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DRESDEN/ Semperoper: DIE TOTE STADT von E.W.Korngold. Premiere

17.12.2017 | Oper

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Manuela Uhl, Burkhardt Fritz. Copyright: David Baltzer für Semperoper Dresden

Dresden /Semperoper: PREMIERE: „DIE TOTE STADT“ – 16.12.2017

Nach ihrer erfolgreichen Uraufführung, die 1920 gleichzeitig in Hamburg und Köln stattfand, wurde die dreiaktige, durchkomponierte Oper „Die tote Stadt“, ein Geniestreich des 23jährigen Erich Wolfgang Korngold, innerhalb kürzester Zeit weltweit nachgespielt, auch in Dresden. Jetzt, nach fast 100 Jahren kehrt sie an die Dresdner Oper zurück.

Das Libretto, frei nach dem symbolistischen Roman „Das tote Brügge“ („Bruges-la-Morte“, 1892) von Georges Rodenbach verfasste der Komponist zusammen mit seinem Vater, Julius Korngold, unter dem Pseudonym Paul Schott. Ort und Zeit der Handlung sind das durch die Versandung des Hafens von der großen Welt abgeschnittene Brügge, Ende des 19. Jahrhunderts, ein Synonym für den Seelenzustand des in der Stadt lebenden Witwers Paul, der, völlig zurückgezogen, in großer Trauer, befangen und verfangen im Gestrigen verharrt, erstarrt in Liebeserinnerungen an seine schöne, verstorbene Frau Marie. Beide, Stadt und Mensch, sind in der Erinnerung an ihre schöne Vergangenheit befangen. Die tote Stadt und die tote Frau fließen in Pauls „Totenkult“ ineinander.

Als die Tänzerin Marietta in sein Leben tritt, sieht er sie als Reinkarnation seiner Frau und wendet sich halb in der Realität, halb in Träumen wieder der Liebe und dem Leben mit seinen Verlockungen und Widrigkeiten zu, womit er aber auch nicht ganz glücklich ist. So wie Marietta äußerlich Marie ähnelt, so unterschiedlich sind die Charaktere der beiden Frauen, übermütige Lebenslust auf der einen und Tugend und Zurückhaltung auf der anderen Seite, zumindest in Pauls Vorstellungswelt, so dass er am Ende resümiert:„Ein Traum hat mir den Traum zerstört“. Ein „echter“ Traum mit realistischen Wahnvorstellungen von den Möglichkeiten und Eventualitäten des „vollen Menschenlebens“ mit seinen erotischen Wünschen und Sehnsüchten, aber auch Gefahren, hat ihm den schönen, verklärten Tagtraum zerstört. Nachdem er alles, was ihn über zwei Akte hinweg seelisch bewegt und erschüttert hat, erleichtert als verwirrenden Traum erkennt, folgt er schließlich dann doch dem Rat seines Freundes Frank, einen Neuanfang zu wagen und Brügge und seine traurige Vergangenheit hinter sich zu lassen – oder doch nicht?

Nicht zuletzt durch die Psychoanalyse Siegmund Freuds war Traumdeutung, Seelenanalyse und Tiefenpsychologie zu jener Zeit ein prickelndes Thema, auf das sich neben den Wissenschaftlern auch die Künstler stürzten und das bis heute nichts von seinem Reiz verloren hat. Es lockt und fordert zu einer szenischen Darstellung geradezu heraus. David Bösch, der sowohl in der Oper als auch im Schauspiel zuhause ist, inszenierte das Seelendrama an der Semperoper als Psychodrama zwischen verklärter und schmerzhafter Erinnerung, Verlustangst und begehrender Leidenschaft, nicht ganz frei von klischeehaften Episoden und den gegenwärtig aktuellen Theater-Elementen. Er stellt sich damit erstmals dem Dresdner Publikum vor.

Bösch versucht die psychischen Zusammenhänge in die Gegenwart bzw. eine jüngere Vergangenheit zu holen und wie in einem Traum vielfach ineinanderfließend, realistische Erlebnisse „weiterspinnend“ und verwirrend, auf vielfältige Weise sichtbar zu machen, u. a. durch Videoeinblendungen, Paul in der Realität umgebender Personen, die ähnlich einem Albtraum als überdimensional vergrößerte und bis ins Groteske gesteigerte Gestalten den Protagonisten (und den Zuschauer) fast zu „erschlagen“ drohen, oft mit einem gruseligen Schauder bis zur zombiehaften Bedrohung bei Anleihen aus GothicNovel, Psycho-Thriller a la Hitchcock und Gruselfilm, bei dem auch ein Mord geschieht, wenn auch nur im Traum und vom sich bedroht fühlenden Protagonisten als „Befreiungsschlag“, indem Paul Marietta mit Maries Locke (Zopf)„erwürgt“, als sie zu sehr mit seinen „heiligen“ Erinnerungsstücken spielt, sich über sie lustig macht und darüber erhebt.

Überall erscheint Marie. Sie taucht in teils verschwommenen Bildern und leeren Rahmen auf, teils in konkreten Details, wie ihr großformatiges, wenn auch nicht gerade besondere Schönheit assoziierendes Bild. Das vorwiegend in dunklen Grautönen gehaltene Bühnenbild mit einem überhohen, an die verblichene Pracht alter herrschaftlicher Villen erinnernden Raum (aber nicht in Brügge, wo die Räume der alten Häusern eher klein und niedrig sind), gefüllt mit simplen kleinbürgerlichen Einrichtungsgegenständen wie einer auffallenden Stehlampe aus den 1970er Jahren und Fernsehsessel und vor allem Erinnerungsstücken von Marie, den er „die Kirche des Gewesenen“ nennt, erinnert ganz und gar nicht an Pauls Motto:„Wir beten Schönstes an: Vergangenheit.“.

Der Raum öffnet sich. Geisterhafte, bis ins Gigantische, Bedrohliche verzerrte Videos durchziehen den Raum – nicht ohne Beklemmung. An den Wänden sind die schemenhaft ungelenken Buchstaben „M A R I E“ auszumachen. Wirre Schnüren und Strippen fallen aus der Decke wie ein riesiges Spinnennetz zum Verfangen. „Entfesselte Gewalten“ grenzen fast ans Wahnsinnigwerden (Bühne und Projektionen:Patrick Dannwart, Licht: Fabio Antoci). Das Mysterium des Glaubens wird eingeblendet, zwei Seiten, in denen Paul lebt, die selige Erinnerung an seine große Liebe und die „Seligkeit“ einer Prozession, kein Lebensraum für Marietta, die bekennt: „Ja, wer dort liebt, muss auch teilen mit Toten und mit Heiligen.

In Pauls wirren Träumen vergrößert sich alles bedrohlich, auch der Prozessionszug, zu dem der Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden in der Einstudierung von Claudia Sebastian-Bertsch sehr sicher und mit kindlicher Reinheit den Prozessionschoral anstimmt. Statt früherer realer Darstellung bewegt er sich schemenhaft in überdimensionaler Projektion durchs Zimmer mit bis zur Grimasse verzerrten Gesichtern und allerlei „Spukgestalten“.

Die nicht gerade sehr einfallsreichen Kostüme von Falko Herold bringen den Opernbesucher dann sehr schnell wieder auf den Boden der üblichen Theater-Realität. Paul schlendert in alten, seine Figur unvorteilhaft unterstreichenden Hosen mit den üblichen Hosenträgern, über die Bühne, später mit wehendem Mantel, wobei man sich fragt, wieso diese junge, hübsche, von ihren Theaterkollegen vergötterte Marietta, die schon eher verführerisch in ihren kurzen Kleidchen und erst recht in ihrem mondänen Morgenmantel wirkt, alles tut, um diesen, hier alt und verschlampt erscheinenden Mann ganz für sich zu gewinnen, aber das existiert vielleicht nur in seiner Fantasie. Im starken Kontrast dazu geht es sehr bunt im wahrsten Sinne des Wortes und mit sehr farbenfreudigen Kostümen wie zu einer Harlekinade im Stil der Commedia dell’arte bei Mariettas Theatertruppe zu, die gerade die „Totenerweckung von Helene“ aus der Oper „Robert der Teufel“ von G. Meyerbeer probt!

Etwas zwiespältig war auch der musikalische Eindruck. Im Gegensatz zur Avantgarde der Entstehungszeit der Oper mit Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern, komponierte Korngold im spätromantischen Stil, geprägt durch seinen Lehrer Alexander von Zemlinsky, Richard Wagner (Chromatik und Leitmotiv-Technik), Richard Strauss und auch vom Verismo Puccinis.

Da waren die beiden Protagonisten hinsichtlich Stimmfach nicht unbedingt die Idealbesetzung. In der Rolle der Marietta hatte es Manuela Uhlmit ihrem dramatischen Sopran nicht leicht. Dem bekannten Ohrwurm „Glück, das mir verblieb“ fehlten „Schmelz“ und Leichtigkeit und den übrigen Szenen vor allem die Textverständlichkeit. Sie konnte eher darstellerisch als leichtlebige Tänzerin in Pauls Träumen überzeugen. Am besten lagen ihr die leicht erotischen Szenen. Schließlich steigerte sie sich aber doch noch mehr und mehr in ihre Rolle hinein. Unklar bleibt nur, warum Marietta mit (leicht lädierten) Engelsflügeln über die Bühne „schweben“ muss – vielleicht weil sie von Paul zunächst als „Engel“ gesehen wird oder weil gegenwärtig in so mancher Inszenierung auch ein Engel auf der Bühne angesagt ist?

Ebenfalls nicht ganz glücklich war man mit der Besetzung des Paul durch Burkhardt Fritz, der als Heldentenor meist Wagner singt. Zugegeben, rein darstellerisch schien er der Regie zu entsprechen, etwas vernachlässigt, zurückhaltend, weltfremd, ein biederer (gewesener) Ehemann, befangen in seiner künstlichen Welt, aber als Hauptakteur erwartet man eben doch eher eine „starke“ Persönlichkeit, zumindest mit starkem Willen. Er steigerte sich ebenfalls erst mit zunehmender Aufführungsdauer in seine Rolle hinein. Der Text wurde deutlicher und einige emotionale Momente vermochten zu beeindrucken.

Obwohl Christa Mayer nur in der relativ kleinen, aber nicht unbedeutenden Rolle der Brigitta zu erleben war, hinterließ sie, selbst als simple Putzfrau verkleidet, und später als scheinbare Nonne, sängerisch und gestalterisch einen starken Eindruck. Vom ersten Ton an sang sie mit ausgesprochen schöner, ausdrucksvoller Stimme, auch bei rezitativischen Berichten. Sie gestaltete sowohl die realistische Haushälterin als auch die Erscheinung als irrationale Nonne sehr überzeugend und eindrucksvoll.

Christoph Pohl muss unverständlicherweise als optimistischer, lebensbejahender Freund Frank im Rollstuhl sitzen (obwohl er kerngesund ist), vielleicht weil er trotzdem optimistisch bleibt, alsKontrast zu dem gesunden Paul, der in fatalistischer Weise nicht von seiner fixen Idee der verklärten Erinnerung loskommt, oder einfach nur, weil jetzt in eine moderne Inszenierung auch ein Rollstuhl gehört (?). Als Pierrot darf er dann im Harlekin-Kostüm bei der Theatertruppe aufrecht gehen und singen –und wie! Als er mit sehr ansprechender Stimme im Einklang mit dem Orchester ausdrucksvoll und berührend sang „Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück“, berührte das mehr als das berühmte Duett zwischen Paul und Marietta und das berühmte „Glück, das mir verblieb“. Er hatte das „gewisse Etwas“, das den beiden Protagonisten bei ihren Rollen fehlte.

Die musikalische Leitung lag in den Händen von Dmitri Jurowski, viertes „Kind“ der Musikerfamilie Jurowski, die 1990 als Michail Jurowski über Nacht Russland verlassen musste, nach Dresden kam und von der Sächsischen Staatskapelle freundlich aufgenommen wurde. Damals war Dmitri 10 Jahre alt. Inzwischen ist er Generalmusikdirektor des Akademischen Opern- und Ballett-Theater in Novosibirsk, der drittgrößten Stadt Russlands und leitet jetzt die Sächsische Staatskapelle bei dieser Produktion. Mit offenbarer Vorliebe für große Lautstärke, Farbigkeit und Klangrausch ließ er Blech und Pauken immer wieder laut „dröhnen“, um den dramatischen Gefühlsregungen dieser cineastisch anmutenden, sehr modernen Musik Wirkung zu verleihen. Dennoch hätte man sich gelegentlich etwas mehr Sensibilität gewünscht, die andere Seite von Korngolds Musik. Die feineren, leiseren Instrumente der vielfältigen Orchesterbesetzung, die die Illusion der Schönheit, der Paul in verklärter Erinnerung verfallen ist, versinnbildlichen, kamen da weniger zur Geltung.

Wie erwartet, erfüllte der Sächsische Staatsopernchor Dresden in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen seine Aufgaben sehr gut und hatte damit auch einen wesentlichen Anteil an diesem trotz allem beeindruckenden Opernabend.

Ingrid Gerk

 

 

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