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DRESDEN / Semperoper: EIN ABEND MIT JAN VOGLER UND HÈLÈNE GRIMAUD IM RAHMEN DER DRESDNER MUSIKFESTSPIELE

22.05.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: EIN ABEND MIT JAN VOGLER UND HÈLÈNE GRIMAUD IM RAHMEN DER DRESDNER MUSIKFESTSPIELE – 21.5.2015

 

Wie moderne Architektur im historistischen Ambiente des Semper-Baues anmutend, empfing die Semperoper die Besucher eines außerordentlichen Kammermusikabends mit dem Eisernen Vorhang, davor der Flügel, in Erwartung zweier besonderer Künstler ihres Instrumentes: Hèlène Grimaud, Klavier und Jan Vogler, Violoncello.

 Sie überraschten mit der „Sonate für Violoncello und Klavier d‑Moll“, die Claude Debussy in seinen letzten, von Krankheit gezeichneten Jahren, die er im Angesicht des nahenden Todes ironisch mit Galgenhumor, Resignation und sarkastischer Schwermut ertrug, im Seebadeort Pourville-sur-Mer noch schreiben konnte. Die beiden Künstler hatten sich diese Sonate zu eigen gemacht und interpretierten sie mit sehr viel musikalischem Einfühlungsvermögen und Werkverständnis. Es war ein Klangerlebnis aus einfühlsamem Cello-Ton und perfekt ergänzendem Klavier, das das interessante, aber auch erschütternde Werk den Hörern nahe brachte. Man fühlte sich zunächst gefangengenommen von der träumerischen Stimmung am Meer wie einem Ort der Selbstfindung, in dem sich zunehmend die Diskrepanz zwischen Tod und Leben, Tragik und Hoffnung ausbreitete und zum Schluss mit sehr kraftvollem Strich des Cellos Debussys unbedingten Lebenswillen nachempfinden ließ.

 In gegenseitiger Ergänzung des eingespielten Teams folgte die „Sonate Nr. 1 e‑Moll für Violoncello und Klavier“ (op. 38) von Johannes Brahms, klar und sachlich mit differenziertem Klang in schlichter Tongebung, ohne nüchtern zu wirken, eine dem gegenwärtigen Empfinden entgegenkommende herbe Sachlichkeit.

 „Zart und mit Ausdruck“, „lebhaft, leicht“, „rasch und mit Feuer“ wurden beide Künstler Robert Schumanns Forderungen in seinen „Fantasiestücke“ (op. 73) gerecht. Mit wunderbar singendem Ton des Cellos und viel Temperament spielten die musikalischen Linien beider Instrumente virtuos ineinander, umwanden, umschlangen sich und verschmolzen, um wieder auseinander zu triften und sich erneut zu umschlingen – eine grandiose Wiedergabe voller Klangsinn und Musizierfreude.

 Einflüsse von Brahms und Debussy verband Dmitri Schostakowitschs in seiner „Sonate für Violoncello und Klavier d‑Moll“ (op. 40), die in einer Zeit entstand, in der glückliche Bedingungen für ihn zusammentrafen, was sich zunächst in ziemlich melodiösen Wendungen und fast romantischen Passagen wiederspiegelt, aber es folgen auch wieder hämmernde Rhythmen mit überbordender Motorik in atemberaubendem Tempo, Cello-Glissandi und weitere experimentelle Effekte, vor allem beim Cello, aber immer melodisch und auch wieder beschwichtigend in schönen, lyrischen Passagen, was beide Musiker perfekt beherrschten. Sie stellten ihre enorme Vielseitigkeit in Klangdifferenzierung ganz in den Dienst einer geistigen Durchdringung der Wiedergabe.

 Hèlène Grimaud konnte in ungeahnter Perfektion die Töne treffsicher und ohne einen falschen oder nur „angerissenen“ Ton aus den Tasten „hämmern“ oder mit gleicher Perfektion die Cellotöne auffangen und ergänzend zurückgeben. Jan Vogler schöpfte im Dienste der geistigen Verarbeitung und Durchdringung die vielfältigen Möglichkeiten seines Instrumentes und seiner exzellenten Spieltechnik aus. Man fragt sich, wie er das alles bei seinem Engagement als Intendant der Dresdner Musikfestspiele und des Moritzburg Festivals schafft und dabei sein Spiel immer weiter perfektioniert, erweitert, vertieft und noch weiter reifen lässt.

 Man sagt, dass der Klang des Cellos der menschlichen Stimme am nächsten kommt. Jan Vogler bewies es bei den 4 Zugaben aus Robert Schumanns „Dichterliebe“ (op. 48) mit den Liedern: „Wenn ich in deine Augen seh’“, „Im Rhein, im heiligen Strome“, „Ich grolle nicht“ und „Hör ich das Liedchen klingen“, begleitet und mitgestaltet von Hèlène Grimaud. Hier wurde deutlich, wie sehr der reine Instrumentalpart bei Schumann die Lieder bestimmt. Das Cello „sang“ so „menschlich“, dass es die Singstimme voll ersetzte und die Lieder wie schöne lyrische Stücke erscheinen ließ.

 Ingrid Gerk

 

 

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