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DRESDEN/ Semperoper: ORLANDO. Premiere

28.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Dresden / Semperoper: “ORLANDO“ – 27.1. 2013. Premiere


Barbara Senator (Dorinda), Gala El Hadidi (Medoro), Christa Mayer (Orlando), Georg Zeppenfeld (Zoroastro) mit Carolina Ullrich (Angelica). Foto:  Matthias Creutziger

Nach „Giulio Cesare in Egitto“ und „Alcina“ hatte nun in der Reihe der Händel-Opern die – bei ihrer Uraufführung 1733 im King’s Theatre in London „umstrittene“ – Oper „Orlando“ Premiere.

G. F. Händels Musik ist alles andere als verstaubt. Sie war ihrer Zeit weit voraus. Anders als sein Zeitgenosse J. S. Bach, für den zeitlebens Kontrapunkt und Polyphonie die Grundpfeiler seiner Musik waren, beschritt Händel bereits neue Wege. Wie keinem zweiten gelang es ihm, seelische Vorgänge, Empfindungen und Gefühle so deutlich musikalisch zu schildern, dass seine Musik noch immer unmittelbar anspricht und bewegt, zumal, wenn sie so feinfühlig interpretiert wird, wie von Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Jonathan Darlington.

Die Musiker spielen zwar nicht ausschließlich auf Instrumenten der Barockzeit (oder Nachbauten), aber ihre wertvollen Instrumente aus der Zeit der Romantik verleihen der Musik einen einzigartigen Klang und besonderen Reiz. Da viele von ihnen auch in Ensembles für Alte Musik spielen, sind sie mit dieser Stilrichtung bestens vertraut, verfügen über reichlich Erfahrungen und wissen, wie solche Musik klingen muss. Allein, wie zwei von ihnen (Ulrice Scobel, Jörg Kettmann) mit ihrem „himmlisch“ schönen Spiel auf der Viola d’amore die von Christa Mayer als Orlando besonders schön gesungene Schlafarie in seelenvoller Schlichtheit und Klangschönheit vom widerborstigen Aufbegehren des Helden bis zum beseligenden Schlummer begleiten, ist beispielgebend und ein Hörgenuss besonderer Art.

2 Cembali (J. Darlington und Johannes Wulff-Woesten) bilden das Fundament für die Musiker. Ergänzt wird das Ensemble außerdem von Laute (Stefan Maass) und Barockcello (Jan Freiheit), so dass durchaus ein barockes Klangbild entsteht. Man hätte sich lediglich seitens des Dirigenten etwas mehr Temperament, eine Steigerung während der Opernhandlung gewünscht. So spielte das Orchester einfach nur schön von Anfang bis Ende – wie bei frühbarocker Musik. Bei Händel darf es aber schon etwas mehr sein. Seine Musik wies damals weit in die Zukunft, d. h. auch in unsere Zeit hinein, selbst wenn sie sich der alten Formen wie der 3teiligen Arien (ABA) bediente.

Die Partie des bretonischen Ritters Orlando, bei der der damals berühmte Kastrat Senesino der Meinung war, dass sie ihm nicht genügend Gelegenheit bot, sich zu produzieren, lag bei Christa Mayer in den besten Händen. Senesino verließ damals Händels Operntheater und ging zur Konkurrenz. Christa Mayer bleibt der Semperoper hoffentlich erhalten. Sie hat keine Star-Allüren und liebt Händels Musik so sehr, dass sie privat damit schon den Tag beginnt. Mit ihrer Stimme ist sie prädestiniert für diese Musik. Mühelos perlten die umfangreichsten Arien, immer getragen von ihrer außergewöhnlich schönen, runden Stimme, in der so viel Ausdruckskraft liegt. Man wurde nicht müde, ihr zuzuhören.

Für Georg Zeppenfeld ist die Gestalt des geheimnisvollen, das Bühnengeschehen immer wieder in die richtigen Bahnen lenkenden Magiers Zoroastro eine der Rollen, die (ähnlich dem Sarastro in der „Zauberflöte“) seiner schönen warmen Stimme mit der wohlklingenden Tiefe und seiner würdevollen Erscheinung besonders entgegenkommen. Hier konnte seine unaufdringliche und doch so wirkungsvolle Bühnenpräsenz wieder einmal besonders gut zum Ausdruck kommen.

Eine sehr angenehme Überraschung war Barbara Senator als Hirtin Dorinda, die mit schlichter Natürlichkeit, angenehm klangvoller, einschmeichelnder Stimme, viel Seele (ohne zu übertreiben) und großem Können (selbst wenn sie entsprechend Regie schräg auf einem nach vorn gekipptem Tisch singen muss) mit unverminderter Frische immer wieder Leben in die Aufführung brachte. So locker, leicht, seelenvoll und naturnah mag man sich in der Barockzeit ein idyllisches Hirtenleben vorgestellt haben (was es natürlich in der Realität auch damals nicht war).

Alle drei wurden zu Recht bereits auf offener Bühne mit Sonderapplaus bedacht.

Caroline Ullrich verfügt über einen schönen glasklaren, aber leider nicht sehr kräftigen Sopran. Sie lieh ihre zarte Stimme der Angelica, Königin von China, die den maurischen Prinzen Medoro, liebt. Er wurde von der jungen Sängerin Gala El Hadidi, seit dieser Spielzeit neu im Ensemble der Semperoper, dargestellt. Sie versuchte, ihrer Aufgabe gerecht zu werden, brauchte bei den Arien mitunter etwas länger, wobei das Orchester sehr viel Rücksicht nahm, und richtete sich streng nach der Regie. Ihr Gesang hat oft einen leichten Anflug von Derbheit, ihr Spiel etwas Burschikoses. Sie singt, was in den Noten steht und spielt, wie es die Regie vorschreibt, aber dazwischen fehlt noch das kleine Quäntchen Eigenes als „verbindendes Element“.

Das Fünf-Personen-Stück wurde mit viel Ballett „aufgefüllt“. Es sollte die Gedanken und seelischen Vorgänge der Akteure während der langen Arien illustrieren, was teilweise durchaus nachvollziehbar war (Choreografie: Zenta Haerter). Die 5 Tänzerinnen (Juliane Bauer, Seraphine Detscher, Anne Sophie Sieber, Nicole Meier, Maria Zimmermann) und 5 Tänzer (Yevgen Bondarenko, Michael Grimm, Björn Helget, Olesandr Kolinko, Sebastian Schiller) erfüllten ihre Aufgabe gut, um Abwechslung in das Geschehen zu bringen, was andererseits aber auch nicht selten von der Musik ablenkte. Zuweilen hatten letztere auch „tragende Rollen“, wenn sie Tisch oder Bett samt darauf befindlicher Person über die Bühne transportieren mussten.

Händels Oper nach Lodovico Ariostos Ritterroman „Orlando furioso“, wurde einst in einer (historisch nicht sehr genau genommenen) exotischen Welt angesiedelt, eine damals illusionistische Vorstellung von Freiheit. Andreas Kriegenburg, der zuletzt an der Bayrischen Staatsoper München Wagners „Ring“ in Szene gesetzt hat, verlegte die Handlung in eine andere fiktive Welt. Er drängt alle Akteure, einschließlich Ballett, in einen, mitten im Wald („Holzplantage“) stehenden, etwas heruntergekommenen großbürgerlichen Raum mit sparsamer Möblierung (3 Heizkörper, 1 Waschbecken, 1 verblichenes Sofa und 1 Klinikbett, aber ein prunkvoller Kronleuchter) als Ausdruck „innerer Verlorenheit“ (Bühnenbild: Harald Thor) und lässt sie gegeneinander antreten. Die äußere Umrandung dieses Raumes umspannt wie ein Rahmen die Handlung.

Hellblaue Bänder kennzeichnen und umschlingen die jeweils Verliebten in ihren wechselvollen Gefühlen füreinander. Die schon überwunden geglaubten Stühle tauchen auch wieder auf, dazu jede Menge alter Koffer. Die Figuren agieren in immer wieder neu arrangierten gleichen und ähnlichen Elementen und Gruppierungen, bis sie unter Zoroastros Macht, der sich durch einen „Wald“ von „sich bewegenden“ Spiegeln kämpft, zu sich selbst finden.

Die Inszenierung bringt kaum etwas Neues. Sie bedient sich immer wieder der Elemente, die schon seit Jahrzehnten die Bühnen Mitteleuropas beherrschen. Barockopern lebten aber von Farbigkeit und Opulenz. Nun erwartet wahrscheinlich niemand, dass die Sänger mit alten Federbüschen, Ritterrüstungen und üppig verzierten Roben auftreten. Wenn aber Ritter Orlando im dunklen Anzug das Schwert schwingt, will das nicht so recht zusammenpassen.

In Händels Musik Händels werden einzelne Menschen in ihrer Individualität sehr wichtig genommen. Durch die Kostüme (Andrea Schraad) werden sie wieder gleich nivelliert. Man sieht sehr viel dunkle Herren-Konfektions-Anzüge, von Orlando über Medoro bis zum Ballett. Durch dieses immer wieder gleiche oder ähnliche Outfit gibt es kaum Unterscheidungsmerkmale der Figuren, Typen, Charaktere und ihres Standes, was hier wichtig wäre, denn aus solchen Beziehungen kann viel Spannung erwachsen. Bei den Damen darf es etwas Farbe sein (Angelica in rot, Dorinda in hellblau, Ballett im schmalen Bikini bzw. weit schwingenden Kleidern).

Neben der breit angelegten Musik (die aus ihrer Zeit heraus zu verstehen ist) und ihrer statisch angelegten Umsetzung durch den Dirigenten ist es die Gleichmäßigkeit der szenischen Umsetzung, die manchem Besucher das Ganze sehr lang erscheinen lässt. Eine Barockoper entspricht nicht mehr allgemein dem Publikumsgeschmack. Es besteht aber ein historisches Interesse an der Musik, die am besten in einer konzertanten Aufführung zum Ausdruck käme. Wenn es denn unbedingt eine szenische Umsetzung sein soll, dann gehört dazu sehr viel Fingerspitzengefühl.

Aus Erfahrung weiß man, dass fast jede Premiere unter einer gewissen inneren Spannung leidet, in der die Ungewissheit mitschwingt, wie alles beim Publikum ankommt. Eine alte Theaterregel besagt, dass Kenner nicht die Premiere, sondern die 3. oder eine spätere Aufführung besuchen, da sich dann vieles „zusammengerauft“ hat. Man kann also hoffen.

Ingrid Gerk

 

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