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DRESDEN/ Semperoper: SILVESTERKONZERT „WELTHITS VON BERLIN BIS BROADWAY mit Thielemann, Fleming, Vogtt

Dresden / Semperoper:  SILVESTERKONZERT – „WELTHITS VON BERLIN BIS BROADWAY“ MIT CHRISTIAN THIELEMANN, RENÉE FLEMING UND KLAUS FLORIAN VOGT 31. 12. 2013

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Foto: Matthias Creutziger

Wagner-Enthusiasten möchten Christian Thielemann am liebsten ausschließlich auf ihren Lieblingskomponisten festlegen. Zweifellos ist das Thielemanns stärkste Seite, aber er kann auch anders, wie das jüngste, vom ZDF weltweit ausgestrahlte Silvesterkonzert bewies. Trotz ernster, sehr konzentrierter Miene hat er bei aller Ernsthaftigkeit auch Sinn für Humor und inspirierte die Sächsische Staatskapelle Dresden und die Solisten zu immer neuen Höchstleistungen bei einem Ausflug in die Welt von Operette, Film und Musical, der nicht nur die bekannten und vertrauten „Ohrwürmer“, sondern auch wahre Entdeckungen präsentierte.

Wer hätte beispielsweise gedacht, dass der legendäre Richard Tauber, der 1913 bis 1926 als „Kgl. Sächs. Hofopernsänger“ an der Dresdner Oper (der jetzigen Semperoper) Triumphe als Tamino, Ottavio, Hoffmann und Lenski feierte und später bei seinen Engagements in Berlin und Wien mit geicher Qualität zwischen Oper und Operette (und Film) pendelte, auch sehr erfolgreiche Operetten wie „Der singende Traum“ schrieb, woraus Klaus Florian Vogt, ganz groß in Form, „Du bist die Welt“ mit Schmelz und trotzdem männlich-herzhaft sang, aber da sind wir schon bei den (vorgeplanten) Zugaben, die am Fernsehbildschirm nicht zu erleben waren, aber beim Hörfunk und natürlich live im Opernhaus – ein Erlebnis, das sich ohnehin „mit gar nichts vergleichen“ lässt, denn Funk und Fernsehen können nicht annähernd die Qualität und Stimmung wiedergeben, die unmittelbar „im Saal“ herrscht.

Die Bühne schien durch geschickte Licht- und Spiegel-Effekte in einen illusionistischen „Ballsaal verzaubert“. Das Publikum im Parkett – in „internationaler Besetzung“ mit Sprachen- und Dialektgewirr und großer Abendrobe vom Kimono bis zum Ballkleid – konnte sich im Spiegel über dem Sächsischen Staatsopernchor, der ebenfalls in festlicher Abendkleidung erschienen war, „auf der Bühne sitzen sehen“.

Nach der Eröffnung des Konzertes mit Paul Linckes Ouvertüre zur Operette „Grigri“ durch die Sächsische Staatskapelle – unter Thielemanns mitreißender, sehr inspirierender Leitung sofort „voll in Aktion“ – begann ein bunter Reigen voller Glanznummern, ein gut „sortierter“, abwechslungreicher und bestens abgestimmter „Mix“ aus deutschen und amerikanischen Operetten und Musicals der 20er bis 60er Jahre des 20. Jh. „von Berlin bis Broadway“, bei dem alle Beteiligten erfolgreich das Genre wechselten. Die beiden Starsolisten Renée Fleming und Klaus Florian Vogt sangen die Welthits der „heiteren Muße“ mit der gleichen Gewissenhaftigkeit wie ihre großen Opernpartien.

Vogt, mit der Semperoper sehr vertraut ist, war er doch hier 1998 – 2003 Ensemblemitglied und auch späterhin dem Haus eng verbunden, wo er neben Florestan, Tamino u. a. immer wieder als Lohrengrin überraschte, ging mit dem Ohrwurm „Ein Lied geht um die Welt“ von Hans May aus dem gleichnamigen Film auf die große musikalische Reise, die von Berlin nach New York führte.

Unweigerlich bringt man dieses Lied immer wieder mit der strahlenden Stimme und dem tenoralen Glanz des unvergessenen Joseph Schmidt (wenn auch nur als Tonkonserve) in Verbingung, weshalb man zunächst unwillkürlich bei Vogts dunklerem Timbre und der nicht ganz so strahlenden Höhe, die durch seine vielen Wagnerpartien etwas von ihrem ursprünglichen Glanz verloren zu haben scheint, stutzte, aber Vogt glich das mit anderen Sängertugenden wie einer auffallend guten Artikulation, gut durchdachter Gestaltung und viel Charme aus.

Besonders beeindruckte er als armer Wandergesell aus Eduard Künnekes Vetter aus Dingsda„, mit dem er die Gemüter bewegte, sowie seinem hingebungsvoll gesungenen „Maria“ aus Leonard BernsteinsWest Side Story, bei dem er sich ganz der gefühlvollen Musik hingab, und auch der „Blume von Hawaii“ von Paul Abraham, die von einem „echten“ Hawaii-Gitarristen mit eigens dafür angelegter Bumengirlande und dem Staatsopernchor stilvoll umrahmt wurde. Er wirkte bei seinen Auftritten immer sehr gelöst, beschwingt und vor allem engagiert.

Renée Fleming, die Grand Dame, die schon 2010 im Silvesterkonzert der Sächsischen Staatskapelle auftrat (wenn auch mit verspäteter Anreise wegen der Vulkanwolke, die damals den Flugverkehr lahmlegte), hatte ihren großen Auftritt mit „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“ aus „Der Favorit“ von Robert Stolz, der seinerzeit der Wiener und Berliner Operette neue Impulse verlieh, Kurt Weills Foolish Heart“ aus „One Touch of Venus“ und dem unverwüstlichen „I Could Have Danced All Night“ aus „My Fair Lady“ von Frederick Loewe. Als besondere „Show-Effekte“ hielt sie einmal einen hohen Ton extrem lange aus und kam auch schon mal mit Mikro auf die Bühne, das sie absolut nicht nötig hat, weshalb sie es für die nächste Nummer auch schnell wieder weglegte, um mit Vogt sinnigerweise im Duett „Antyhing You Can Do“ aus „Annie Get Your Gun“ von Irving Berlin zu singen und zu streiten und „kundzutun, das sie alles besser kann“.

Völlige Übereinstimmung schwang in Leonard Bernsteins Tonight“ („West Side Story“) mit, das dem Silvesterkonzert das Motto gab und vor allem in dem von beiden nicht nur gesungenen (und andeutungsweise gespielten), sondern auch als „schönes Paar“ elegant getanzten, Duett „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ aus der gleichnamigen Filmmusik (Robert Stolz). Sie tanzten nicht nur auf der Bühne, sondern sich auch in die Herzen der Zuschauer und erwiesen sich damit nicht nur als Stars der Opernbühne, sondern in gleicher Weise auch als „Spezialisten“ des etwas anderen Genres, das sie mit ihrer gewohnten Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftikeit, aber auch mit viel Sinn für Heiterkeit beherrschen.

Unter Thielemanns umsichtiger und inspirierender Leitung bildete die hinreißend spielende Staatskapelle, „vervollkommnet“ durch Klavier, Celesta, Saxophone, Gitarre, Banjo und Hawaiigitarre, nicht nur das Klangfundament für die Sänger, sondern steuerte auch eigene instrumentale Nummern als Auflockerung und verbindendes Element bei. Thielemann gab sogar in seiner charmanten, witzigen Art dem Publikum die „Einsätze“ zum Mitklatschen, animierte oder „dimmte“ dessen Enthusiasmus und zog sich auch schon mal vom Dirigentenpult zurück, um das Orchester „ohne Brüche“ allein weiterspielen zu lassen. Allein die sehr sauberen, exakten Bläser vollbrachten Spitzenleistungen und wie immer die hervorragenden, äußerst zuverlässigen, klangschönen Streicher.

Thielemann leitete auch dieses Konzert – wie alles, was er sich vornimmt – mit vollem Einsatz. Von ihm inspiriert, erwies sich die Kapelle auch auf diesem, für sie ungewöhnlichen, Gebiet als Spitzenorchester und stellte sich speziell auf jede Nummer ein, ob mit reinen Instrumentstücken, als Musical-Begleit-Orchester oder luxuriöses Jazzorchester in „Es leuchten die Sterne“ von Leo Leux, der „Berliner Luft“ von Paul Lincke, der Ouvertüre zum Musical „Strike Up the Band“ von George Gershwin oder dessen „Pardon My English„, das zwischen Dresden und der Sächsischen Schweiz spielt und aus dem Renée Fleming, begleitet vom Staatsopernchor „The Loreley“ sang, und nicht zuletzt dem, von Johann Strauß Sohn eigens für das Sächsische Regiment komponierten, „Sachsen-Kürassier-Marsch (op. 113).

Leicht und locker, von Thielemann angeführt, immer exakt und mit vollem Einsatz bewiesen Dirigent, Solisten und Orchester einmal mehr ihre Vielseitigkeit. In lockerer Silvesterlaune fingen sie die Intentionen der Musik auf, um sich in minutiöser Abstimmung ganz in den Dienst einer perfekten, aber auch gelösten Wiedergabe zu stellen, als hätten sie nie etwas Anderes gesungen und gespielt. Die Stimmung steigerte sich immer mehr, bis ein Flitterkonfettiregen von oben den offiziellen Teil (für’s Fernsehen) beendete.

Schließlich kamen alle drei, Thielemann, Renée Fleming und Vogt mit Sektglas auf die Bühne. Der in Dresden nach eigenen Aussagen „angekommene“ Chefdirigent wünschte in einer „Mini-Rede“ allen ein gutes neues Jahr, dem Renée Fleming „A happy New Year“ hinzufügte. Symbolhaft für die gute Zusammenarbeit und perfekte Ausführung durch die Kapelle reichte er sein Sektglas bedeutungsvoll an den 1. Konzertmeister (Matthias Wollong) weiter, der u. a. auch ein schmeichelndes Violinsolo beigesteuert hatte.

Es war ein sehr gelungener, niveauvoller Ausflug ins Unterhaltungsmilieu – warum auch nicht? Schließlich gehört es zu einer langen Tradition von Oper und Konzert am Silvester einen Ausflug ins „Heitere“ zu unternehmen.

Ingrid Gerk

 

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