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DRESDEN/ Semperoper: SILVESTERKONZERT – „Auf einem Trip nach New York“

01.01.2016 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: CHRISTIAN THIELEMANN MIT STARGÄSTEN UND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE IM SILVESTERKONZERT AUF EINEM „TRIP“ NACH NEW YORK – 31.12.2015

Pressefoto_Silvesterkonzert-Sächs-Staatskapelle_Thielemann_31-12-2015
Die Mitwirkenden. Copyright: Oliver Killig

Bereits 2013 unternahmen Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden in ihrem Silvesterkonzert einen musikalischen Ausflug zum New Yorker Broadway. Jetzt wagten sie in ihrem, regelmäßig vom ZDF (fast live) ausgestrahlten, Silvesterprogramm erneut einen Sprung über den Atlantik.

Dieses Neujahrskonzert fand erstmals im neuen, auf der Bühne aufgebauten, „Konzertzimmer“ statt, das nach den Plänen Gottfried Sempers wie eine Fortsetzung des Zuschauerraumes wirkt und mit Spiegelwand und zwei rötlich angestrahlten Kronleuchtern die Oper in einen festlichen Ballsaal verwandelte – stilgerecht, versteht sich.

Bevor es nach New York ging, gab es einen „Abstecher“ nach Norden mit dem „Klavierkonzert a-Moll (op. 16) von Edvard Grieg – am Flügel: Lang Lang, der in der Vergangenheit bereits mehrfach mit der Sächsischen Staatskapelle musiziert hat und sich auch an diesem frühen Nachmittag zu seinen „klassischen Wurzeln“ bekannte.

Gewaltiger Trommelwirbel und harte Orchesterklänge eröffneten das Klavierkonzert, offenbar akustisch etwas übersteuert. Thielemann setzte auf starke Kontraste zwischen Forte und Piano. Mitunter wurde das Tempo eines schönen Effektes wegen leicht forciert (Silvester ist vieles erlaubt) oder es gab eine ritardierende Solopassage, und doch schimmerte immer wieder auch die lyrische Seite dieses Konzertes durch. Lang Lang spielte anders als gewohnt, mit (niveauvollen)  „Show-Effeten“, aber auch lyrisch betont, denn er vergisst neben der Publikumswirksamkeit nie das ursprüngliche Anliegen eines Komponisten.

Mit sanftem, perlendem Anschlag zauberte er vor allem im 2. Satz „himmlische“ Passagen, in denen er die Tasten „singen“ ließ und das leiseste Pianissimo, gerade noch hörbar, ergänzt von schönen Streicherklängen, „auskostete“. Er ist voller Musikalität, bei der immer eine innere Dynamik mitzuschwingen scheint, die auch nicht von äußeren Gesten überdeckt werden kann.   

Es war eine sensationelle Wiedergabe, voller Leidenschaft und auch mit einigen Showeffekten, denn schließlich soll beim Fernsehen eine breite Zuschauermenge erreicht werden. Dass es bereits nach dem 1. Satz voreilig Applaus gab, könnte man wohlwollend auch als Begeisterung deuten, die keinen Aufschub duldete (?).

Und nun erst einmal den Flügel hinausgerollt – auf nach New York! – mit Broadway-Klassikern, die bis in die „Goldenen Fünfziger“ hineinreichen. Den Anfang machte George Gershwin. Nach der sehr rhythmisch betonten „Ouvertüre“ zu „Oh, Kay!“ mit der Sächsischen Staatskapelle in großer Besetzung, die spielte, als hätte sie diese Musik schon immer gespielt, rauschte die israelische Sopranistin Rinat Shaham, die schon im „Stabat mater“ von Rossini (13.2.2015) ihr Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle gab, ganz in rot herein, jung, schön und charmant.

Mit ihrer mühelos einsetzbaren Opernstimme und melodischem Schwung sang sie „Embraceable You“ aus „Girl Grazy“, gewinnend, leicht verträumt und „verspielt“, und Thielemann spielte mit, als wäre er ihrem Charme erlegen, als der schüchterne, Auserwählte, den sie besang. Er „umwarb“ sie mit Küsschen und ein paar Tanzschritten, sich dann aber immer wieder schnell besinnend, zu seiner „Pflicht“ ans Dirigentenpult zu eilen. Doch zum Abschluss gab es dann wirklich Küsschen, Küsschen für die gelungene Nummer.

Der amerikanische Bariton Lucas Meachem gab mit „Lady, Be Good“ sein Debüt bei der Kapelle, das er mit einem gelungenen hohen Falsett-Ton „bekrönte“.

… Flügel wieder herein – für Lang Lang und die „Rhrapsodie in Blue“, die mit herrlichen Bläsern und umwerfendem musikalischem „Instrumenten“-Humor eröffnet wurde. Die „Licht-Spiele“ zogen die Figuren des Proszeniums mit ein und verlegten sich jetzt auf himmlisches blau. Lang Lang war ganz in seinem Element, und Thielemann nickte zu seinen Solopassagen im Rhythmus dazu – eine Wiedergabe, die „unter die Haut“ und „ins Blut“ ging – Gershwin vom feinsten, deshalb zum Schluss eine herzliche Umarmung zwischen Dirigent und Solist. Dann Flügel (endgültig) hinaus … (eine andere Technik gibt es im historischen Opernhaus nicht).

„Locker vom Hocker“ ging es bei aller Exaktheit in „Times Square“ aus „On The Town“ von Leonard Bernstein weiter, von dem später auch noch die „Ouvertüre“ dazu und der „Mambo“ aus den „Symphonic Dances from West Side Story“, als „Zugabe“ für die im Opernhaus Anwesenden nach dem offiziellen (Fernseh-)Programm erklangen, wobei mit letzterem die Stimmung auf den Höhepunkt getrieben und das Jahr 2015 musikalisch verabschiedet wurde – alles mit umwerfender Heiterkeit und viel Humor seitens der Musiker.

Aber nicht so voreilig! Die Sänger hatten noch ihren großen Auftritt, zunächst Lucas Meachem mit „I Love Paris“ aus „Can- Can“, wobei er „Flagge zeigte“ und eine kleine französische Fahne aus der Tasche zog und „entrollte“, sehr zur Freude des Publikums. 

Rinat Shaham und Thielemann wiederholten ihren „Flirt“ noch einmal in ähnlicher Form mit „As Time Goes By“ aus „Everybody’s Welcome“ von Herman Hupfeld (1894-1951), sinnreich „untermalt“ von rotem Scheinwerferlicht bis in den Zuschauerraum, das danach den von oben rieselnden Flitterregen anstrahlte, der unten angekommen, das Sängerpaar zu Füßen „vergoldete“.

Rinat Shaham und Lucas Meachem vereinten ihre schönen Stimmen zu „Wunderbar“ aus „Kiss Me, Kate“ von Cole Porter, aber das konnten die Fernsehzuschauer leider nicht mehr miterleben, denn der offizielle (gesendete) Teil war zu Ende. Hatten beide ihre Stimmen für die Aufnahme noch klug zurückgenommen, konnten sie sich jetzt voll entfalten.

Das Konzert wurde vom ZDF-Moderator euphorisch als „Gipfeltreffen der Extraklasse“ angekündigt und es hielt, was es versprach. Es stimmte (beinahe) rundum alles (bis auf die Akustik am Anfang), das gut zusammengestellte Programm, die Regie, einschließlich Lichtregie und natürlich die Gestaltung durch die Ausführenden, die sich mit sichtlicher Freude einmal auf anderes Terrain begaben, nicht nur Christian Thielemann, Rinat Shaham, Lucas Meachem und Lang, Lang, sondern auch die Sächsische Staatskapelle die allein schon mit ihren tollen Bläsern und gefühlvollen Streichern punkten konnte. Die Musiker spielten, als wären sie in diesem Metier zu Hause, ein rundum gelungener (früher) Abend – Staatskapelle einmal anders, aber mit der gleichen Intensität und Engagement wie bei einem „klassischen“ Konzert, nur mit einer „etwas anderen Musik“ und mit viel persönlich beigesteuertem Humor, der „aus dem Herzen“ kam.

Ingrid Gerk

 

 

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