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DRESDEN/ Semperoper: NACHTAUSGABE von Peter Ronnefeld

08.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Wiederentdeckung in Dresden: „Nachtausgabe“ von Peter Ronnefeld (Vorstellung: 7. 10. 2014)

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Foto: Matthias Creutziger/ Semperoper

 Mit der Deutschen Erstaufführung der Oper „Nachtausgabe“ von Peter Ronnefeld gelang der Semperoper in ihrer Dependance „Semper 2“ die Wiederentdeckung eines „vergessenen Genies“, wie es im Prorammheft heißt, das originellerweise im Zeitungsformat mit dem Titel „Nachtausgabe“ gestaltet wurde. Die Uraufführung der Opera piccola in 5 Bildern fand im Jahr 1956 am Salzburger Landestheater statt, zu einer Wiederaufführung in geänderter Fassung kam es 1987 in Wien.

Peter Ronnefeld kam 1935 in Dresden zur Welt, wo er zum Pianisten ausgebildet wurde. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris kam er ans Mozarteum in Salzburg, wo er von Karajan 1957 als Repetitor engagiert wurde. Karajan war von ihm so begeistert, dass er ihn1958 als seinen Assistenten an die Wiener Staatsoper holte. Dort erarbeitete sich Ronnefeld am Klavier und zunehmend auch als Dirigent das deutsche und italienische Opernrepertoire. Als erster Cembalist in Nikolaus Harnoncourts neu gegründetem Ensemble Concentus Musicus vertiefte er sich überdies in die Praxis der Alten Musik. 1961 ging er als Opernchef nach Bonn, wo seine zweite Oper „Ameise“ sowie das Ballett „Die Spirale“ entstand. 1963 wurde Ronnefeld als jüngster Generalmusikdirektor nach Kiel engagiert, wo er sich als Dirigent von zeitgenössischen Kompositionen verdient machte. Am  6. August 1965 starb er in Kiel im Alter von nur dreißig Jahren an Krebs.

Die Oper „Nachtausgabe“ handelt von der Herausgabe eines „Sensationsblatts“, mit dem der Chefredakteur mit dem sinnigen Namen Dr. Erich Stilblüte das Publikum täglich mit neuen Nachrichten füttert, was allerdings in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit nicht ganz einfach ist. So kommt eine kleine Gruppe von Bohemiens, die als Zeichner und Autoren für die Zeitung arbeiten, auf die Idee, eine Entführung zu simulieren. Dass ausgerechnet die Tochter der hysterischen Freundin der Vermieterin das „Opfer“ ist, macht die Sache allerdings etwas kompliziert.

Angesiedelt zwischen spießiger Bürgerlichkeit und jugendlichem Aufbruch gelang dem 20-jährigen Ronnefeld, der auch das Libretto verfasste,  eine schrille und humorvolle Oper mit zahlreichen musikalischen Pointen, die Regisseur Manfred Weiß geschickt auf kurzweilige Art in Szene setzte, wobei die Komik nie in Klamauk verfiel. Das „schräge“, witzig gestaltete Bühnenbild von Arne Walther zeigte auf der einen Seite eine kleine Altbauwohnung und auf der gegenüberliegenden Seite ein Maleratelier mit vielen Skizzen. Die Wege dazwischen symbolisierten die Straßen. Nina Reichmann schuf die dazu passenden Kostüme aus den 1950er Jahren. Für das Licht war Steffen Andermann zuständig.

 Die Vermieterin Emma Becker spielte Bassbariton Evan Hughes mit skurrilem Humor. Der großgewachsene Sänger agierte perfekt in seinen Frauenkleidern und war stimmlich und schauspielerisch brillant. Ihm stand die Sopranistin Christiane Hossfeld als hysterische Freundin der Vermieterin kaum nach, wobei sie auch durch ihre enorme Gelenkigkeit komische Akzente setzte. Als deren Tochter Renée brillierte die hübsche blonde Sopranistin Jennifer Riedel als  eigentliches „Entführungsopfer“. Witzig ihre Szenen als Aktmodell, in denen sie es raffiniert verstand, dem Publikum kaum einen Blick auf ihren entblößten Körper zu gönnen, auch wenn sich so mancher männliche Zuschauer den Hals verrenkte. Das gleiche gelang ihr in der Liebesszene mit ihrem Freund Ping Schma Fu, der vom Tenor Patrick Vogel dargestellt wurde.

 Seinen Journalistenkollegen Lothar Witzlaff spielte der Bariton Julian Arsenault auf ebenso pfiffige Art wie der Tenor Tom Martinsen den Chefredakteur Dr. Erich Stilblüte. Als  Reporter versprühte der fesche Tenor Christopher Tiesi gegenüber der Mutter des Malermodells gekonnt seinen Charme.

 Ergänzt wurde das spielfreudige Sängerensemble von den Baritonen Sebastian Wartig als Kommissar, der alles zu wissen glaubte, und Karl-Heinz Koch als umtriebiger Wachtmeister, der bei der Uraufführung der Oper von Thomas Bernhard gespielt wurde! Dazu ein Zitat von Bernhard über Ronnefeld, das in seiner Wortwahl so typisch für den österreichischen Dramatiker war: „Ich selbst habe, außer, dass ich mit ihm mehr gelacht habe als mit den meisten anderen Menschen, die, wie man weiß, zum Lachen meistens zu stumpfsinnig sind, viel über Musik gesprochen und wir haben uns gegenseitig sozusagen musikalisch in die Höhe gebracht.“

 Ekkehard Klemm dirigierte das Orchester Giuseppe-Sinopoli-Akademie der Staatskapelle Dresden mit großem Engagement und brachte so die zahlreichen kompositorischen Pointen zum Klingen.

 Das begeisterte Publikum im ausverkauften Haus zollte am Schluss allen Mitwirkenden minutenlang Beifall, unter dem auch einige Bravorufe waren. Gratulation der Intendanz der Semperoper zu dieser gelungenen Wiederentdeckung des aus Dresden gebürtigen Komponisten, der in seinem kurzen Leben auch einige Jahre erfolgreich in Österreich wirkte.

 Udo Pacolt

 

 

 

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