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DRESDEN/ Semperoper: L’IMPRESSARIO DELLE CANARIE / SUB-PLOT” VON G. B. MARTINI UND LUCIA RONCHETTI

14.04.2014 | KRITIKEN, Oper

Dresden / Semperoper:  „L’IMPRESSARIO DELLE CANARIE / SUB-PLOT” VON G. B. MARTINI UND LUCIA RONCHETTI – 13. 4. 2014

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Copyright: Semperoper

 Was eine einfallsreiche Regie bewirken kann, zeigte jüngst die Inszenierung der Kammeroper „L’Impresssario delle Canarie“ des Bologneser Barockkomponisten Giovanni Battista Martini, genannt Padre Martini (1706-1784), der vor allem kirchliche Werke und Kammermusik schrieb, aber auch 5 Bühnenwerke, darunter (1744) diese kleine, nette Oper. Axel Köhler hat sie so humorvoll und „zündend“ in Szene gesetzt, dass man bedauert, dass es die letzte dieser Mini-Opern gewesen sein soll, die hier wieder ins Leben gerufen wurden.

 Die für die Touristen gedachten „Kurzopern“ am Sonntagvormittag – eigentlich in der Barockzeit Intermezzi zwischen den einzelnen Akten einer Oper – haben sich in der Semperoper nicht sehr bewährt. Vielleicht lag es an den Ausführenden oder der manchmal weniger „zündenden“ Regie. Es war trotzdem nett, diese kleinen Werkchen kennengelernt zu haben, aber meist war nicht einmal das Parkett voll besetzt, wobei jedoch positiv hervorzuheben ist, dass oft Besucher mit Kindern, den (eventuellen) Besuchern von morgen, kamen. Gerade diese letzte Inszenierung war nun in ihrer herzerfrischenden Art dazu angetan, das Publikum ins Haus zu locken.

 Einer jungen Tradition zufolge, werden diese „Intermezzi“ immer auch mit einer Gegenwartskomposition verbunden. In diesem Fall ist es „Sub-Plot“ der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti (*1963), die damit Stilgefühl und Geschmack bewies. Sie vertonte eine Auswahl von Texten aus dem Libretto „Didone abbandonata“ von Pietro Metastasio, verbunden mit Ausschnitten aus der Oper „Irene“ von Johann Adolf Hasse, seinerzeit u. a. Hofkapellmeister und Komponist in Dresden. Dieses Intermezzo im Intermezzo erlebte damit seine Uraufführung (6.4.2014). Axel Köhler baute die Neukomposition geschickt als Traum einer genervten Diva ein, so man will, auch doppelbödig – unbestritten eine geniale Verbindung von Altem und Neuem.

 Mit wenigen Mitteln zauberte Arne Walther eine kleine Welt mit vielfältigen Aktionsräumen für alle möglichen Szenen, und Köhler nutzte sie geschickt für die Regie einer köstlichen kleinen Komödie mit Niveau, immer mit leicht ironischem, liebenswürdigen Touch. Die barocken Kostüme mit leichter Karikierung (Frauke Schernau) tun ein Übriges, und die gekonnte Beleuchtung (Fabio Antoci) lässt z. B. eine a la Barockzeit gemalte Papp-Beleuchtungs-Flamme allmählich zu einem züngelnden Flammenmeer als (Alp‑)Traumende anwachsen (fast wie im „wirklichen“ Leben!).

Schon beim Betreten des Raumes, lässt die Bühnendekoration erwartungsvoll schmunzeln. Silhouetten von Bäumen, bei denen eindeutig die Laubsägearbeiten aus dem Erzgebirge Pate gestanden haben, rahmen das obligatorische Eisengerüst einer doppelläufigen barocken Freitreppe ein, die bei allen diesen Intermezzi „mitspielt“. Sie umschließt den gemütlich-idyllischen „Salon“ der Diva.

Es beginnt bereits mit einem humorigen Einfall, einer witzigen Szene, von denen es im Laufe der Aufführung noch viele gibt – z. B. die „Nies-“Arie, die viel Heiterkeit auslöste – alles mit verschmitztem Augenzwinkern und nicht ohne Gegenwartsbezug. So wurde aus dem „Impressario delle Canarie“ (wie ein Kanarienvogel) ein Agent, der ein Opernhaus auf den Kanaren ins Leben rufen will und dafür eine Primadonna sucht (während in Deutschland immer mehr Opernhäuser und Orchester mehr oder weniger „sterben“.

 In einem kleinen „Vorspiel“, pardon, einer Choreografie (Carla Börner) entstaubt das „Putzlappengeschwader“, bestehend aus einem „alten Drachen“, der nicht nur den Putzlappen, sondern auch das Kommando über die beiden Stubenmädchen schwingt, die „Kulissen“, köstlich dargestellt von 3 Tänzerinnen (Mandy Garbrecht, Nicole Meier, Mykola Abramenko).

 Das kleine, links auf der „Bühne“ sitzende Orchester aus 8 Mitgliedern des Händelfestspielorchesters Halle, einschließlich der beiden exzellent spielenden Bühnenmusiker, spielte versiert und mit viel Sinn für die Feinheiten der Barockmusik, womit es seinerseits viel zum Gelingen der Aufführung beitrug. Die Leitung lag in den Händen von Felice Venanzoni, der bereits das Intermezzo „Dorina e Nibbio“ (2013/14) an gleicher Stelle geleitet hat und auch gelegentlich beim Bühnengeschehen „mitspielt“, wie auch die “Souffleuse“.

 Die markanteste Gestalt im kurzweiligen Geschehen war zweifellos der Altus Matthias Rexroth. Er sang wie ein „echter“ barocker Impresario, mit guter Stimme, leicht glossierend  und mit barocker Gestik (Einstudierung: Nils Niemann), eine (leichte) Karikatur seiner selbst, aber mit Niveau.

 Christel Lötzsch trat hingegen als seine Gegenspielerin Dorina in Gesang und Spiel etwas zurück. Bei ihr gab es keine Geste zu viel. Man hätte sich gewünscht, dass sie als Hauptperson etwas mehr aus sich herausgeht und das heitere Spiel wesentlich mitbestimmt. Ihr dunkel gefärbter Mezzosopran überraschte aber mit erstaunlicher, gut klingender Tiefe.

 Hingegen überraschte Norma Nahoun als ihr Traum-Pendant Didone in „Sub-Plot“ mit „echt“ italienischer Deklamation und gutem Gesang. Ihre Mitstreiter waren Pavol Kubán (Enea) und Julian Arsenault (Iarba) vom Jungen Ensemble.

 Bei diesem gekonnt heiteren Spiel mit viel schöner Musik, erschienen die immer wieder gleichen, immer noch und immer wieder aktuellen „Probleme“ wie „aus dem Leben“, dem Künstlerleben „gegriffen“, in dieser gekonnten, wohldurchdachten, witzigen und spritzigen Regie von Axel Köhler wieder „wie neu“. Diesem Vollblut-Theatermann mit Leib und Seele war viel zu danken, auch, dass dadurch kleine sängerische und/oder schauspielerische „Schwächen“ weniger ins Gewicht fielen.

 Ingrid Gerk

 

 

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