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DRESDEN/ Semperoper: LOHENGRIN mit Anna Netrebko/ Pjotr Beczala

26.05.2016 | Oper

Dresden / Semperoper: „LOHENGRIN“ MIT ANNA NETREBKO UND PJOTR BECZALA 25. 5. 2016

'Lohengrin', 1. Akt: Friedrich von Telramund (Thomas Konieczny) mit seiner von den Ereignissen ganz und gar nicht entzückten Frau Ortrud (Evelyn Herlitzius), Elsa von Brabant (Anna Netrebko) und Lohengrin (Piotr Beczala) mit ungewohnter Haarpracht © Semperoper Dresden/Daniel Koch

»Lohengrin«, 1. Akt: Friedrich von Telramund (Thomas Konieczny) mit seiner von den Ereignissen ganz und gar nicht entzückten Frau Ortrud (Evelyn Herlitzius), Elsa von Brabant (Anna Netrebko) und Lohengrin (Piotr Beczala) mit ungewohnter Haarpracht
© Semperoper Dresden/Daniel Koch

Nachdem sich der gemalte Schmuckvorhang und danach der rote Plüsch-Zwischenvorhang hob, entführte ein gemalter Zwischenvorhang nach Motiven eines speziellen romantischen „Schwanensees“ wie aus der Zeit Ludwig II. in eine romantische Zauberwelt, während das Vorspiel zu einer von vier, für Dresden gegenwärtig außergewöhnlichen Aufführungen von Richard Wagners „Lohengrin“ mit prominenter Besetzung von der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Christian Thielemann sehr feinsinnig „zelebriert“ wurde. Vor Wochen war er leider krank, jetzt dirigiert er wieder – Gott sei Dank! – und damit fielen die lang ersehnten Vorstellungen nicht, wie schon befürchtet, “ins Wasser“.

Für dieses Ereignis wurde die Inszenierung von Christine Mielitz (Pr. 1985) wieder aus dem „Fundus“ geholt und aufgefrischt. Sie ist älter als die wiedererrichtete, 1985 neu eingeweihte Semperoper, aber sie hat inzwischen Kultstatus erreicht, denn allein durch die Bühnengestaltung und gut abgestimmten, die verschiedenen „Standespersonen“ gut charakterisierenden (auch etwas pomphaften) Kostüme von Peter Heilein ist sie in ihrer optischen Wirkung ungebrochen, wenn man auch von der Regie jetzt andere Vorstellungen hat. Es gibt gute und weniger gute Einfälle, einige simple, fast peinliche Details wurden schon vor einigen Jahren „bereinigt“ und einige neue hinzugefügt, so dass in Folge eine passable, optisch sehr ansprechende, bühnenwirksame Inszenierung in einer guten Mischung aus Tradition und Jetztzeit mit teils „starken Bildern“ entstanden ist und die Besucher aus nah und fern anlockte, nicht zuletzt wegen der beiden Stars, die hier ihr Wagner-Debüt gaben.

Anna Netrebko vertieft sich in jede Rolle und singt mit überwältigender Klarheit und stimmlicher Präsenz. Man ist bei ihr gewohnt, dass sie immer 100 % gibt. Sie hat auch schon versucht, die deutsche Sprache zu lernen, aber wie sie selbst sagte, glich die Aussprache eher „Eliza Doolittle“. Auf der Bühne war sie jedoch gut zu verstehen. Bei Bedarf konnte man sich auch an die (deutschen) Übertitel halten. Sie machte die Elsa zur zentralen Gestalt. Nach einiger Zurückhaltung im 1. Akt, steigerte sie sich im 2. und 3. Akt in ihre gewohnte „Vollblut“-Darstellung und berührte im 3. Akt mit außergewöhnlich lyrischer stimmlicher  und ausdrucksmäßiger Feinheit und Empfindsamkeit. Gewohnt auf großen Bühnen zu stehen und immer mit Lautstärke zu singen, erfuhr sie in Dresden, wie mit geringerer Lautstärke eine noch größere Gestaltung erreicht werden kann.

Petr Beczala musste von Thielemann erst nachdrücklich gebeten werden, die Rolle des Gralsritters zu übernehmen. Sein Lohengrin ließ aber keine Wünsche offen. Souverän und mit schöner, samtener Stimme, hervorragender Gesangstechnik und sehr ansprechender Darstellung meisterte er die Partie, einschließlich der anspruchsvollen Höhen bis zum Schluss mit nicht versiegender Kondition. Für ihn ist es die erste Wagner-Partie. Wie er in einem Interview meinte, sind zwar alle Gesangsrollen ähnlich, aber Wagner ist reicher an Facetten. Er war ein Lohengrin von „Gottes Gnaden“, aber man fragt sich, ob der unvergleichliche Schmelz und Schönklang seiner Stimme bei allzu viel Wagner-Gesang künftig nicht leiden würde.

Evelyn Herlitzius ist eine „gestandene“ Ortrud und Vollblutsängerin mit kraftvoller Stimme, die hier aber auch mit sehr feinen leisen Tönen aufwarten konnte. Mit wenigen Gesten war sie Elsas Gegenspielerin und Intrigantin, eine hintergründige Ortrud mit scheinbar biederer Erscheinung, die weiß, wie sie ihre Machtansprüche durchsetzen und auch ihren Gatten Telramund dazu bewegen kann. Thomasz Konieczny hatte als solcher schon von Beginn an den „Bösewicht“ in der Stimme mit auffällig dialektbehafteter Aussprache, obwohl sich dieser doch erst während der Oper vom treuen, braven Vasallen zum beinahe Mörder aus Machtsucht und Verführung entwickelt.

Georg Zeppenfeld war mit seiner schönen, in allen Lagen sehr zuverlässigen Stimme, durchaus auch an Kraft und Machtausdruck orientiert, ein humaner edler König mit dezenter Würde, nicht unbedingt ein mächtiger, aber das ist er entsprechend der Handlung auch nicht, denn es bedarf eines übermächtigen Beschützers für das Reich, weshalb die Hoffnung auf Lohengrin ruht. Möglicherweise hat da Wagner auch etwas aus der politischen Situation seiner Zeit mit einfließen lassen.

Ein sehr zuverlässiger Heerrufer des Königs, dem man gern zuhörte, war Derek Welton. Sehr schön und gut koordiniert sangen die vier Damen als „Edelknaben“ vor dem Münster, und Tom Martinsen, Simeon Esper, Matthias Henneberg und Tilmann Rönnebeck waren zuverlässige Edle.

Kleiner Wermutstropfen: In kleineren Ensembleszenen wollten zuweilen die sehr unterschiedlichen Timbres trotz großer Bemühungen nicht immer ganz zusammenpassen, was sich aber in den großen Szenen kaum bemerkbar machte.

Der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Jörn Jinnerk Andresen) und die Herren des Sinfoniechores Dresden sangen nicht nur lautstark und massiv in vielen Fällen, sie konnten auch sehr zurücknehmen, wie im 1. Akt und später an entsprechenden Stellen, wo sie die Handlung mit sehr differenziertem und gut abgestimmtem Piano bis Pianissimo unterstrichen.

Sehr viel ging vom Orchester und vor allem von Thielemann aus, der mit Leidenschaft und Aufmerksamkeit die „Fäden in der Hand hielt“ und mit der Kapelle unmerklich die Aufführung lenkte. Sobald ein Sänger oder Sängerin in Aktion trat, nahm er sofort das Orchester zurück und ließ den Singenden freie Entfaltung, konnte aber auch auftrumpfen, wenn es die dramatische Zuspitzung der Handlung gebot. Allein die guten Bläser, die mit Akribie vorn, auf und hinter der Bühne vom schmetternden Trompetenklang bis zum feinsten, gerade noch wahrnehmbaren Echo brillierten, verliehen der Aufführung viel Glanz, desgleichen auch die scheinbar „mit gleichem Atem“ wie ein einziges großes Instrument spielenden Orchestermusiker.

Es war wieder einmal große Oper, eine Aufführung, die zum Fest schöner Stimmen und eines wunderbaren Orchesters wurde. Wagner bedeutet nicht nur Kraft und Lautstärke. Er war mehr Romantiker als gemeinhin angenommen wird. Durch diese ausgesprochen klangschöne Aufführung erhielt die schon so oft aufgeführte und gehörte Oper wieder neues Gewicht.

Ingrid Gerk

 

 

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