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DRESDEN/ Semperoper: . SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT DONALD RUNNICLESUND KAREN CARGILL

02.12.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden /Semperoper: 4. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT DONALD RUNNICLESUND KAREN CARGILL– 1.12.2015

Sehr unterschiedliche musikalische Auseinandersetzungen mit Meer und Natur bildeten eine Klammer um das Programm des „4. Symphoniekonzertes“ der Sächsischen Staatskapelle Dresden, bei dem drei Komponisten in unterschiedlicher Weise das Verhältnis von Mensch und Natur betrachten, alle aber in einer mehr oder weniger persönlichen, romantischen Beziehung.

Als erstes stand „Die Toteninsel“ von Sergej Rachmaninow nach einem Gemälde von Arnold Böcklin auf dem Programm. Das Motiv für das gleichnamige Gemälde, das Böcklinin 5 verschiedenen Fassungen (von denen noch 4 in Museen vorhanden sind) und unterschiedlicher Farbgebung malte, geht auf eine italienische Toteninsel im Mittelmeerzurück und regte mehrere Komponisten, u. a. auch Max Reger, zu einer Umsetzung in Musik an. Rachmaninow, der das Bild als schwarz-weiß-Reproduktion kennenlernte, ließ sich davon zu seiner gleichnamigen „Symphonischen Dichtung für großes Orchester“(op. 29)inspirieren, in der er sich mit der Vergänglichkeit des Menschen auseinandersetzt. Obwohl Böcklin beteuerte: „Ich male nur Bilder und keine Bilderrätsel“ strahlen diese Gemälde in ihrer etwas düsteren Farbgebung etwas Melancholisches, Geheimnisvolles aus, das in Rachmaninows Symphonischer Dichtung seine Entsprechung findet und bei der Wiedergabe durch die Sächsische Staatskapelle verheißungsvoll begann.

Mit den ihnen eigenen Klangschattierungen fingen die Musiker zunächst die geheimnisvolle Atmosphäre des Bildes in romantischer, rätselhafter Verklärung ein. Die mitgestaltende Pauke verlieh der Umsetzung des Bildeindruckes einen leichten Schauder, der sich bei der Wiedergabe unter der Leitung von Donald Runnicles langsam in einem leicht chaotischen Wirbel verlor, sich wieder „fing“ und letztendlich und schließlich in allzu lauten Klangvorstellungen mit Pauke, großer Trommel und schmerzhaft lautem Becken endgültig unterging. Noch einmal leuchteten die wunderbaren, sehr gut untereinander abgestimmten Bläser mit ganz besonderen, mystischen Klängen hervor, wurden aber schließlich „verschlungen“ von wuchtiger Orchesterlautstärke, bei der der spezifische Klang der Kapelle rau wurde und dem aller anderen großen Orchester glich. Da Rachmaninow „Die Toteninsel“ in Dresden komponierte, könnte er möglicherweise den Klang der Dresdner Hofkapelle im Ohr gehabt haben, ein „erstklassiges Orchester“ wie er in einem Brief nach Russland schrieb.

Obwohl die Musiker trotz allem auf große Klarheit orientierten, ging vieles von den Feinheiten der Komposition und den Möglichkeiten der Ausführung verloren. Etwas weniger an Lautstärke wäre ein „Mehr“ an geistigem Erleben und Durchdringen der genialen Komposition gewesen, wozu die Musiker durchaus in der Lage waren und was auch der leise, sehr schöne Ausklang verriet. Dennoch hinterließ das Werk in seiner Gesamtheit einen intensiven Eindruck.

Danach folgten die „Sea Pictures“ von Edward Elgar. Wie viele Komponisten ließ sich auch Elgar von der See inspirieren, den Wellen, dem Wind und der Weite des Horizontes. In seinem, aus 5 Liedern (Songs) bestehenden Zyklus nach verschiedenen Dichtern, ist es vor allem die Assoziation der Liebe, die sich in ähnlichem Wechsel wie das wogende Meer zwischen Ruhe bei spiegelglatter See, Beschaulichkeit und Stürmen bewegt. Obwohl Elgar seinen Zyklus am Klavier für Altstimme und Orchester komponierte, wird er oft auch von Mezzosopranistinnen mit Klavierbegleitung gesungen.

 Hier widmete sich die schottische Mezzosopranistin Karen Cargill, einfühlsam von der Sächsischen Staatskapelle begleitet, den Liedern mit ihrer warmen, von Leben erfüllten Stimme, mit der sie ohne große Expressivität die Stimmung der Lieder einfangen und sehr differenziert zum Ausdruck bringen konnte. Mit unaufdringlicher, natürlicher Intensität gestaltete sie jedes der Lieder, entsprechend seinem Text und musikalischer Umsetzung in der jeweiligen besonderen Eigenheit.

 Im Zusammenklang mit dem Orchester, das die Stimmungen der einzelnen Lieder einfing, setzte sie ihre Stimme sanft, oft leise und behutsam ein,und kam doch über das Orchester, das sich seinerseits auf die Sängerin einstellte. Sie ließ sich von der Stimmung der Lieder leiten, zeichnete die musikalischen Linien mit Natürlichkeit nach, verfolgte die Gesangslinien des ersten Liedes, die in anderen Teilen des Zyklus wieder auftauchen in einem langen Crescendo bis zum letzten Lied, das sie mit besonderer Intensität gestaltete. Sie schuf kleine Tongemälde mit der Sicht des betrachtenden Menschen. Die Besonderheit ihrer Gestaltung lag darin, dass sie, ohne Erhöhung des Volumens ihrer Stimme, eine glühende Intensität in mehreren Dimensionen und vielfältigen Klangfarben zum Ausdruck bringen konnte.

 Die Nähe zur Natur sehen manche auch in der „Symphonie Nr. 1 e‑Moll“ (op. 39) von Jean Sibelius. In den Deutungen der Symphonie ist von „Ausdruck von Sehnsucht, Klage, Schmerz“ und Aneinanderreihung von „ Jugend und Reife, Empfindsamkeit und Leidenschaft, Licht und Schatten“ die Rede, die „im Finale mit erfrischender, anregender Krassheit herausgestellt“ werden, wobei Runniclesvor allem die Kontraste in extremer Krassheit herausarbeiten ließ. Die spezifische Klangdifferenzierung der Kapelle kam nur in den Piano- bis Mezzoforte-Passagen zum Ausdruck. Runnicles bevorzugte eine euphorische, lautstarke Wiedergabe, die den Charakter der Symphonie stark überhöhte und bei der guten Akustik der Semperoper nicht nötig gewesen wäre.

 Der 1. Satz begannsehr verheißungsvoll, leise mit einem feinsinnigen, elegischen Klarinettensolo, untermalt vom dumpf grollenden Klangteppich der Pauken, bis „lärmgewaltig“ im starken Kontrast dazu Runnicles Klangvorstellungen sich ausbreiteten, zwischen denen dann auch feine, leise Harfenklänge und sehr schönePiano-Stellen anklangen. Auch der 2. Satz begann atemberaubend schön, romantisch und mit feinster Tongebungin „echter Staatskapellen-Qualität“, aber immer wieder steuerte Runnicles zahlreiche Höhepunkte mit gewaltiger Orchesterlautstärke, mit harter Pauke, Schlagzeug und Becken bis an die Schmerzgrenzean,bis zu motorisch hämmernden Rhythmen, die der Symphonie einen ganz anderen Charakter verliehenund wenig zum wirklichen Verständnis des Werkes beitrugen.Die Piano- und Mezzoforte-Passagen entsprachen eher Sibelius‘ Vorstellung von der Wiedergabe seiner Werke, die er bekanntlich klassisch-romantisch verstanden wissen wollte und in Rage geriet, wenn sie mit großer Lautstärke und Derbheit aufgeführt wurden.

Ingrid Gerk

 

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