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DRESDEN/ Semperoper: DON CARLO

09.10.2012 | KRITIKEN, Oper

Dresden Semperoper: WIEDERAUFNAHME “DON CARLO“ – 8.10.2012

 Seit der Premiere 2003 stand Verdis Oper „Don Carlo“ nicht sehr oft im Spielplan der Semperoper, aber wenn, dann immer als „Fest der schönen Stimmen“. Die Musik ist einfach so mitreißend, dass die Sänger oft zu Höchstleistungen animiert werden.

 Jetzt fand die Wiederaufnahme und damit die 29. Vorstellung mit hauseigenen Kräften und 2 namhaften Gästen statt. Neil Shicoff ließ sich zwar wegen erster Anzeichen von grippaler Infektion vorsichtshalber als indisponiert ankündigen, sang aber versiert und routiniert „seine“ Rolle, die er schon seit 40 Jahren singt und mit der er in aller Welt Furore machte. Er beherrscht die Partie als Sänger und Darsteller noch immer „topfit“, nur seine einst so glanzvolle Stimme klang in der Höhe oft schrill und sehr hart. Mit seiner gekonnten Technik und Bühnenerfahrung konnte er aber vieles überbrücken und so manche Hürde nehmen, nur fehlte eben die Resonanz der Stimme. Im Laufe der Aufführung steigerte er sich mitunter so in seine Rolle hinein, dass er sogar jugendlich wirkte und an seine früheren Glanzzeiten erinnerte. Es ist erstaunlich, dass er die umfangreiche Partie noch immer so beherrscht und mit eiserner Kondition bis zu Ende gestaltet.

 Noch gut bei Stimme und mit besonders schöner Tiefe war Matti Salminen ein leidender, alternder, enttäuschter König Filipo II., der die Rolle, anders als gewohnt, aber durchaus glaubhaft verkörperte. Leider trübte eine leichte Diskrepanz zwischen dem Orchester und ihm anfangs die berühmte, große Arie. Der Dirigent hatte offenbar eine andere Tempo-Vorstellung als er, der die Partie schon so oft in aller Welt gesungen hat. Salminen versuchte, sich dem Orchester anzupassen, konnte sich dann aber bei dieser Arie doch nicht ganz so – wie gewohnt – entfalten. Er ist noch immer ein Sängerdarsteller von Format.

 Die Überraschung des Abends war Christoph Pohl als Rodrigo. Mit seiner schönen, sehr ausdrucksvollen Stimme verlieh er der Gestalt die nötige wohlwollend-humanistische Ausstrahlung, wenn auch seine Darstellung noch ein Quäntchen mehr Leidenschaft und seine Stimme noch etwas mehr „Power“ vertragen hätte, aber das kann sich noch ändern. Das seelenvolle Freundschafts-Duett zwischen ihm und Don Carlo verlief sehr harmonisch, aber leider nur – dank Pohl – mit wenigstens mit 50 % stimmlichem Glanz.

 Sehr gut verkörperte Michael Eder den Großinquisitors als alten, blinden, ischiasleidenden Priester am Stock, der, allem Irdischen längst entflohen, noch vor geistiger Agilität sprüht und im Hintergrund „die Fäden zieht“. Die Rolle schien für seine Stimme mit ihrer prägnanten Tiefe und auch umfangsmäßig wie geschaffen.

 Stimmlich fügte sich Majorie Owens sehr gut in die Rolle der Elisabetta ein. Sie legte den Fokus vor allem auf die stimmliche Bewältigung der umfangreichen Partie. Bei ihrem großen Stimmumfang scheint sie keine Probleme in Höhe oder Tiefe zu kennen. Beim Gesang gab es, einschließlich ihrer großen Szene im letzten Akt, keine Abstriche. Man hätte sich lediglich noch etwas mehr Gestaltung und Ausstrahlung gewünscht, damit die Gestalt in ihrer Tragik wirklich berührt.

 Auch Tichina Vaughn bemühte sich sehr, als Prinzessin Eboli ihr bestes zu geben und der Rolle gerecht zu werden. Sie schaffte alles notengetreu, aber ihre Stimme mit der schrillen, scharfen Höhe ist sehr gewöhnungsbedürftig. Als Eboli erwartet man trotz all ihrer Intrigen doch eine geschmeidige Erscheinung, der man die Arglist nicht sofort zutraut.

 In den kleineren Partien gab es wenig Erfreuliches. Christel Lötzsch (Junges Ensemble) spielte in dieser symbolträchtigen, auf das Wesentliche beschränkten, Inszenierung von Eike Gramss den Pagen übertrieben lebhaft, ja überzogen, dafür aber mit schwacher Stimme. Christopher Kaplan (ebenfalls Junges Ensemble) und Kira Tabatschuk blieben als Conte di Lerma bzw. Gräfin d’Aremberg ziemlich blass. Tomislav Lucic enttäuschte diesmal als Mönch mit rauer wuchtiger Stimme (nicht immer ganz tonrein). Am ehesten überzeugte der sichere Gesang von Gerald Hupach als Herold trotz seiner ziemlich legeren Gänge.

 Beim Sächsischen Staatsopernchor (zusammen mit Sinfoniechor Dresden e. v.) in der Einstudierung von Pablo Assante gab es unterschiedliche Eindrücke. Der Männerchor sang anfangs laut und ziemlich tonarm, in leiseren Passagen aber dann wesentlich besser. Die Damen waren sehr gut bei Stimme. Die flandrischen Abgeordneten verrieten eine sehr gute Einstudierung, verfügten über schöne Stimmen, sehr harmonisch getimt, so dass diese Szene zum musikalischen (Neben-)Höhepunkt wurde. Sie bewegten sich nur etwas sehr „normal“ auf der Bühne.

 Unter der Leitung von Pier Giorgio Morandi spielte die Sächsischen Staatskapelle Dresden in dramatischen Passagen mit ziemlicher, gerade noch angängiger Lautstärke, aber es gab auch schöne solistische Passagen, wie das Cello-Solo als Einleitung und Hinführung auf Filipos Sinnieren über seine Einsamkeit und Sterblichkeit und sein Verhältnis zu seiner Frau, die ihn nie geliebt hat.

 Ingrid Gerk

 

 

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