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DRESDEN/ Semperoper: LA BOHÉME mit Anita Hartig

08.12.2015 | Oper

Dresden / Semperoper: „LA BOHÈME“ MIT ANITA HARTIG – 7.12. 2015      

Dass Anita Hartig (wenn auch leider nur zweimal) die Mimi in „La Bohème“ sang, war ein Glücksfall für die Semperoper und die Besucher der beiden Aufführungen vom 4. und 7.12. Unter der Leitung von Daniele Callegari begann die Sächsische Staatskapelle Dresden zwar mit einigen, bei diesem Orchester ungewohnten Schärfen, die offenbar auf die „Handschrift“ des Dirigenten zurückzuführen und bei der guten Akustik der Semperoper absolut nicht nötig waren und auch nicht unbedingt geeignet, in die Oper einzustimmen, aber Anita Hartigs Gesang nahm schließlich später so gefangen, dass die – auch während der Aufführung – oft unvermittelt pointierten Akzente, die eher zu einem plötzlichen Erschrecken als zu einer besonderen Interpretation der Oper führten, den Gesamteindruck nur wenig trüben konnten.

Callegari folgt offenbar mit einiger Übertreibung dem allgemeinen Zug der Zeit, mit viel Lautstärke und scharfen Kontrasten, markante Konturen zu setzen, wodurch jedoch die feinen Linien und innigen Passagen, die die Musiker von sich aus beisteuerten, zer- und gestört wurden. Wenn nicht gerade durch überlaute Paukentöne unterbrochen, spielten die Musiker der Sächsischen Staatskapelle mit der ihr eigenen feinen Tongebung und klanglichen und ausdrucksmäßigen Feinheiten, die ungleich mehr auszudrücken vermochten als alle Lautstärke und auch in der 316. Vorstellung seit der Premiere (1983 im jetzigen Schauspielhaus) in der etwas veränderten Inszenierung von Christine Mielitz (Bühnenbild und Kostüme Peter Heilein) die Oper immer noch und immer wieder spannend und berührend erscheinen lassen. Mit mancher Passage, wie den zarten, „singenden“ Harfentönen oder der innigen Solovioline, die am Ende Mimis Tod begleitet, wurde das Geschehen auf der Bühne in seltener Konformität gefühlsbetont und fast tonmalerisch mitgestaltet.

Das Augenmerk richtete sich aber insbesondere auf Anita Hartig als Mimi, die mit dieser, ihrer bevorzugten, Partie Maßstäbe setzte. Sie spielte nicht vordergründig, sondern drückte alles mit ihrem Gesang aus. Sie war einfach die Mimi mit ihrer klangschönen, weichen, geschmeidigen und sehr ausdrucksvollen Stimme, die in der Höhe noch weiter „aufblüht“ und bei der in allen Situationen viel Seele mitschwang. Unwillkürlich musste man mit ihr fühlen, wie es die Rolle eigentlich verlangt. Mit einer großen Bandbreite vom Parlando bis zum klangschönen Gesang, vom feinsten, sanften, bewegenden, überall im Opernrund zu hörenden, Piano bis hin zu leidenschaftlichen, ausdrucksstarken Gefühlsausbrüchen im Fortissimo, die nie die sanfte, etwas kränkliche Mimi vergessen ließen, konnte sie jede Gefühlsregung ausdrücken und setzte damit Maßstäbe, die an dieser Stelle nicht wieder so leicht zu erreichen sein werden.

An ihrer Seite versuchte Arnold Rutkowski als Rodolfo mit kraftvoller Stimme und leidenschaftlichem italienischem Duktus (a la Caruso) mitzuhalten, technisch gut, nur, dass man sich da noch ein wenig mehr „Schmelz“ in der Stimme gewünscht hätte.

Als Marcello sang Christoph Pohl mit schöner Stimme, wenn auch eine Idee zu verhalten. Als seine geliebte Musetta wirkte Nadja Mchantaf (für die erkrankte Carolina Ullrich) gesanglich und vor allem darstellerisch durchaus glaubhaft, vor allem mit ihrer kessen Seite.

Evan Hughes sang als Musiker Schaunard mit angenehmer Stimme, aber auch etwas zu leise. Des Weiteren wirkten Michael Henneberg als Colline, Joachim Ketelsen als „echter“, typischer Hausbesitzer Benoît und Bernd Zettisch als Staatsrat Alcindoro mit.

Der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) und der Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden trugen ihrerseits mit zu einem guten Eindruck der Aufführung bei.

Zum Schluss setzte Callegari noch einen unpassenden „Akzent“. Der berührende Schluss der Oper mit dem zarten, feinsinnigen Gesang der Mimi am Ende ihres kurzen Lebens, zart wie ihre Seele, wurde von einem innigen Violinsolo in gleicher Zartheit begleitet, bis ein jäher, lauter Paukenschlag die Stimmung zerriss. Haben Gefühle in der modernen Zeit keinen Platz mehr? Man könnte dieses abrupte Ende bestenfalls noch als Schicksalsschlag deuten – für Rodolfo und die anderen Bohemien, die der Tod wie ein Schlag trifft – und auch als Schlag gegen das sehr zahlreich erschienene Publikum, das etwas irritiert die Semperoper verließ.

 Ingrid Gerk

 

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