Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Semperoper/Frauenkirche: VERDI-REQUIEM im 6. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens

Dresden / Semperoper/Frauenkirche: „VERDI‑REQUIEM IM “6. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN 13./14./15. 2. 2014

 Zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13./14. Februar 1945 mit sehr vielen Opfern finden seit 1951 alljährlich Gedenkkonzerte der Sächsischen Staatskapelle statt und außerdem auch bei der Dresdner Philharmonie und dem Dresdner Kreuzchor.

 Christian Thielemann hatte sich mit der Staatskapelle für die „Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi, dessen 200. Geburtstag im vergangenen Jahr gefeiert wurde, entschieden. Er setzte auf sehr starke Kontraste. Leise, sehr leise, kaum wahrnehmbar, begann unter seinem Dirigat an drei aufeinanderfolgenden Abenden in der Semperoper (13. und 14.2.) und danach in der Frauenkirche (15.2.) jeweils eine grandiose Aufführung der „Messa da Requiem„, die mit teilweise überlauten, harten, bis an die Schmerzgrenze gehenden Schlägen der großen Trommel und wieder wunderbar beseelten lyrischen Passagen die Zuhörer „hautnah“ Grauen und Trost erleben ließ.

 Beim Solistenensemble konnte man von einer Idealbesetzung ausgehen, obwohl Charles Castronovo für den vorgesehenen David Lomeli und Gerorg Zeppenfeld für Stephen Milling kurzfristig eingesprungen waren. Alle vier Solisten erfüllten ihre umfangreichen Aufgaben großartig. Sie verfügen nicht nur über große, klangvollen Stimmen. Sie beherrschten alle technischen Anforderungen, einschließlich perfekter Phrasierung und sehr deutlicher Artikulation. Trotz Individualität harmonierten sie wunderbar miteinander und mit Chor und Orchester. Es gab zahlreiche „himmlisch schöne“ Einzelleistungen und trotz aller Wucht und Eindringlichkeit immer „durchsichtig“ und ausdrucksvoll gestaltete „Szenen“. Jeder fügte sich optimal in die Gesamtkonzeption ein und tat an seinem Platz genau das Richtige. Allein, wie die Singstimmen im „Requiem aeternam“ mit der „fein dosierten“ Pauke trotz Entfernung harmonierten, forderte höchste Bewunderung ab.

 Krassimira Stoyanova schlug mit ihrer sehr schönen, wohlklingenden und geschmeidigen Sopranstimme einen großen Bogen um das gesamte Requiem. Sie überstrahlte am Beginn, sehr gut abgestimmt, Alt, Tenor und Bass sowie den Chor, ohne vordergründig zu wirken oder dass die Stimme schrill geworden wäre, und sie beschloss das Requiem mit dem innig und tröstlich gesungenen „Libera me“. Erstaunlich, mit welch langem Atem sie bis zum letzten Ton aushielt und die Schönheit ihres Gesanges erstrahlen ließ. Mit ihrer klangvollen, eher lyrischen Sopranstimme ist sie auch zu großem dramatischem Ausdruck fähig und beherrscht eine wunderbare Phrasierung (auch chromatisch abwärts), mit der sie die gesamte Partie mit großer Klarheit gestaltete und sich auch in das überaus beeindruckende Duett mit Marina Prudenskaja einbrachte.

 Marina Prudenskaja gestaltete ihrerseits sehr versiert und eindrucksvoll die umfangreiche und  sehr anspruchsvolle Altpartie mit echt italienischem Operngesang, gesangstechnisch versiert und mit viel Herz und Schmelz, Emotion und Hingabe.

 Charles Castronovo steigerte sich immer mehr in die nicht leichte Tenorpartie hinein, bewältigte sie mit Bravour und sang Verzierungen vom Feinsten in echt italienischer Manier.

 Es ist immer wieder faszinierend, zu erleben, wie Georg Zeppenfeld „nahtlos“ von einer ausgeglichenen Mittellage in seine bekannte profunde und überaus wohlklingende Tiefe und dann wieder in eine scheinbar mühelos klingende Höhe übergehen kann, aber es ist nicht nur seine Stimme und perfekte Technik, sondern auch seine große Ausdruckfähigkeit, die fasziniert. Wie er das fast melodramatisch mit wohlgesetzten kleinen Pausen gestaltete bis hingehauchte „Mors“ in der „Sequentia“ „zelebrierte“, war unvergleichlich.

 Der Sächsische Staatsopernchor (Einstudierung: Alan Woodbridge) sang sehr gut, exakt und ausdrucksstark und „untermalte“ die Solistenstimmen im genau richtigen Maß. Beim reinen Männerchor vermisste man lediglich beim wuchtig gesungenen Eingangschor im „Requiem (mit Kyrie)“ den einstmals schönen Klang. In Mezzoforte– und Piano-Passagen klangen die Stimmen dann besser. Bei den Damen gibt es noch immer sehr schöne, gut klingende Stimmen.

 Die Sächsische Staatskapelle unter Thielemanns gestaltender Leitung beherrschte sowohl die mit unerbittlicher Wucht, aber immer noch großer Klarheit „dargestellten“ expressiven „Szenen“, wie das „dies irae„, als auch wunderbar lyrische, beseelte Passagen mit großer Klarheit und trotz aller Lautstärke immer noch sehr durchsichtig, ausgeglichen, ausgewogen und wunderbar untereinander abgestimmt. Allein die herrlich homogen zwischen Orchester und rechter oberer Proszeniumsloge korrespondierenden Trompeten waren nicht nur eine „schöne Zutat“. Das sind die feinen Nuancen, die dieses Orchester so einmalig machen. Hier zeigte die Kapelle einmal mehr ihr großes Können. Es war nicht nur Perfektionismus und Expressivität, sondern auch innere Anteilnahme und das Verstehen des geistigen Gehaltes dieser „Messa“. Es war mehr als nur ein „opernhaftes“ Requiem.

 Fazit: Es war ein lautstarkes, aber auch sehr feinsinniges „Requiem“, ergreifend und bewundernswert in der Einheit zwischen großartigen Solisten, exakt singendem Chor und einem Orchester, das sowohl dramatische Wucht überzeugend gestalten, als auch ausdrucksstarke Innigkeit zelebrieren kann. Bei allen starken Kontrasten war es eine ausgewogene Aufführung zwischen lautstarken Extremen und feinen lyrischen Passagen, plastisch wie eine große Oper und seelenvoll wie ein erschütterndes „Requiem“.

 Ingrid Gerk

 

Diese Seite drucken