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DRESDEN/ Semperoper: SONDERKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN AM VORABEND DER 9. INTERNATIONALEN SCHOSTAKOWITSCH TAGE GOHRISCH

22.06.2018 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: SONDERKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN AM VORABEND DER 9. INTERNATIONALEN SCHOSTAKOWITSCH TAGE GOHRISCH – 21.6.2018

Nach 47 Jahren kehrte Yuri Temirkanov, der äußerst vitale Dirigent, der im Dezember 80 Jahre (jung) wird, ans Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden zurück, um als Auftakt der 9. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch (22. – 24.6.) das schon zur Tradition gewordene Sonderkonzert am Vorabend dieses alljährlich stattfindenden Festivals zu leiten. Seit Beginn ist die Sächsische Staatskapelle enger Partner dieses weltweit einzigen, 2010 ins Leben gerufenen, Festivals, das in dem Kurort der Sächsischen Schweiz stattfindet, in dem sich Schostakowitsch zweimal aufhielt (1960 und 1972).

Temirkanov hatte die Staatskapelle zuletzt 1971 in einem Konzert mit Prokofjews „1. Violinkonzert“ mit Viktor Tretjakov als Solist, Ballettszenen aus „Romeo und Julia“ und der „10. Symphonie“ von Dmitri Schostakowitsch im damals neuen, jetzt umgebauten, Kulturpalast geleitet. Jetzt standen zum ersten Mal in der Semperoper ausschließlich Werke von Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm, eröffnet mit der „Festlichen Ouvertüre A‑Dur“ (op. 96), komponiert 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, als das politische „Tauwetter“ begann, in nur drei Tagen für eine Aufführung zum Gedenken an den 38. Jahrestag der Oktoberrevolution im Moskauer Bolschoi Theater, möglicherweise mit Rückgriff auf eine 7 Jahre zuvor komponierte „Festouvertüre“, die während Stalins Terrorherrschaft und Bevormundung der Künstler in der Schublade verschwinden musste, und aus diesem Anlass auch uraufgeführt. 1980 wurde sie zu den Olympischen Spielen in Moskau sowie 2009 bei der Verleihung des Nobelpreises gespielt.

Bei der jetzigen Aufführung begann sie hymnisch, laut und monumental und erinnerte ab und zu auch an Richard Wagner, an volkstümliche Blasmusik, typisch sowjetische Estradenmusik, derb und volkstümlich wie sie breite Massen in Russland lieben, sowie an die Operette, ein Genre, das Schostakowitsch auch meisterhaft beherrschte. Das imposante Werk mit unterhaltsamem Charakter, ein vor Temperament sprudelndes Stück mit viel Blech, Fanfaren, romantischen Harmonien und lyrischen Melodien, das auch Ähnlichkeit mit Glinkas „Ruslan und Ludmilla-Ouvertüre“ (1842) aufweist und bei allen konventionellen klassischen Formen und Harmonien unverkennbar Schostakowitschs typische Handschrift trägt, kam unter Temirkanows Leitung sehr eindrucksvoll zur Geltung. Er ist ein profunder Kenner der Werke Schostakowitschs, der ein Werk gründlich bis in den letzten Winkel ausleuchtet, in seiner Spezifik erfasst und in mitreißender Weise den Hörern nahebringt.

Das galt auch für Schostakowitschs „Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester Nr. 1 c‑Moll“ (op. 35), „eine spöttische Herausforderung an den konservativ-seriösen Charakter des klassischen Konzert-Gestus“, das er mit allen Vorzügen der Staatskapelle, die besonders im „schönen“, gefühlvoll wiedergegebenen 2. Satz (Lento) und scheinbar impulsiver Ausgelassenheit in den anderen Sätzen zum Klingen brachte. Fanfarenartige Klänge der Trompete, zurückhaltend und klangmalerisch von Helmut Fuchs, seit 2016 Solotrompeter der Sächsischen Staatskapelle, meisterhaft gespielt, „vorlaute“ Pauke inmitten unterhaltsamer Klangidylle, volkstümliche Melodien und der mit größter Virtuosität und Brillanz von Denis Matsuev bestrittene, umfangsreiche Klavierpart, auch mit witzigem „Schnörkel“ und Humor, verliehen diesem Konzert einen virtuosen Charakter, wenn auch mit einigem Unterton. Mit Matsuevs glamourösem Glissando zum Schluss, das allein schon beim Publikum Begeisterungsstürme auslöste, ging ein scheinbar virtuoses, ausgelassen heiteres Werk über die Bühne, dessen unterschwellige Bitterkeit dennoch durch die wunderbar „durchsichtige“ Wiedergabe unter Temirkanov unmissverständlich zum Ausdruck kam.

Stellvertretend für alle Beteiligten (oder betont individuell?) bedankte sich Denis Matsuev allein am Klavier für den einhelligen Applaus mit einer seiner rasanten Improvisationen zwischen Klassik und Jazz, begann mit einem kleinen, feinen, lyrischen Solo und ließ es accelerando und crescendo successive anschwellen, bis er ganz in seinem Element war und mit ungestümem, beinahe überbordendem Temperament die „Luft zum Glühen“ und den Konzertflügel fast zum Bersten brachte, was vom Publikum mit riesiger Begeisterung aufgenommen wurde.

Danach gestaltete Temikanov mit der Kapelle die vieldeutig impulsive „Symphonie Nr. 5 d‑Moll“ (op. 47), Schostakowitschs ernsthafte Auseinandersetzungen mit seiner Zeit und einer unbarmherzigen Diktatur, als es ums „Überleben“ ging, um Sein oder Nichtsein, nicht nur auf künstlerischem Gebiet. Er begann mit der Komposition 1937 auf der Krim in Erinnerung an glückliche Kinderjahre und seine Jugendfreundin und setzte sie in Leningrad in der Zeit und unter dem unmittelbaren und persönlichen Eindruck des „Großen stalinistischen Terrors“ (1936-38) fort, was sich in der Sinfonie widerspiegelt. Sie begann langsam, zurückhaltend, ein bisschen traurig, wehmütig, fast mit ein wenig schwermütigem Anflug. Temirkanov verstand mit fast meditativen Gesten, auch tänzerische Passagen zum Klingen zu bringen, die besonderen Feinheiten und Spezialitäten des Orchesters, die wunderbaren Soli von Violine, Flöte, Oboe, schöne Akzente setzender Harfe usw. und die großartigen Trompeten zum Schluss in eine wohldurchdachte Gesamtkonzeption einzubeziehen, aber auch eulenspiegelartige Doppeldeutigkeit und persönlichen Zwiespalt in einzigartiger Weise herauszuarbeiten.

Der 4. Satz begann derb jubelnd nach Sowjetart, eine aufgesetzte Stimmung vorgaukelnd – letzten Endes eine Parodie. Offiziell wurde die Sinfonie als „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ unter die Fittiche der linientreuen Kulturpolitik anerkannt, aber auch zu einem großen Publikumserfolg. Das Marschfinale wurde als Verherrlichung des Regimes angesehen, aber der „Triumphmarsch“ ist in Wirklichkeit ein „Todesmarsch“. „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. […] So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! Jubeln sollt ihr!…“ erklärte Schostakowitsch später lakonisch.

Temirkanov versteht sich ganz als Diener an der Musik. Er erwies sich als der „geistige Vater“ der Musiker, die ihm mit ihrem Engagement und Können folgten. Nach dem Konzert hätte er sich wahrscheinlich, noch ganz in Gedanken mit dem Werk beschäftigt, gern zurückgezogen und überließ den Applaus lieber den Musikern, die mit ihren kleineren, ebenfalls brillanten solistischen Beiträgen oder auch nur im Tutti sehr zum Gelingen der gesamten Wiedergabe beitrugen. Dennoch stand er im Anschluss an das Konzert noch einmal im Mittelpunkt, um in Würdigung seiner Verdienste um das Werk Dmitri Schostakowitschs aus den Händen des Festivalleiters, Tobias Niederschlag, den 9. Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch entgegenzunehmen. Sein Comeback am Pult der Sächsischen Staatskapelle dürfte ein neuer Anfang für weitere Gastspiele sein.

Ingrid Gerk

 

 

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