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DRESDEN/ Semperoper: LIEDERABEND MIT THOMAS HAMPSON

19.11.2014 | Konzert/Liederabende

Dresden / SemperoperLIEDERABEND MIT THOMAS HAMPSON 18.11.2014

 Als im Jahre 2002 die große Flut Dresden heimgesucht hatte und auf dem Theaterplatz vor der Semperoper ein Benefizkonzert zugunsten der Fluthelfer stattfand, war Thomas Hampson spontan zwischen 2 Proben von der Wiener Staatsoper angereist und hatte mit 2 großen Arien mitgewirkt. Im Fernseh-Interview sagte er schmunzelnd: „Jetzt sind es nur noch ein paar Schritte bis in die Semperoper“, aber es dauerte lange, bis sein Wunsch in Erfüllung ging. Abgesehen von seinem Auftritt mit Mahlers „Kindertotenliedern“ im Rahmen eines Gastkonzertes der New York Philharmonic in der Semperoper und die Mitwirkung beim Adventskonzert in der Dresdner Frauenkirche, hatte er jetzt seinen großen Auftritt im Rahmen der Richard-Strauss-Tage in Dresden: zweimal „Arabella“, Gespräch in der Coswiger Villa Teresa, Round-Table-Gespräch im Rahmen der Richard-Strauss-Konferenz und nun in einem Liederabend, der ganz dem Liedschaffen von Richard Strauss gewidmet war.

 Der „Junge aus Spokane“ (im USA-Staat Washington), wie er sich gern selbst nennt, war glücklich, wieder auf der Bühne des Opernhauses zu stehen, wo Strauss selbst dirigiert hat und wo nicht nur, wie Strauss anlässlich der 400-Jahrfeier der Sächsischen Staatskapelle Dresden schrieb, „13 hervorragende Bläser dieses Orchesters im Dresdner Tonkünstlerverein meine kleine Serenade aus der Taufe hoben“, sondern auch 9 seiner 11 Opern uraufgeführt wurden.

Hampson war bei seinem Liederabend bestens in Form und gut bei Stimme. In steter Steigerung bot er in seiner edlen Gestaltungsart einen repräsentativen Querschnitt durch Strauss‘ reiches Liedschaffen, im 1. Teil des Abends die bekannten Lieder:  „Himmelsboten“, „Heimliche Aufforderung“, „Freundliche Vision“, „Traum durch die Dämmerung“, „Die Nacht“, „Mein Herz ist stumm, mein Herz ist kalt“, „Sehnsucht“, “Befreit“ und „Morgen“ und im 2. Teil 4 kaum bekannte Lieder aus dem Altersschaffen des Meisers, wodurch sich vom zeitlichen Umfang her eine asymmetrische Teilung ergab, die aber durch das inhaltliche und gestalterische „Schwergewicht“ wieder ausgeglichen wurde. Nach der Pause erklangen dann:  „Notturno“ mit Violinbegleitung durch die chinesische Geigerin Yamei Yu, „Vom künftigen Alter“, „Und dann nicht mehr“ und „Im Sonnenschein“.

Mit traumwandlerischer Treffsicherheit traf Hampson auch die schwierig zu treffenden Töne. Seine intensive Liedgestaltung hat etwas Mitreißendes. Bei jedem Lied hatte er Inhalt und den in Musik „gegossenen“ Text genau erfasst und wirkte durch seine intensive Wiedergabe als Mittler zwischen Komponist und Publikum. Die „Freundliche Vision“ wurde von ihm regelrecht „zelebriert“. Er „ging nicht schnell, er eilte nicht“, sondern strebte stimmungsvoll der „Liebe Land“ zu. Allein wie er das Lied behutsam ausklingen ließ, ließ den Atem stocken.

 Und er sang mit viel Leidenschaft die leidenschaftlichen Lieder, stark expressiv wie in  „Sehnsucht“. Er gestaltete jedes Lied wie ein kleines, individuelles Kunstwerk, in sich geschlossen, und spannte trotz dieser Kontraste der einzelnen Lieder zueinander oder gerade dadurch einen riesigen Bogen um Strauss‘ Liedschaffen und dessen Geistes- und Gefühlswelt. Was Wunder, dass er sich bei dieser intensiven Gestaltung dieser kleinen Kunstwerke gelegentlich den Schweiß von der Stirn abtupfen musste. Er stellte sich auf jedes Lied explizit ein, so dass deutlich wurde, wie intensiv er sich mit jedem der Lieder beschäftigte. Er beherrscht noch die große Kunst des Liedgesanges, die schon langsam am Gesangshorizont zu verblassen droht.

Zweimal wandte er sich mit einer kleinen „Ansprache“ an das Publikum, zuerst nach der „Heimlichen Aufforderung“, um sein Publikum zu bitten, von dem wohlgemeinten, aber verfrühten Applaus abzusehen. Das „Publikum kann durchaus lächeln, aber bitte ohne Applaus nach jedem Lied“,  damit der innere Zusammenhang der Liedfolge nicht gestört wird und sich die Geistes- und Gefühlswelt intensiv entfalten kann. „Am nächsten Morgen beim Frühstück kann man die Stimmungen im Programmheft nachlesen, meinte er.“ Nach „Morgen“, dem letzten Lied vor der Pause, herrschte dann auch längere Zeit andächtige Stille im Raum, wohl der schönste „Beifall“.  

Nach der Pause stand ein sehr stilvolles Notenpult mit auf der Bühne, was verständlich ist bei so selten gesungen Liedern wie „Notturno“, das Hampson mit sicherem A-Capella-Gesang einstimmte und bei dem sich danach die chinesische Geigerin Yamei Yu mit dezentem Violinklang einfügte, und auch bei den Liedern „Vom künftigen Alter“, „Und dann nicht mehr“  und „Im „Sonnenschein“, Lieder, aus fast wehmütiger, aber gefasster Sicht des Alters, in der Stimmung zuweilen beinahe an Schuberts „Winterreise“ erinnernd.

Hampson nahm nicht nur seinen wohlverdienten Applaus freundlich entgegen, sondern applaudierte zu Recht auch seinem langjährigen Begleiter Wolfram Rieger, der  zurückhaltend und sehr einfühlsam den Abend mitgestaltete. Beide sind so aufeinander eingestimmt, dass zwischen ihnen ein  stilles Einvernehmen besteht. Sie fühlen dasselbe und gestalten gemeinsam ohne äußerliches Abstimmen. Rieger erwies sich als kongenialer Mitgestalter, jedes einfühlsame Vorspiel führte zur Singstimme hin und jedes Nachspiel ließ ein Lied in Fortführung der Intentionen des Sängers stimmungsvoll ausklingen.

 Das Publikum entließ beide erst nach einigen Zugaben: „Das Rosenband“ und das heitere Lied  „Ach weh, mir unglückhaften Mann“, das die ernsten Gesänge wieder auflockerte und Strauss‘ Vielseitigkeit zeigte.

 Zum Schluss wandte sich Hampson zum zweiten Mal an das Publikum mit den Worten: „Ich weiß, wo ich bin. Dresden ist für mich die wichtigste, schönste Tradition, was Musikgeschichte betrifft.“ Das sollte das Publikum nicht vergessen. Er sei geehrt, gerührt und dankbar, auch an diesem Abend in dem Haus zu sein, dass Strauss sehr schätzte, und „Ich weiß nicht, wann ich zurückkomme, aber es kann nicht lange sein, worauf er „Wenn du es wüsstest“ anstimmte, das er machtvoll ausklingen ließ.

 Ingrid Gerk

 

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