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DRESDEN/Semperoper: WERKE DES 19./20. JAHRHUNDERTS IM 6. KAMMERABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE

06.05.2022 | Konzert/Liederabende

 

 Dresden / Semperoper: WERKE DES 19./20. JAHRHUNDERTS IM 6. KAMMERABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 5.5.2022

Obwohl der 6. Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit weniger bekannten Komponisten des 19./20. Jahrhunderts kein unbedingt zugkräftiges Programm bot, war er gut besucht, und der begeisterte Applaus am Schluss bewies, dass durch gute Interpretation das Publikum – darunter viele Jugendliche – auch für weniger bekannte Kompositionen zu gewinnen ist. Dass nach jedem Satz applaudiert wurde, war zwar störend, aber verzeihlich, bewies es doch spontane Zustimmung von Besuchern, die nicht zu den routinierten Konzertbesuchern gehören, die man aber jetzt so gern in Oper und Konzert haben möchte.

.Eröffnet wurde der Kammermusikabend mit Albert Roussel (1869-1937), einem in den 1920er Jahren in Paris überaus populärem Komponisten aus der Gruppe der „Six“, der in seinem Stil die französische Musik seiner Zeit wiederspiegelt. Sein „Divertissement“ (op. 6) für Bläserquintett und Klavier wurde sehr dezent, transparent und mit musikalischem Einfühlungsvermögen musiziert. Danach folgte das viersätzige „Joueurs de flûte“ (op. 27) für Flöte und Klavier, bei dem die hohe Musizierkultur, das Werkverständnis, die saubere Tongebung und feine Differenzierung der Soloflötistin der Kapelle, Sabine Kittel, zur Geltung kamen.

.Bei zwei Werken für Flöte, Klarinette und Klavier des ebenfalls aus Paris stammenden Charles Koechlin (1867-1950), der „Pastorale“ (op. 75 Nr. 2) und „En route vers le bonheur“ aus „L’Album de Lilian“ (op. 139 Nr. 7), das der Komponist der berühmten (Film‑)Schauspielerin Lilian Harvey in außergewöhnlicher Verehrung widmete, hatte sie noch einmal Gelegenheit, bei beiden Stücken ihre interpretatorischen Vorzügen einzubringen.

Seiner heiß geliebten Heimatstadt Paris setzte Francis Poulenc (1899-1962), ebenfalls aus der Gruppe der Six, ein musikalisches Denkmal mit dem „Sextett für Bläserquintett und Klavier“ (FP 100), das von einem sehr sauber musizierenden Bläserquintett aus Musikern von Staatskapelle und Dresdner Philharmonie (was vor 50 ‑ 60 Jahren noch undenkbar gewesen wäre) in kongenialem Zusammenspiel dargeboten wurde.

Mit dem, dem Werk eigenen ständigen Tempo- und Stimmungswechsel „malten“ sie ein Stimmungsbild des pulsierende Lebens der Metropole mit ihren Grands Boulevards, aber auch idyllischen Seiten an den Ufern der Seine und auf dem Montmartre, die in melodiösen Anklängen auftauchen. Die sechs Musiker verstanden es, diese gegensätzlichen Elemente und Stimmungen zwischen prosaischen Klängen, der Schroffheit des 2. Satzes und eigenwilliger bis volkstümlicher Melodik zu einem großen, impressionistischen Stimmungsgemälde zu vereinen.

Bei dem „Nonett F‑Dur“ (op. 12) von Franz Lachner (1803-1890) mit seiner Orientierung an Mozart, Beethoven, Spohr und Schubert und seinen unüberhörbaren Anklängen an Klassik und Romantik gesellten sich entsprechend der klassischen Nonett-Besetzung nach Louis Spohr Streicher (Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass) zu den Bläsern. Es wurde sehr transparent, mit feiner Tongebung, harmonisch und ausgewogen musiziert und auch den Feinheiten und Details Rechnung getragen. Hier war jeder Musiker mit seinem Instrument ein Solist mit virtuosem Anspruch, insbesondere Violine (Robert Lis), Klarinette (Fabian Dirr) und Flöte (Sabine Kittel), aber sie alle fügten sich wie selbstverständlich in das Gesamtgefüge mit ausgewogenem Klang ein.

Es war ein Kammermusikabend vom Feinsten, der mit entsprechendem Applaus honoriert wurde. In der orchestereigenen, 1854 von Kapellmitgliedern gegründeten, Kammermusik treten die Musiker freiwillig und ohne Gage (nur durch ein „Frackgeld“ entlohnt) auf.

Ingrid Gerk

 

 

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