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Dresden / Semperoper. EIN „MAMMUT“-PROGRAMM MIT BEETHOVENS „ACHTER“ UND „NEUNTER“ UNTER THIELEMANN IM 1. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE –

06.09.2021 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper. EIN „MAMMUT“-PROGRAMM MIT BEETHOVENS „ACHTER“ UND „NEUNTER“ UNTER THIELEMANN IM 1. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE – 5.9.2021

Die beiden letzten großen, bedeutungs- und anspruchsvollen Symphonien von Ludwig van Beethoven in einem Konzert und noch dazu als Matinee – kann das gutgehen(?) fragte man sich und war mehr als angenehm überrascht. Aufgrund ihrer Besonderheiten, ihrer moralisch-ethischen Ideale und der Tatsache, dass sie oft bei repräsentativen Anlässen und Feierlichkeiten aufgeführt wird, hat die letzte und außergewöhnliche, berühmteste und populärste „Symphonie Nr. 9 d Moll (op. 125), die beliebte „Neunte“, die den unbestrittenen Gipfel von Beethovens symphonischem Schaffen darstellt, im Laufe der Zeit ein Alleinstellungsmerkmal erreicht, so dass es jetzt ungewöhnlich erscheint, sie zusammen mit anderen Werken aufzuführen.

Als Abschluss des Beethoven-Zyklus der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann stand sie nun zusammen mit Beethovens „Symphonie Nr. 8 F Dur“ (op. 93), auf dem Programm. Da der mit enthusiastischem Applaus begrüßte Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle stand und das Orchester hinter ihm (nicht nur räumlich) bzw. saß und das gleiche Programm schon an zwei Abenden zuvor mit stürmischem Applaus gefeiert worden war, war eigentlich nichts zu befürchten. „Morgenstund‘ hat Gold“ im Mund“ hatte hier eine besondere Bedeutung erhalten. Es gab keine „Anlaufschwierigkeiten“, keine Zurückhaltung, sondern die volle Entfaltung aller musikalischen und künstlerischen Kräfte.

Bereits die ersten, fein zelebrierten Töne der „Achten“ ließen Großes erwarten. In einer grandiosen Steigerung erlebte man die Symphonie völlig neu, von der Beethoven nach dem mäßigen Uraufführungserfolg meinte, sie sei seine beste. Bei dieser Interpretation war das unbedingt nachvollziehbar, so kraftvoll, so klar, mit unglaublicher Transparenz, Verve und Temperament wurde musiziert. Schon mit den ersten Takten losstürmend, erstand die Symphonie in einer großen Steigerung ohne künstlich aufgesetzte Kontraste, sondern nur denen Beethovens folgend und dabei manch Detail ausleuchtend, über das andere Dirigenten nicht selten „hinwegrauschen“ völlig neu, mit wunderbar lyrischen Passagen, die „Spezialität“ der Staatskapelle und sauberen, machtvoll den Gesamteindruck unterstreichenden Bläsern.

Für die „Neunte“ stand ein erlesenes Solisten-Quartett mit Hanna-Elisabeth Müller, die mit ihrem angenehmen Sopran das homogene Quartett anführte, Elisabeth Kulman, die sich gewissenhaft den wenigen Einsetzen der Alt-Partie widmete, Piotr Beczała, der mit Akkuratesse, kraftvoll und mit wunderbarer Diktion den Tenorpart sang, und Georg Zeppenfeld, der den vokalen Teil mit ebenfalls ausgezeichneter Diktion eröffnete, zur Verfügung und außerdem der ausgezeichnete, mit höchster Konformität singende Sächsische Staatsopernchor Dresden, dessen ungewöhnlich präzise und emotional glaubhaft gesungener „Kuss der ganzen Welt“ ihm auch selbst gebührte, eingebettet in das in Höchstform musizierende Orchester. Hier waren wirklich Superlative am Platz.

In heutiger Zeit wirkten höchstens die Generalpausen zum Innehalten, die noch vor wenigen Jahrzehnten als höchstes und besonders wichtiges Gestaltungselement galten, ungewohnt. So ändern sich die Zeiten, und auch die Kunst ist wandelbar.

Es war eine grandiose Aufführung zum „Schwelgen“ in musikalischen Höhen mit der Freude, „schöner Götterfunken“, wäre da nicht der bittere Gedanke im Unterbewusstsein, das Thielemann gehen soll, jetzt wo er und die Sächsische Staatskapelle sich einmal mehr als erfolgreiches Team erwiesen, das sich im Laufe der Jahre zu einer Einheit auf höchstem Niveau und „gleicher Wellenläge“ „zusammengerauft“ hat.

Trotz immer noch wegen Corona locker besetztem Zuschauerraum bedankten sich die Zuhörer, die das Glück hatten eine der Karten zu erhalten, die trotz aufgestockter Besucherzahlen einfach nicht reichen wollten, mit begeistertem, enthusiastischem Beifall wie bei voll besetztem Haus.

Im Anschluss an das Konzert ließ es sich Thielemann nicht nehmen, ein verdienstvolles Kapellmitglied, Solo-Bratscher Michael Neuhaus –  neben der Vertreterin des Hauses – mit einem eigenen Blumenstrauß persönlich in den Ruhestand zu verabschieden und sich vor seinem Können sogar zu verneigen – eine Geste, die wohl zusätzlich auch der Kapelle galt.

Ingrid Gerk

 

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