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DRESDEN/ Semperoper: REZITAL DES DERZEITIGEN CAPELL-VIRTUOSEN DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN ANTOINE TAMESTIT

16.05.2022 | Konzert/Liederabende

 Dresden / Semperoper: REZITAL DES DERZEITIGEN CAPELL-VIRTUOSEN DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN ANTOINE TAMESTIT – 15.5.2022

Der französische Ausnahme-Bratschist Antoine Tamestit, in dieser Saison Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle Dresden stellte sich in seinem Rezital mit einem Querschnitt aus seinem breitgefächerten Repertoire von der Barockzeit bis zur Gegenwart vor. Er begann mit der „Sonate für Viola da gamba und Cembalo Nr. 2 D‑Dur“ (BWV 1028) von Johann Sebastian Bach, bei der er vor allem sein virtuoses technisches Können unter Beweis stellte. Obwohl er ein Instrument von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1672 mit warmem, geschmeidigem Klang spielte, dachte man doch unterschwellig an das i‑Tüpfelchen des Gambenklanges.

Sein Begleiter und weltweit gefragte Solist an renommierten Häusern wie der Wigmore Hall, der Carnegie Hall u. a., Cédric Tiberghien, versuchte auf dem modernen Konzertflügel mit gut klingendem Anschlag dem Klang der Barockzeit nahe zu kommen. ‚Dennoch vermisste man das Cembalo. Zu sehr ist man jetzt mit „Originalklang“ und historisch informierter Aufführungspraxis an andere Klangvorstellungen gewöhnt, die Bachs Musik vonseiten des Klanges noch besser erschließen als moderne Instrumente.

Obwohl niemand weiß, wie es damals wirklich geklungen hat, von Zeitzeugen aber oft die „himmlische“ Klangschönheit gerühmt wurde, kann der alte Streit, ob dem Cembalo mit seinem differenzierenden Klang oder dem modernen Konzertflügel, bei dem die Struktur der Bachschen Musik mit ihren vielfältig ineinander verschlungenen Linien und Themen besser zur Geltung kommt, der Verzug zu geben ist, nach wie vor Geschmacks- und Ansichtssache ist, auch wenn jetzt die Tendenz zum Cembalo dominiert. Bei der Wiedergabe dieser beiden Künstler standen technische Bewältigung und Virtuosität mit sanfter, weicher Tongebung, flüssigem Musizieren, Transparenz und auch Tempo im Vordergrund.

Bei der „Sonate für Viola und Klavier f‑Moll“ (op. 120 Nr. 1) von Johannes Brahms passte der Klang der beiden Instrumente naturgemäß zum Charakter der Sonate aus romantischer Zeit. Hier brillierten beide mit technischem Können und Werkverständnis. Mit Euphorie und Verve, männlich-kraftvoll, aber auch mit feinen leisen Tönen in den lyrischen Passagen kam auch der schöne Ton der Viola sehr gut zur Geltung.

In ihrem Element waren die beiden Musiker bei drei publikumswirksamen Stücken von Gabriel Fauré, der eingängigen, angenehm unterhaltsamen „Berceuse“ (op. 16), der „Sicilienne“ (op. 78) und dem Lied „Après un rêve“ (op. 7 Nr. 1), die sie mit Hingabe, Leidenschaft und französischem Charme spielten, gut anzuhören und zu erleben. Hier blieb kein Wunsch offen. Es war eine ideale Wiedergabe mit allen Raffinessen und herrlichem Viola-Klang.

 Mit großer Sorgfalt widmeten sich beide auch der dreisätzigen “Sonate für Viola und Klavier“ der britischen Komponistin Rebecca Clarke (1886-1979), die mit ihrer Viola-Sonate den zweiten Preis bei einem Wettbewerb in Massachusetts gewann, „ein kurzes Glücksgefühl von Erfolg“, wie sie selbst meinte, denn Frauen, die damals in eine Männer-Domäne einbrachen, hatten es schwer. Die Sonate ist mit ihren deklamatorischen, rhapsodischen und improvisatorischen Passagen und ihrer einfachen modalen Melodik anspruchsvoll unterhaltsam auf hohem Niveau, so gut ausgeführt, erst recht. Die technischen Möglichkeiten, bei denen die Ausführenden ihre Fähigkeiten präsentieren können, kamen dem Publikumsgeschmack ihrer Zeit sehr entgegen und „zünden“ auch heute noch, so dass die beiden Musiker erst nach einer Zugabe entlassen wurden.

Die hatten wieder eine Komponistin gewählt, Madame Boulanger, von der sie zwei kleine Stücke ankündigten und zu Gehör brachten, romantisch, fließend gespielt und angenehm anzuhören, womit sie zum Ausdruck brachten, dass auch im vorigen Jahrhundert Frauen schon ansprechende Musik geschrieben haben, die jedoch meist wenig öffentliche Anerkennung fand.

Ingrid Gerk

 

 

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