einmal ganz anders boten MARTINA GEDECK & SEBASTIAN KNAUER (11.5.) im abgedunkelten Saal des Deutschen Hygiene Museums. Die renommierte Schauspielerin Martina Gedeck schlüpfte in die Rolle von Gershwins jüngerer Schwester Frances, der Wolfgang Knauer (Vater des Pianisten) biografische Texte nach authentischen Zeugnissen von Freunden und Weggefährten des amerikanischsten Komponisten in den Mund gelegt hat.

Mit angenehmer Stimme, dezent in Aussprache und Gestik, guter Abstimmung mit dem Mikrofon und auch ein wenig an die 20er/30er Jahre in Amerika erinnernd, spürte sie der Lebensgeschichte George Gershwins (eigentlich Jacob Gershowitz), zunächst an der Seite seines älteren Bruders Ira, und deren Eltern, der russisch-jüdischen Einwandererfamilie und dem „American Dream“ vom schnellen Aufstieg zum Weltstar nach. Zwei kleine Versprecher, u. a. dass die Straßenkinder, einschließlich Gershwin, zunächst mit „Rollstühlen“ statt Rollschuhen unterwegs waren, taten da keinen Abbruch und wirkten eher erheiternd.

Eingeleitet und begleitet wurden die Texte von der Rede Martin Luther Kings „I have a dream“ vom Band und im Wechselspiel mit den Texten untermalt und ergänzt von Gerschwins Kompositionen am Klavier, dem Instrument, mit dem er „verwachsen“ schien. Sebastian Knauer, ein sehr geschätzter Interpret klassischer Musik, der mit seinem großartigen pianistischen Können noch in besterErinnerung ist, spielte hier allerdings etwas zu „brav“ die Noten ab. Hier kam zwar die klassische Seite, die Gershwin immer anstrebte, zur Geltung, aber das Spezifische, das seine Musik ausmacht und schlechthin als die amerikanische Musik gilt, in der sich der „American Way of Life“ wiederspiegelt, die geniale Mischung aus Unterhaltungsmusik, Jazz und klassischer Musik, dem großartigen schwungvollen Gershwin-Sound, der bis heute nichts an seiner hinreißenden Leichtigkeit verloren hat und die zahlreichen Zuhörer ins Konzert gelockt hatte, „blieb außen vor“.

Es war zu „klassiklastig“. Selbst die beliebte „Rhapsodie in Blue“ (hier: für Klavier solo) konnte da nicht zünden. Hier hatte man anderes erwartet und die meisten Zuhörer gingen enttäuscht nach Hause ob dieses etwas „trockenen“, eher wissenschaftlich interessanten Klavierspiels am „stumpf“ klingenden Flügel. Gute Technik war in diesem Fall nicht alles, gerade bei Gershwins Musik erwartet man, dass der Pianist „mitswingt“. Knauer wagte sich da in einen Grenzbereich vor, der nicht unbedingt der seine ist.

In wieder ganz andere, diesmal exotische Sphären, führten DOROTEE OBERLINGER UND FREUNDE (12.5.) mit exotischen Instrumenten aller Couleur in der Annenkirche, einer gut renovierten Kirche im Stadtzentrum, deren bauliche Anfänge bis in die Barockzeit zurückreichen und deren gute Akustik auch für solche „Experimente“gut geeignet ist. Der „Klangvolle Weltenbummel“ führte von Venedig, der Pforte zum Orient, mit Musik von Antonio Vivaldi und anderen (unbekannten) Barockkomponisten „auf dem Landweg durch den „Wilden Balkan“ nach Konstantinopel, Zentralasien und „Unerreichten Orten – Taklamakan“ bis China, meist mit (kleineren) Kompositionen des 16.-19. Jh., aber auch virtuoser elektronischer Musik von Isang Yun, (1917-1995) aus seinen „Chinesischen Bildern“.

Mit etwa 10 verschiedenen Blockflöten von klein wie eine Piccoloföte bis viereckig und einer Reihe historischer und fremdländischer, in unseren Breiten völlig unbekannter Instrumente ungewöhnlicher Bauart, ähnlich Harfe, Fidel, Cello, aber auch Psalter und die der menschlichen Stimme sehr ähnlich klingende Ney/Nei (Flöte), sehr virtuos oder auch langsam und gefühlvoll von Dorothee Oberlinger, der Spezialistin für Alte Musik und Ausnahmekünstlerin auf der Flöte, und ihren Freunden in internationaler Besetzung gespielt, wurden die Zuhörer in fremde Welten, Sehnsuchtsorte der Fantasie entführt.

Es war ein „Spiel mit Zeit und Raum“, eine „Odyssee durch verschiedene Kulturen, eine Bewegung zwischen vermeintlichen Gegensätzen, Orient und Okzident, Alter und Neuer Musik, Tradition und Moderne, Komposition und Improvisation“. Mit 2 Zugaben verabschiedeten sich die Künstler und ließen nach Art der Motetten in Renaissance- und Barockzeit das Publikum den Refrain mitsingen, um die  ursprüngliche Freude am Musizieren wiederzuerwecken.

Zurück nach Europa – Hier widmeten sich das KÖNIGLICHE CONCERTGEBOUWORCHESTER UND KRISTINE OPOLAIS (13.5.) in der Semperoper der Musik Russlands, zunächst der „Romeo-und-Julia-Fantasie-Ouvertüre nach William Shakespeare“ (3. Fassung) von P. I. Tschaikowsky. Unter der Leitung von Semyon Bychkov, der sich offenbar an sehr großen Konzertsälen orientiert, wurde die Handlung mit manchen Härten, aber auch zurückhaltenden Passagen und gutem  Gesamtklang plastisch in starken Kontrasten geschildert, von wehmütig klagend und innerem Aufruhr mit lauter, aber orchesterkonformer Pauke bis hin zu entfesselten Gewalten und auf die Spitze getriebener Dramatik.

Mitunter „peitsche“ Bychkov das Orchester durch die Musik. Ernutzte jede Gelegenheit zu extremer Lautstärke mit harter Pauke und wuchtigem (tonarmem) Blech, um die Wiedergabe stark zu akzentuieren, was dann streckenweise zu einem herben, nüchternen Orchesterklang führte, wobei die Einsätze nicht immer ganz konform gelangen.

Im Gegensatz dazu sang Kristine Opolais mit zarter, geschmeidiger, gut klingender Stimme und schwingender Kantilene in Originalsprache„Hier ist es schön“ aus den „12 Romanzen“ (op. 21/7) von Sergej Rachmaninow und daran anschließend die „Briefszene der Tatjana“ aus „Eugen Onegin“ von Tschaikowsky mit der Seele eines jungen, noch zaghaften Mädchens, dass seine Gefühle mit zurückhaltender Leidenschaft preisgibt bis zu einem entsprechendem Gefühlsausbruch, immer die Hände wie beschwörend oder fast zum „(Abend‑)Gebet“ vor sich haltend. Nach angemessener Begleitung dieses sensiblen Gesanges und den letzten zarten Gesangstönen ließ sich Bychkov nicht zurückhalten, das Orchester wieder hart und derb und mit unverminderter Lautstärke „hereinplatzen“ zu lassen.

Nach der Pause folgten Rachmaninows letztes Werk, seine, von ihm sehr geschätzten „Sinfonische Tänze“ (op. 45), in denen er sich mit den Veränderungen seines Lebens und schließlich mit dem Tod auseinandersetzt. Den 1. Satz prägte fast melancholischer, trauriger „Walzerklang“. Bei der Wiedergabe des 2. Satzesbrach sich wieder der Hang zum Monumentalen, Sensationellen Bahn, und im 3. Satz ließen motorische Rhythmen eine Assoziation an das wogende Meer als Symbol des Lebens, dem eine gequälte Seele ausgesetzt ist, zu. Den versöhnlich tröstenden Ausklang begleitete dann eine sehr dezente Pauke mit „klingenden“ Tönen.

Allgemein setzte Bychkov sehr auf Lautstärke und herben Klang. Dass das Orchester auch anders kann und über einen guten Streicherklang und ausgewogenen Gesamtklang verfügt, bewiesen einige dezente, fast gefühlvolle Passagen, sensibel und mit schöner Melodik gespielt, und vor allem die sanft und klangvoll beginnende Orchester-Zugabe, dem „Nimrod“ von Edward Elgar, die in einem großen musikalischen Bogen vom feinsten Piano langsam bis zum Fortissimo aufstieg und hier dem von Bychkov oft geforderten massivem Klang einen entsprechendenSinn gab.

Einen bemerkenswerten Quartett-Abend gab das KUSS-QUARTETT (14.5.) in der Annenkirche. Es war mehr als nur ein „Ersatz“ für das ursprünglich vorgesehene Hagen-Quartett, das krankheitsbedingt absagen musste. Die vier, gut aufeinander eingestimmten, Musiker ergänzen sich gegenseitig. Die Primaria, Jana Kuss, die dem Quartett ihren Namen gab, gibt mit ihrem feinen, singenden, und doch hörbar führenden Geigenton im wahrsten Sinne des Wortes auch ausdrucksmäßig den Ton an.

Die Musiker begannen frisch und munter, mit viel Spielfreude und Sinn für Humor mit Joseph Haydns „Streichquartett Es‑Dur (op. 33/2) „Der Scherz„, der mit witzigen „Schleifern“ (2. Violine) im 2. Satz, einem sehr schönen 3. Satz und launigen Pausen im 4. Satz als echter musikalischer Spaß par excellence geboten wurde.

György Kurtáks 90. Geburtstag in diesem Jahr wurde mit 15 kleinen, gehaltvollen Stücken von sehr kurzer Dauer, aber sehr konzentrierter Aussage aus seiner Feder gedacht. Die 15  Stücke dauern ganze 12 Minuten, wie man aus einer kurzen, instruktiven Einführung des 2. Geigers erfuhr. Kurták bearbeitete jedes dieser, unter dem Einfluss von Messiaen, Webern und Schönberg entstandenen Stücke ca. 1 Jahr lang, so gründlich hat er an jedem Ton gefeilt, um mit wenigen Tönen einen ganzen Kosmos zu ergründen. Die Musiker brachten mit fast klassischem Ton, sehr klangvoll, mitunter aber auch schroff sich aufbäumenden Tönen, und vor allem inhaltlicher Klarheit diese Miniaturen, jedes in seiner eigenen kleinen Welt, zum Klingen. Das letzte Stück blieb am Ende wie eine Frage offen, vielleicht – trotz der sehr guten Wiedergabe – auchmanche (oder alle) dieser Stücke bei den Zuhörenden, die sie zum ersten Mal hörten.

 Wieder zurück zur Musiktradition, vertieften sich die vier  Musiker in Franz Schuberts „Streichquartett Nr. 14 d‑Moll (D 810) „Der Tod und das Mädchen“, mit klangvoller Einfühlsamkeit und auch einigen schrillen „aufschreienden“ Tönen, sich gedanklich ganz in das Schicksal des jungen Mädchens, das den Tod als Schrecken kommen sieht und schließlich von ihm als „Freund in die Arme genommen wird“, hineinversetzend. Sie loteten das Quartett bis zur inneren Erschütterung aus und besiegelten es mit einem vehementen Schluss.

Trotz dieser erschütternden Wiedergabe entschlossen sie sich nach der großen Resonanz beim Publikum zu einer Zugabe, einer Bearbeitung des Tschaikowskyschen Klavierstückes „Süße Träumerei“. Es waren wirklich süße, sanfte Träume.

 Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken