Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Semperoper: ROMEO UND JULIA – Ballett von Stijn Celis

27.03.2013 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

 

 Dresden/Semperoper: „ROMEO UND JULIA“ – IN DER LESART VON STIJN CELIS – 26.3. 2013    Pr. 22.3.2013


Ein glücklicher Moment für Romeo (Jiří Bubeníček) und Julia (Julia Weiss).  Foto: Semperoper
 
Am 22.3. fand die „Uraufführung“ der von Stijn Celis zu Sergej Prokowjews „Romeo-und-Julia-Balletts“ geschaffenen Choreografie statt. Schon immer hat Shakespeares Liebesdrama um die beiden hoffnungsvollen jungen Menschen aus zwei mächtigen, bis aufs Blut verfeindeten, adligen Familien-Clans im Verona der Renaissancezeit Generationen von Schriftstellern, Komponisten und Choreografen zu eigenen Adaptionen angeregt. Inspiriert von dem Sujet, kreierte nun Celis in seiner ganz spezifischen Handschrift seine persönliche Sicht auf dieses abendfüllende Handlungsballett mit einem Großaufgebot an Tänzerinnen und Tänzern.

Prokofjew ließ die ursprüngliche Handlung weitgehend unberührt und setzte sie in eine moderne, sehr ansprechende Musiksprache um. Celis intensivierte die psychologische Durchdringung der Personen und weitete die Handlung aus. Er dürfte ein besonderes Verhältnis zu diesem Ballett haben, denn er tanzte einst selbst den Cousin der Julia namens Tybalt, dessen Tod mitten in den tätlichen Auseinandersetzungen zwischen den Angehörigen der beiden Adelshäuser symbolhaft für die Feindseligkeiten steht, die oft in Blutrache ausarteten, was in der Renaissancezeit nicht immer gerichtlich geahndet wurde.

So gesellschaftlich zwingend und ausweglos sind diese Feindseligkeiten mit derart gravierenden Folgen heutzutage nicht mehr – höchstens in einigen Ländern mit alten  Traditionen und Konventionen, aber die sind in dieser Inszenierung nicht angedeutet. Diese äußeren Zwänge sind nicht mehr unabdingbar und lebensbestimmend, höchstens beeinträchtigend. Jetzt gibt es immer einen Ausweg und sei es die gemeinsame Flucht. Unter den damals herrschenden Bedingungen gab es kaum ein Entrinnen, wodurch die Handlung ihre Brisanz erhielt. Insofern ist ein Verlegen in unsere Zeit ein Wagnis.

Die beiden Adelsfamilien wohnen jetzt in gehobenen Neubaublocks im 1. Stock über Garagen und sonstigen Einfahrten, aber mit einer Loggia, die sich gut für theaterwirksame Szenen eignet. Die geschickt gestalteten Häuserwände mit Blick in die Innenräume berühren sich nicht, um die unversöhnliche Distanz deutlich zu machen. Auf der Straße bzw. dem öffentlichen Platz davor, der später zum Ballsaal bzw. zur „Feierhalle“ bei Julias Tod wird, spielt sich das Leben ab. Es wird mit interessanten Lichteffekten und auch wieder mit viel Dampf (der eigentlich schon „out“ war) gearbeitet (Bühne und Licht: Jan Versweyveld). Die unterschiedlichen Handlungsorte entstehen durch wenige verschiebliche Bühnenelemente und Requisiten – und es gibt auch wieder Stühle, Stühle, Stühle.

Die „Kostüme“ (Catherine Veffray) bestehen in moderner Kleidung (wie aus dem Kaufhaus oder einer Boutique). Die Herren tragen gut sitzende Anzüge, Julia und ihre Freundinnen weiße Oberhemden und Höschen, als wollten sie gerade Tennis spielen. Nur die Damen des Capulet-Clans dürfen Kostümchen in Pastelltönen tragen und Gräfin Capulet sogar ein elegantes Kleid in rosenrot mit ebensolchem mondänem Hut – als starken Kontrast zwischen der Vorbereitung auf den Ball und Julias (vermeintlichen) unerwarteten Tod, durch den der Ball  zur Trauerfeier mutiert und der Hut zu Boden geschleudert wird.

Selbst die Musik ist nicht nur original Prokofjew. Es werden mitunter elektronische Passagen eingespielt, langanhaltende nervige Töne, die die zugespitzte Situation verdeutlichen, und es wird zu den Bewegungsabläufen zuweilen ein unartikuliertes „Gemurmel“ hörbar, z. B. als Ausdruck des verzweifelten Suchens der (hier) einfältigen Amme (Ana Presta), die wie eine Glucke „ihre“ Julia sucht.

Soviel Modernität nimmt der Handlung zunächst optisch manches von ihrer Brisanz. Die rechteckig angelegten Tanzformationen im rechteckig orientierten Bühnenbild könnten leicht ermüdend wirken, wenn sie nicht durch die Choreografie kompensiert würden. Im ersten Teil orientiert Celis vorwiegend auf Massenszenen mit minutiös abgestimmten Gruppenformationen, die sich immer wieder in individuelle sportliche Figuren und Bewegungen auflösen, bei denen alle Tänzerinnen und Tänzer ausgefeilte Leistungen in perfekter Körperhaltung, akribischer Disziplin und streng getimten, dynamischen Bewegungsabläufen zeigen.

Anstelle der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die zurzeit bei den Salzburger Osterfestspielen mitwirkt, saß die NDR Radiophilharmonie im Orchestergraben. Unter der Leitung von Paul Connelly spielten die Musiker sehr kontrastreich und eröffneten den Handlungsablauf mit lautem „Paukenschlag“, dem später weitere in entsprechenden Momenten folgten, um die Musik emotional aufzuladen.

Nach den ersten Paukenschlägen betritt Romeo die Bühne aus dem Dunkel des Hintergrundes mit der (vermeintlich) toten Julia auf seinen Armen, die er fassungslos und ratsuchend über die Bühne trägt und wieder mit ihr entschwindet. Damit wird die Handlung von hinten aufgerollt und beginnt danach mit einer Rückblende auf die feindlichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Clans, in sehr dynamischen Tanzszenen, natürlich nicht ohne Gewalt und Sex. Man möchte die Handlung schon genau kennen, um allen choreografischen Deutungen zu folgen und dem Stück die ihm innewohnende, emotionale Tiefe abzugewinnen.

Die beiden Hauptprotagonisten, das aufrichtig und verzweifelt liebende Paar, wird von zwei ausgezeichneten Tänzern verkörpert. Jiří Bubeníček hat als Romeo Gelegenheit, die ganze Palette seines Könnens zu zeigen, von einigen klassischen Elementen mit seinen berühmten hohen Sprüngen, über den Ausdruckstanz bis zu dramatischer, schauspielerischer Ausdrucksstärke. Er gestaltet die Rolle ergreifend bis in ihre Tiefe.

Julia Weiss verfügt nicht nur über hohes tänzerisches Können, sondern auch gute schauspielerische Fähigkeiten, mit denen sie eine unschuldige, unerfahrene, ehrlich liebende Julia darstellt, die vor allem in der Todesszene in starrer Körperhaltung und anschließendem langsamem Wiedererwachen bis zum tödlichen Erschrecken beim Anblick ihres toten Romeo ergreifend und berührend die ganze Skala ihrer Gefühlsregungen einsetzt. In allen Szenen wirkt sie glaubhaft und natürlich.

Beide Partner tanzen sehr ausdrucksstark, mit sehr hohem tänzerischem Können und konzentrierten, sehr exakten Bewegungen, ästhetisch und niveauvoll. Es ist getanzte Leidenschaft.

Der hier zur modernen großbürgerlichen Gesellschaft avancierte Adel wird gut charakterisiert. Oleg Klymyuk erreicht mit wenigen Mitteln das typische Charakterbild eines nur karriereorientierten, gefühlskalten Grafen Capulet, wenn er in der Loggia erscheint und die bedrohlichen, kämpferischen Straßenszenen sachlich kühl betrachtet und Tybalts Tod (Fabien Voranger), eines Mitgliedes seines Clans, zur Kenntnis nimmt, oder wenn er Julia und seine Frau auf seine Art „in die Schranken“ weist.

In dieser Choreografie kamen auch den Solisten des Semperoper Balletts mitunter kleinere Rollen zu, denen sie sich mit der gleichen Intensität widmeten wie sonst den Hauptrollen. In den wenigen, sehr gut getanzten und überaus beeindruckenden Szenen ihrer Rolle ließ Elena Vostrotina eine typische Gattin dieses Karriere-Mannes und die gefühlvolle Mutter von Julia erstehen. In einer idealen Balance zwischen ausdrucksvollen, natürlich wirkenden Gesten und hervorragenden Tanzbewegungen drückt sie die nach außen schöne, elegante, stets auf Etikette bedachte, tatsächlich aber von ihrem Mann unterdrückte Frau aus, die der Schmerz über den Tod ihrer Tochter so übermannt, dass sie ihre wahren Gefühle zeigt.

Eine hinreißende Charakterstudie gab Carola Schwab als naive, kleine Nonne, die, betroffen von Julias Unglück, gern helfen möchte, aber ratlos ist und nicht weiß wie, denn mit ihren Gefühlen, die sie nur vage kennt oder ahnt, weiß sie nichts anzufangen. Sie kann nur beten.

In weiteren Rollen überzeugten Jón Vallejo als Romeos Freund Mercutio, Milán Madar als für Julia vorgesehener Ehemann Graf Paris und Hannes-Detlef Vogel als alter Mann des Capulet-Clans, der hier den üblichen Hausmeister abgibt, der auch nicht fehlen durfte.

In Celis‘ Choreografie verwischen die Grenzen zwischen Tanztradition und zeitgenössischem Ausdruck, zwischen klassischem Tanz, Ausdruckstanz, Elementen des Street Dances und des Dramas. Die Tänzer werden zu tanzenden Schauspielern und dramatischen Tänzern.

Ingrid Gerk

 

Diese Seite drucken