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DRESDEN/ Semperoper: SCHÖNBERG UND BEETHOVEN IM 6. KAMMERABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN

28.02.2017 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: SCHÖNBERG UND BEETHOVEN IM 6. KAMMERABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 27.2.2017

Mit zwei Streichquartetten, beide mit der „Nr. 2“ in klassischer Streichquartettbesetzung für 2 Violinen, Viola und Violoncello gestaltete das Jacobus-Stainer-Quartett aus Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der Dresdner Philharmonie einen interessanten Kammerabend voller Gegensätze und doch inneren Zusammenhänge: Arnold Schönberg und Ludwig van Beethoven, beginnendes 20. und beginnendes 19. Jh., Moderne und Wiener Klassik, ohne die die Entwicklung des Genres Streichquartett nicht möglich wäre.

Das Jacobus-Stainer-Quartett entstand aus dem, 1998 von Henrik Woll, Violine, Christina Biwank, Viola und Simon Kalbhenn, Violoncello, gegründeten Robert-Sterl-Trio, als sich 2011 die US-amerikanische Geigerin Paine Kearl anschloss. Mit dem Namen Jacobus Stainer ehren die Musiker den Tiroler Geigenbauer, der sich im 17. Jh. in einem bewegten Leben um den Geigenbau sehr verdient gemacht hat. Sie haben die Komponisten des 20. Jh., wie Béla Bartók, Sergej Prokofjew, Alban Berg, Arnold Schönberg u. a. im Fokus, immer aber auch die Wiener Klassik im Blick.

In umgekehrt chronologischer und entwicklungsgeschichtlicher Reihenfolge begannen sie mit Arnold Schönbergs, 1907/08 komponiertem „Streichquartett Nr. 2 fis‑Moll op. 10 für 2 Violinen, Viola und Violoncello“. Äußerlich noch bzw. – nach zwei Versuchen, neue Formen durch Verknappung mit zwei einsätzigen Kompositionen (op. 7 und op. 9) zu finden – wieder in der Form des klassisch-romantischen Streichquartetts, ist in den vier Sätzen die  Abwendung von den herkömmlichen Formen und musikalischen Gesetzen die Suche (und (Versuche) nach Neuem zu spüren und nachzuvollziehen, die sich möglicherweise aus einer persönlichen (Ehe-)Krise ergeben hat, die er auf diesem Wege zu bewältigen suchte. Er wagt den Bruch mit der musikalischen Tradition, löst auf der Suche nach einer neuen formbildenden Kraft die Tonalität auf, emanzipiert die Dissonanz, um zu einer expressiven Tonsprache zu finden.

In der Wiedergabe des Jacobus-Steiner-Quartetts mit seinem feinsinnig „klassischen“ Streicherklang wurde diese Entwicklung, dieses Ringen um neue Formen, das „Weg-wollen“ vom Herkömmlichen und die vage Suche nach Neuem sehr deutlich. Der 1. Satz erinnerte in seiner eigenwilligen Tonalität zuweilen noch an die Tonsprache der Spätromantik. Im 2. Satz wurde bereits eine modernere Tonsprache deutlich. Wenn das Wiener Volkslied „Ach, du lieber Augustin, alles ist hin“ zitiert wird, bezieht es sich nicht nur auf Schönbergs persönliche Situation, sondern auch auf die Abkehr, das für ihn notwendige Ende der traditionellen Tonsprache.

Für den 3. und 4. Satz, in denen Schönberg die traditionelle Streichquartettform durch Einbeziehung einer Singstimme endgültig auflöst, wurden die Instrumente nachgestimmt. Wollte Schönberg eventuell – wie Beethoven in seiner IX. Symphonie – den Übergang der instrumentalen Klänge zur menschlichen Stimme vollziehen, die Überhöhung durch Verschmelzen beider Ausdrucksmittel zu höherer Ausdrucksform? Die vertonten Texte sprechen dafür.

Die Mezzosopranistin Christina Bock, Stipendiatin des Wagnerverbandes Leipzig, 2011 Preisträgerin (3. Preis und Sonderpreis) des Arnold Schönberg Centers Wien beim Internationalen Gesangswettbewerb Hilde Zadek, seit 2014/15 Ensemblemitglied der Semperoper und als Nicklausse/Muse in „Hoffmanns Erzählungen“ sehr erfolgreich, widmete sich mit sehr flexibler, gut klingender Stimme und sicherer Diktion (wenn auch wenig Textverständlichkeit) den beiden von Schönberg verwendeten Gedichten „Litanei“ und „Entrückung“ aus „Der siebente Ring“ (1907) von Stefan George (1868-1933), neue Lyrik in neuartiger Versform im Übergang von der Spätromantik zur Moderne, die er in Erinnerung an seinen 16jährig verstorbenen Schüler (Maximilian Kronberger) schrieb. Sie strahlen Düsternis und tiefe Trauer von jemandem aus, der am Ende ist, aber auch Verklärung.

Bei seiner Uraufführung 1908 löste das unkonventionelle, 1907/08 komponierte Streichquartett mit Gesang im Wiener Bösendorfer-Saal den wohl größten Skandal eines Werkes von Schönberg aus, jetzt hörten die zahlreich erschienenen Besucher das aus heutiger Sicht besonders interessante Werk mit viel Interesse.

 Zurück zum klassischen Streichquartett von Ludwig van Beethoven, dem „Streichquartett e‑Moll op. 59 Nr. 2., einem der drei sogenannten Russischen Quartette, die Beethoven auf Anregung des Grafen Rasumowsky, russischer Gesandter in Wien, schrieb. Was uns heute bei diesem Quartett an damals ungewöhnlichen Harmonien und Satztechniken als Folge der damals ungewöhnlichen äußeren Umstände, als napoleonische Truppen Wien besetzten, besonders interessant, ja selbstverständlich, harmonisch und logisch erscheint, schockierte damals die Wiener, erschien ihnen ungewöhnlich und „verrückt“, bis der Wert dieses und der beiden anderen Russischen Quartette erkannt wurde.

Das Jacobus-Steiner-Quartett spielte sehr ausgeglichen und harmonisch mit dem feinen, den Musikern der Sächsischen Staatskappelle und auch der Philharmonie eigenen Klang, sehr zur Freude des musikliebenden und sachkundigen Publikums.

Ingrid Gerk

 

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