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DRESDEN/ Semperoper: MANON als Ballett in der Choreographie von Kenneth McMillan. Premiere

08.11.2015 | Ballett/Tanz

Dresden / Semperoper: „MANON“ ALS BALLETT IN DER CHOREOGRAFIE VON KENNETH MCMILLAN – 7.11.2015.   Premiere


Manon am Ende: Melissa Hamilton, Jiri Bubenicek. Foto: Ian Whalen
  
Jules Massenet ließ sich zu seiner Oper „Manon“ von dem Roman „Manon Lescaut“ des französischen Schriftstellers Antoine-François Prévost d’Exiles (1697 – 1763), auch als L’Abbé Prévost bekannt, inspirieren und der britische Tänzer und Choreograf Kenneth McMillans (1929-1992) zu seinem großen, dreiaktigen Ballett „Manon“ von der Oper und vor allem der Musik Massenets.

McMillan schuf eine Vielzahl abendfüllender Ballette voller starker Theatralik und tiefer emotionaler Sensibilität, die verbunden mit klassisch-romantischer Tanzkunst und Ausdruckstanz die menschliche Seele wie in einem Spiegel in ihrer Anfälligkeit und Zerbrechlichkeit zeigen. Neben „Mayerling“ dürfte „Manon“ sein am meisten berührendes Werk sein. Es beleuchtet viele Facetten menschlicher Empfindungen, Beweggründe und Handlungsmotive. Seinerzeit war McMillan umstritten, brachte er doch Stoffe dramatischen Inhalts auf die Ballettbühne, von denen Puristen befürchteten, sie könnten den Nimbus des Genres Ballett beschädigen. Jetzt strahlen seine Choreografien eine große Faszination aus.

Sein „Manon“-Ballett wurde in Dresden zunächst über die weltweite Live-Übertragung in den Kinos aus dem Royal Opera House London (16.10.2014) bekannt. Jetzt ist es live in der Semperoper zu erleben.

Bühnenbild und Kostüme, die Peter Farmer für die Wiener Staatsoper schuf und die nun auch in Dresden zu sehen sind, wirken traditionell. Mögen sie manchem heute als „zu klassisch schön“ erscheinen, zeichnen sie aber doch mit verhältnismäßig wenig Mitteln, d. h. Kulissen nach alter Theatersitte aus Holz und „Pappe“ und mit geschickter Malerei versehen, naturnah und in relativ düsteren Farben, die schon unterschwellig das unselige Ende ahnen lassen, und mit nur wenigen, unbedingt erforderlichen Requisiten ein Sittenbild der Entstehungszeit des Romans bzw. der Oper. In diesem Rahmen können sich Handlung und Choreografie voll entfalten und gemäß dem Anliegen McMillans „Ich wollte Ballette kreieren, in denen das Publikum eingefangen wird durch das Schicksal der Charaktere, die ich zeige“ in jeder Hinsicht die entsprechende Wirkung erreichen. Wer die Oper oder den Roman kennt, versteht die Handlung auch ohne große Erläuterungen.
 
Der Premiere an der Semperoper sah man mit großen Erwartungen, aber auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Für den vielfach preisgekrönten, vom Publikum überaus geliebten und geschätzten Solotänzer Jiří Bubeníček, der seit 2006 dem, im gleichen Jahr von Aaron S. Watkin neu gegründeten, Semperoper Ballett als Erster Solist angehört, war es der vorletzte Auftritt. Die nächste Vorstellung von „Manon“ (11.11.) ist bereits seine Abschiedsvorstellung.

Bubeníček ist „eine große, unverwechselbare Tänzerpersönlichkeit“. Sein „Markenzeichen“, die aufsehenerregenden, ungewöhnlich hohen, weiten Sprünge, sind jetzt einer ausdrucksstarken Charakterdarstellung gewichen, der sich niemand entziehen kann. Ganz im Sinne von McMillan gestaltete er die Rolle des Des Grieux mit natürlicher Noblesse, sehr ein- und ausdrucksvoll und bis in jede Nuance seiner Mimik als großartige Charakteristik des jungen Kleinadeligen und angehenden Theologiestudenten, der durch die Schönheit Manons, verführt, aus Liebe zu ihr allmählich alle seine Vorstellungen von Anstand und Ehre über Bord wirft, da sie, vom Reichtum geblendet, viel Geld verbraucht, bis er schließlich mit ihr in der Einöde Amerikas in Visionen sein Leben überdenkt und nach ihrem tragischem Tod in Verzweiflung versinkt.

Er war einfach dieser ursprünglich eher zurückhaltende, aufrichtig liebende, durch die Geschehnisse aber zu vielem fähige Des Grieux, tanzte schöne Pirouetten und konzentrierte sich auf die Hebefiguren, die er mit Melissa Hamilton (als Gast) sehr ausdrucksvoll, dynamisch und in kongenialer Übereinstimmung gestaltete. Ab Januar 2016 wird sie als Erste Solistin beim Semperoper Ballett tanzen.

Melissa Hamilton tanzte „federleicht“ und sehr exakt auf Spitze, mit geschmeidigen Übergängen zwischen den einzelnen Figuren. Ständig zwischen Liebe und Luxus hin- und hergerissen, verlieh sie ihrer Rolle mit geschmeidigen Bewegungen und eleganter Körperhaltung optische Glanzpunkte. Sie zeigte ihr tänzerisches Können u. a. in Hebefiguren „überkopf“ und mit gekonnten „Schraubendrehungen“ in der Szene, wo sie von ihrem Bruder dem reichen Monsieur G. M., flott und überlegen „großspurig“ getanzt von dem großen, schlanken Raphaël Coumes-Maquet, zugeführt und schnell wieder entzogen wird, um den „Preis“ in die Höhe zu treiben, oder wenn sie im bunten Treiben auf dem Fest, das sie wie eine (Ball )Königin an der Seite von G. M. betritt und dann in Hebefiguren von einem zum anderen „herumgereicht“ wird.

Als ihr Bruder Lescaut verkörperte Denis Veginy glaubhaft einen zwiespältigen Gesellen, der, um zu Reichtum zu gelangen (oder der Armut zu entfliehen), kaum Skrupel kennt. Auf dem Fest von Madame in ihrem „Hotel particulier“, wo alle Mädchen käuflich sind, bot er eine „aufreizend“ köstliche Szene als Betrunkener, nur noch übertroffen von Svetlana Gileva, die als seine Geliebte mit ihrem tänzerischen Können bestach. Madame, dargestellt von Jenni Schäfferhoff , behielt ihre Würde, selbst noch, als sie – in der Tat – auf dem Tisch tanzte.

McMillans Choreografie ist neben ausdrucksstarken Darbietungen der Protagonisten u. a. auch mit guten, verhaltenstypischen und vielsagenden Details “bestückt“. Volkstümliche, die Handlung charakteristisch unterstreichende Szenen, bei denen es sehr schöne Einzelleistungen und gute Gruppenformationen gab, schufen Einstimmung und Hintergrund für die eigentliche Handlung, die sich wie ein roter Faden hindurch zog. Erwähnt seien hier stellvertretend für viele gute Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer der urige Bettlertanz, bei dem drei Tänzer auffallend synchron tanzten und der („Bettler)König“ schließlich kurios nach oben „gestemmt“ wurde, zwei Kurtisanen, die auf Madames Fest sehr viel auf Spitze „schwebten“ und mit schwierigen, grazil getanzten Figuren die Handlung belebten und  bereicherten und mit ihrem Können nachhaltig auf sich aufmerksam machten, oder die traurige Szene im Hafen von New Orleans bei der Ankunft der deportierten Dirnen.

Bei allen Ausführenden war eine auffallend exakte Ausführung und Übereinstimmung mit der Musik zu beobachten – nicht selten bis zur völligen Harmonie zwischen den Bewegungen der Tänzerischen und der Musik Massenets, der sich die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Paul Connelly mit viel Hingabe widmete. Bereits mit den ersten Takten stimmten die Musiker gefühlsbetont und innig auf die Liebe zwischen Manon und Des Grieux ein und spiegelten immer perfekt zur Handlung die Gemütsbewegungen der „handelnden Personen“ wieder, wenn nicht gerade Connelly übermäßige, schrille Lautstärke forderte, um die sich dramatisch zuspitzenden Situationen zu „untermalen“.

Der letzte Akt brachte vor gemaltem Hintergrund, sehr geschickt durch Beleuchtungseffekte unterstrichen (John B. Read), eindrucksvoll in Visionen und Rückblenden die verzweifelte Situation in einer öden Landschaft Amerikas, u. a. durch einen ausdrucksstarken Pas de deux von Manon und Des Grieux und sehr berührende Szenen zwischen Ausweglosigkeit, Verzweiflung, Hoffnung und Nicht-aufgeben-wollen bis zu ihrem Tod und seiner verzweifelten Situation, zum Ausdruck.

Nach diesem großen und großartigen Ballettabend dankte das Publikum – ungewöhnlich und spontan – mit standing ovations.

Ingrid Gerk

 

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