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DRESDEN/ Semperoper: DER WILDSCHÜTZ. Premiere

11.10.2015 | Oper

Dresden / Semperoper: „DER WILDSCHÜTZ“   10.10.2015   Premiere

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Baculus (Georg Zeppenfeld) vom Blei eines Schützen getroffen. Foto: Matthias Creutziger

Nachdem einige Bühnen (Schwerin, Chemnitz und Wiener Volksoper) den „Wildschütz“ von Albert Lortzing bereits herausgebracht haben, hatte er nun an der Semperoper in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog Premiere.

Lortzing liebte sein Publikum und das Publikum liebte ihn und seine deutschen Spielopern, eine deutschsprachige Variante der Opéra comique. Er wollte für sein Publikum schreiben, volkstümlich, eingängig und kritisch trotz strenger Zensur, was ihm auch bestens gelungen ist. Auf seine Art war er genial, was auch Gustav Mahler rühmte. Wie Richard Wagner und Hector Berlioz schrieb er seine Texte selbst und spielte nicht selten eine der Hauptrollen in seinen Opern, wie den Baculus im „Wildschütz“. Seine Musik „zündet“ noch heute und erreicht immer ein breites Publikum.

Die Libretti seiner Opern mögen jetzt vielleicht antiquiert erscheinen, aber er sorgte dafür, dass der Text auch an die jeweiligen Zeitumstände angepasst werden kann. Seinerzeit enthielt er viel „Zündstoff“ und kann auch heute noch bei geschickter Inszenierung interessant sein, sofern man auch den Text versteht, was bei dieser Premiere aber leider nicht immer der Fall war. Da hätte man sich nicht nur für die gesungenen, sondern auch für die gesprochenen Texte Übertitel gewünscht, und das nicht nur bei Steve Davislim als Baron Kronthal mit guter Singstimme, aber akzentbehafteter Sprechstimme, und gerade da gähnten die Lücken in den Übertiteln. Lortzings Opern leben nun einmal gerade von Musik und Text bzw. der genialen Verbindung aus Wort und Musik. Allgemein fehlte der Aufführung vor allem etwas mehr Leichtigkeit, Lockerheit und eine gewisse „Spritzigkeit“ und seitens der Regie das „verbindende Etwas“.

Georg Zeppenfeld, dem im Anschluss an diese Premiere die Urkunde zur Verleihung des Ehrentitels „Kammersänger“ von der Kunstministerin des Freistaates Sachsen für seine hervorragenden künstlerischen Leistungen überreicht wurde, war nicht nur bei seinen netten Dankesworten gut zu verstehen, sondern auch in seiner Rolle als Baculus, mit der er sein Repertoire erweitert. Es ist verständlich, dass er sich nicht auf die großen Persönlichkeiten und edlen Charaktere festlegen lassen möchte. Man bringt ihn immer wieder gern in Verbinndung mit seinem gegenwärtig unübertroffenen Sarastro, den er auch weiterhin singt. Er möchte seine Vielseitigkeit „ausprobieren“, was er sich mit seinem geschmeidigen Bass, der über einen großen Farbenreichtum verfügt auch durchaus leisten kann, aber so richtig kommen seine großen sängerischen und darstellerischen Qualitäten doch in den großen, ernsthafteren Rollen noch mehr zur Geltung. Den Schulmeister können viele singen, aber Sarastro oder König Filippo II. („Don Carlo“) wohl kaum, und wenn, dann nicht so gut und ausdrucksstark.

Stimmlich bewältigte Zeppenfeld die Figur des Baculus mühelos, darstellerisch auch, nur dass er eine Idee zu „vornehm“ wirkte, wozu nicht zuletzt der eher elegante dunkle Konfektions-Anzug beitrug. Es fiel nicht gerade leicht, sich ihn als den alten, armseligen Schulmeister vorzustellen, der entgegen seiner braven Lebenseinstellung wildern muss, um seinen Hochzeitsgästen, die schon Möhren als vegetarische Nahrung in den Händen halten (oder war das anders gemeint?) einen „Rehbraten“ vorsetzen zu können, und sogar seine Braut verkauft. Mit seiner profunden Stimme hätte man ihn dann doch lieber als Graf Eberbach gesehen und gehört, zumal Detlef Roth in dieser Rolle weder stimmlich noch darstellerisch wirklich überzeugen konnte.

Als dessen, von der klassischen Antike besessene, Gemahlin und Laienschauspielerin, Gräfin Eberbach, beherrschte hingegen Sabine Brohm mit ihrem sängerischen und schauspielerischen Talent die Bühne, sehr forciert von der Regie. Sie passte perfekt in die Rolle und setzte ihre Stimme und vielseitige Darstellungskunst mit starken Kontrasten ein, um einen typischen Frauencharakter zu zeichnen. Bei ihr waren auch die leisen Worte gut zu verstehen. In lautstarken theatralischen Ausbrüchen hätten es allerdings auch einige Phon weniger sein dürfen.

Eine wesentlich sanftere Frau von Adel stellte Emily Dorn mit ihrer ansprechenden Sopranstimme dar, jung anmutig und glaubhaft als begehrte junge Baronin Freimann incognito, und auch nach der „Enthüllung“ (sogar wörtlich zu nehmen). Ein derbes Gretchen präsentierte Carolina Ullrich, die mit einstudiertem Spiel den Dorfschulmeister schon vor der Ehe die „Freuden“ eines derben Ehekrachs spüren ließ.

Die Rollen der „untergeordneten Bediensteten“ waren bei Reinhild Buchmayer (Nanette) und Oliver Breite als Pankratius in guten Händen. Letzterer agierte zeitweilig als Mittelpunkt des Geschehens mit vernehmlicher Sprache – statt sächsisch eher berlinernd – und oft die Verbindung zwischen den einzelnen Personen der Handlung herstellend.

Herzog stellte sich mit seiner Inszenierung nicht gegen das Stück. Die Schulstube war wirklich eine Schulstube und das Schloss wirklich ein Schloss, wenn auch ziemlich „hölzern“. Die Idee war gut, die Umsetzung (Bühnenbild: Mathis Neidhardt) schien nur bedingt gelungen. Es gab auch einige neue „Gags“, z. B. wenn der Graf seinen Geburtstag, noch „blau“ vom Vorabend, durch seinen Park torkelnd, im Scheinwerferlicht singt Wie freundlich strahlt die holde Morgensonne oder Baronin Freimann und Zofe incognito wegen einer Fahrradpanne in der Schulstube landen. Neu ist der Gag nicht, aber hier passte er.

Die Alltagskleidung wie aus dem Kaufhaus (Sibylle Gädeke) wirkte größtenteils fad. Das Verständnis für eine Oper wirkt auch über Bühnenbild und Kostüme. Das sollte man nicht vergessen. Das Auge „hört“ mit. Die Balletteinlagen (Choreografie: Michael Schmieder) im letzten Bild – Theater in der Oper anlässlich des Grafen Geburtstagsfeier – waren bewusst simpel gehalten und übertrieben viel an bunter „Schönheit“ oder schöner Buntheit.

Lortzing schrieb seine Oper „Der Wildschütz oder die Stimme der Natur“ nach dem Lustspiel „Der Rehbock oder Die schuldlos Schuldbewussten“ von A. F. F. von Kotzebue. Die Handlung beginnt mit einem Schuss am Ende der Ouvertüre, dem dilettantischen Schuss des ehrenwerten Schulmeisters, der ursprünglich Heiterkeit auslösen sollte, und endet sehr versöhnlich mit sozialer „Gerechtigkeit“. Der Graf findet zur Gräfin, der Baron zur Baronin und der Schulmeister bleibt bei seinem Gretchen. Damit war damals „die Ordnung“ wieder hergestellt und wahrscheinlich der Zensur Genüge getan, denn Lortzing wurde wegen seiner Aufmüpfigkeit von der Obrigkeit – man würde heute sagen – „gemobbt“.

Gewalt darf gegenwärtig in keiner neuen Operninszenierung fehlen. Dafür erinnerte sich Herzog offenbar an den Ursprung der Geschichte, nach der ein „echter“ Wildschütz namens Georg Jennerwein am Schliersee wilderte, von einem Jäger erschossen und zur Legende und zum Symbol der Auflehnung gegen die Obrigkeit wurde. Deshalb muss Baculus in dieser Inszenierung während der Ouvertüre hilflos in die Schulstube flüchten und, mit besagtem ersten Schuss, von einem Schützen getroffen, schmerzerfüllt zu Boden sinken, die gesamte Handlung nur träumen und am Ende, nachdem alles wieder friedlich und im sozialen Lot ist, sterben – „Heiterkeit und Fröhlichkeit“, eingebettet in Gewalt und Tod.

Ingrid Gerk

 

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