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DRESDEN/ Semperoper: SAISONERÖFFNUNG BEI DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE MIT„BRUCKNERS „FÜNFTER“ UNTER CHRISTIAN THIELEMANN

07.09.2022 | Konzert/Liederabende
Dresden/Semperoper:  SAISONERÖFFNUNG BEI DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE MIT„BRUCKNERS „FÜNFTER“ UNTER CHRISTIAN THIELEMANN – 6.9.2022

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Copyright: Sächsische Staatskapelle

Nicht zum ersten Mal eröffnete die Sächsische Staatskapelle Dresden ihre neue Konzertsaison mit einer Bruckner-Symphonie unter Christian Thielemann. Genau zum 198. Geburtstag des Komponisten stand jetzt kurz vor der Konzertreise nach Mailand, Wien und Linz seine „Fünfte“ auf dem Programm des 1. Symphoniekonzertes, dem man mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgensah, einem lachenden, weil Thielemann bei Anton Bruckners „Symphonie Nr. 5 B‑Dur“ (WAB 105) am Pult stand und einen großartigen Konzertabend versprach, und einem weinenden, weil er die Kapelle und sein begeistertes Publikum entgegen aller plausiblen Gründe und künstlerischen Verdienste in absehbarer Zeit (leider schon in zwei Jahren) verlassen soll, womit eine einzigartige künstlerische Konstellation zerstört und Dresden um eines der international beachteten Highlights (die ohnehin immer weniger werden) ärmer wird.

Thielemann hatte an den drei Abenden des 1. Symphoniekonzertes (4., 5. und 6. 9.) nicht nur das richtige Gespür für Bruckners „Kontrapunktisches Meisterstück“, wie es der Komponist selbst nannte, als er nach dem überaus selbstkritischen Kompositionsprozess seiner früheren, unablässig überarbeiteten, Symphonien 1875 eine ihn gleich zufrieden­stellende Fassung vorlegten konnte (bei der er aber auch bis in das Jahr 1879 „Verbesserungen“ anbrachte) und die er zu seinen Lebzeiten nie zu hören bekam, da sie erst später aufgeführt wurde.

Thielemann übertraf mit der Staatskapelle (nicht nur) am dritten Aufführungstag alle Erwartungen. Er hat schon mehrmals mit der Kapelle eine Bruckner-Symphonie aufgeführt und dabei naturgemäß wie jeder Dirigent einen Entwicklungsprozess durchgemacht, der jedoch nicht in der Präsentation verschiedener Lesarten bestand, sondern in einem immer tieferen Hineinversenken und „Hineinwachsen“ in das Werk. Mit jeder Aufführung vertiefte er sich mehr in Bruckners Geisteswelt, die er mit der ihm bedingungslos in jeder Phase folgenden Kapelle  auch dem Zuhörer erschloss.

Für Thielemann und das Orchester bedeutet das jedes Mal einen physischen und auch psychischen Kraftakt, aber das Ergebnis ist überwältigend und kaum mehr zu toppen. Mit größtmöglicher Transparenz, Einfühlungsvermögen und technischem Können aller beteiligten Musiker gelang eine ideale Wiedergabe, bei der einfach alles stimmte, die im feinsten Pianissimo heranschwebende “Introduktion“ des ersten Satzes mit den Pizzicato-Takten der Kontrabässe, den subtilen Streichern im getragenen Streicherchoral, dem feierlichen Blechbläserchoral, den melodiösen Holzbläsern und den Tremolo-Passagen beim Horn, das großartig fließende große Crescendo, das schmetternde Blech und der Paukenwirbel (wobei die Pauke andererseits auch einfühlsam agieren konnte) und die klangschöne Oboe bis hin zum Finale mit dem triumphalen Choralsatz – Klangrausch und Sensibilität, Feinheit und gewaltige Emotionen.

Die relativ langsamen Tempi erklärten sich aus der Akribie, mit der jede Phase, jede Note ausgelotet und zu einem genialen Gesamtwerk zusammengefügt wurde. Da war nichts flüchtig, nichts „nebensächlich“, alles hatte Sinn und Bedeutung und war der Erhabenheit der Symphonie geschuldet.

Hier erübrigen sich eigentlich Worte, die ohnehin nicht das wiedergeben können, was hier erreicht wurde, man muss es gehört und erlebt haben.

Ingrid Gerk

 

 

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