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DRESDEN/ Semperoper: RICHARD STRAUSS‘ MUSIK ALS BALLETT – 2 URAUFFÜHRUNGEN: „TANZSUITE“ UND „JOSEPHS LEGENDE

12.07.2014 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Dresden / Semperoper: RICHARD STRAUSS‘ MUSIK ALS BALLETT – 2 URAUFFÜHRUNGEN: „TANZSUITE“ UND „JOSEPHS LEGENDE“ – 11.7.2014   Pr. 28.6.2014

 

Trotz widriger Umstände, heftiger Regengüsse und Absperrung des Theaterplatzes für den betagten Elton John, der ausgerechnet sein (Veranstaltungs-)Zelt auf dem Platz vor der Semperoper „aufschlagen“ (lassen) musste, um seine noch verbliebenen Fans anzusingen, war der Ballettabend „Legenden – Homage an Richard Strauss“ im Opernhaus gut besucht. Da waren mehr Jugendliche als auf dem Platz davor. Die Besucher mussten sich zwar auf einem ziemlich schmalen Pfad zur Tugend, d. h. zur Semperoper, durch oder an großen Pfützen vorbeischlängeln, aber niemand ließ sich davon abbringen.

 Müssen denn alle Veranstaltungen ausgerechnet vor der Semperoper stattfinden und dort die Einstimmung auf einen niveauvollen Opern- oder Ballettabend stören? Die überlaute Beschallung, die selbst durch die dicken Mauern der Semperoper dringt, tut dann noch ein Übriges. Elton John vertritt doch die „moderne“ Seite der Musik, die ganz und gar nichts mit traditionsreicher Oper und Ballett zu tun hat und viel besser auf einen der großen, sehr modern (und nüchtern) gestalteten Plätze wie den Altmarkt als zentralen Platz der Stadt passen würde. Dieser Platz, dem immer etwas Belebung nottut, hat sich doch für Veranstaltungen dieser Art schon bestens bewährt.

 Alle, die sich bis zum Opernhaus „durchgekämpft“ hatten, erwartete ein sehenswerter Ballettabend, mit dem das Semperoper Ballett Richard Strauss im Jubiläumsjahr seine Reverenz erweist und der auch Teil der „Richard-Strauss-Tage“ (6. ‑ 23.11.2014) sein wird. Für gleich 2 choreografische Uraufführungen kamen 2 international anerkannte Choreografen nach Dresden, Alexei Ratmansky, ehemaliger Direktor des Moskauer Bolschoi Ballett und derzeit international gefragter Choreograf für klassischen Tanz, auf Empfehlung von William Forsythe, und Stijn Celis, der sich in Dresden bereits mit seiner Choreografie von Prokofjews „Romeo und Julia“ eingeführt hat.

 Ratmansky entwickelte zur „Tanzsuite“ von Richard Strauss eine neoklassizistische Choreografie auf der Grundlage von klassischen Tanzschritten, die er mit Drehungen und Richtungswechsel transformiert und dabei durch Verbindung mit Ausdruckstanz neue Möglichkeiten auslotet. Humor will er dabei nicht erzwingen, lässt ihn aber zu. Die Tanzschritte entsprechen in idealer Weise der Musik, die mit dieser Choreografie eine Visualisierung erfährt und durch Elena Vostrotina, eine der besten Ersten Solistinnen der Company, Emanuele Corsini, Yuki Ogasawara, Michael Tucker, Julia Weiss und Julian Lacey perfekt umgesetzt wird. Neben den ausgezeichneten Solisten kann sich auch das übrige Ensemble sehen lassen und mit sehr guten Einzelleistungen, wie hohen, weiten Sprüngen und engagiertem Gruppentanz, aufwarten.

 So, wie Strauss die Musik seiner 1923 in Wien uraufgeführten „Tanzsuite“ aus Klavierstücken von Francois Couperin, den „Pièces de clavecin“ aus den Jahren 1713‑1730 als Folge von höfischen Tänzen zusammengestellt und für (kleines) Orchester, bearbeitet, sozusagen ins 20. Jh. „übersetzt“ hat, so ist Ratmanskys Choreografie eine Reminiszenz an alte Tänze wie Sarabande, Courante usw. aus heutiger Sicht und so wie die Strauss‘sche Musik der ursprünglich streng geordneten Struktur der Stücke einen fließenden Gestus verleiht, so ist bei Ratmanskys Choreografie ständig alles in dynamischem Fluss.

 Als einzige Bühnendekoration erscheinen zunächst auf der Bühne einige Lichter an einem langsam abgesenkten „Stahlbalken“, die schnell mehr werden, bis eine größere Anzahl davon in regelmäßiger Anordnung und wechselnder Helligkeit hin und wieder hochgezogen oder abgesenkt wird (Licht: Patrik Bogardh). Aus streng geometrisch angeordneten (rechtwinkligen) Formationen entwickeln sich auch immer wieder, sich auflösende und zusammenfindende, Formationen der Tanzenden in fließender Verbindung und ständiger Dynamik. Die Leistungen der Tänzer sind frappierend. Lediglich die strengen rechteckigen Grundlinien erweisen sich zwar theoretisch als sinnvoll, in der Ausführung aber nicht zweckmäßig, da die Tanzenden nach der Auflösung naturgemäß nicht wieder exakt dahin zurückfinden. Eine freie Anordnung wäre da vielleicht zweckmäßiger gewesen.

 Die Kostüme von Yumiko Takeshima (auch Tänzerin im Ensemble) beschränken sich auf vornehmes Weiß und eleganten Schnitt, allerdings alle völlig identisch, was ein gewisses Gleichmaß bewirkt.

 In exotische Gefilde führt der 2. Teil des Abends, „Josephs Legende“ (uraufgeführt 1914 in Paris) in der Choreografie von Stijn Celis, einer Mischung aus märchenhaft orientalischer Assoziation, kubistischen Anklängen an die ersten Jahrzehnte des 20. Jh. und die Dekadenz am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Auf einem in blau bis schwarz schattierenden Zwischenvorhang „drehen“ und „bewegen“ sich, erst langsam, dann schneller, magische Oktaeder mit unterschiedlich getönten Flächen durch Lichteffekte und Schattenwirkungen wie nach dem Zufallsprinzip um die eigenen Achsen, jeder einzelne anders, für sich und untereinander in allen Richtungen.  

 Wenn sich der Vorhang hebt, hängt nur noch ein großes Oktaeder von der Bühne herab, das ebenfalls durch Lichteffekte „bewegt“ wird. Das „übrige“ „Bühnenbild“ besteht hier ebenfalls fast nur aus Lichteffekten, die auch eine „Drehbühne“ vortäuschen, und einigen verschieblichen Wänden (Bühne und Licht: Jens Sethzmann). Das ist nicht neu, aber hier durchaus wirkungsvoll. Es entspricht der Handlung und Choreografie sowie der Musik und der Zeit, in der sie entstand.

 Spitzen- und Ausdruckstanz und – (natürlich) Gewalt bilden die Elemente einer beklemmenden, wie atemberaubenden Handlung, deren Träger vor allem Jirí Bubenícek als Joseph ist. Bisher herausragender Solist mit extrem hohen und weiten Sprüngen und großer Ausdruckskraft, avanciert er mehr und mehr zu einem ausdrucksstarken, intensiven Charakterdarsteller. Sein Joseph nimmt gefangen, ist bewegend, faszinierend, bannend.

 Eine herausragende tänzerische Leistung vollbringt Courtney Richardson als Potiphars Weib, bei allen Verführungskünsten gefährlich und raffiniert. Mit Verve präsentiert sie ausdrucksstarke Tanzkunst. Als ihr „Gatte“ Potiphar erfüllt Milán Madar exakt seine Rolle, wenn auch mit wenig Leidenschaft und eher zurückhaltend, was man aber auch der Rolle zuordnen kann. „Engelgleich“ hingegen in ihren geschmeidigen, ausdrucksvollen Bewegungen greift Elena Vostrotina als Engel ins Geschehen ein, nicht zuletzt, um Joseph aus drastischen Prügel- und Folterszenen zu „retten“.

 Die Kostüme von Catherine Voeffray treffen z. T. den Nerv der Figuren (Joseph und das Ehepaar Potiphar). Der Scheich (Hannes-Detlef Vogel), der für märchenhafte, arabische Atmosphäre wie aus 1001 Nacht sorgt, und das „Gefolge“ (Sulamithen, Wächter, Frauen, verschleiert und unverschleiert, usw.) sind farblich gut abgestimmt und charakterisieren die Gestalten und ihre Funktionen innerhalb der Handlung, aber was sollen die Männer in kurzen weißen Hosen, Hilfskrawatte und schwarzen Jacketts wie Pinguine? Sollte das ein Verfremdungs-Effekt in Richtung Humoreinlage sein – nach dem Motto: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas geben“, Humor und Gewalt, Farbenrausch und hohe Ballettkunst?

 Das gute musikalische Fundament, auf dem sich der Tanz entwickeln konnte, lieferte die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Paul Connelly mit seiner Vorliebe für lauten Orchesterklang und dominante Pauke.

 Ingrid Gerk

 

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