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DRESDEN/ Semperoper: DER FREISCHÜTZ – Derniere

01.06.2015 | Oper

Dresden / Semperoper: LETZTE „FREISCHÜTZ“-VORSTELLUNG DER SAISON – 31.5.2015

 Dass sich Christian Thielemann bei mancher Produktion nur die ersten drei Aufführungen vorbehält, muss durchaus kein Nachteil sein. Er setzt damit Maßstäbe und gibt vor allem jüngeren Dirigenten eine Orientierung vor – vor allem hinsichtlich Qualität und Intensität. Bei der neuen „Freischütz“-Inszenierung übernahm allerdings ein gestandener Dirigent, Peter Schneider, der der Dresdner Oper sehr verbunden und dem Publikum in bester Erinnerung ist, die weiteren Vorstellungen. Seine Konzeption ist anders als die Thielemanns, aber ebenfalls stimmig und sehr ansprechend. Die Auffassungen beider Dirigenten sind wie zwei entgegengesetzte Pole, die beide ihre Berechtigung haben und beim Publikum ihre Akzeptanz finden. Beide erschließen die Oper mit hoher Qualität aus verschiedener Sicht und regen damit das Publikum zu intensiver Beschäftigung mit Carl Maria von Webers Werk an.

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Georg Zeppenfeld ist ein eindrucksvoller Kaspar. Foto: Matthias Creutziger

 Während Thielemann auf starke Kontraste zwischen zurückhaltender Begleitung der Sänger und starke gesangsfreie Orchesterpassagen setzt (was mitunter sogar zu ziemlich schroffen Zäsuren führte), bevorzugt Schneider fließende Übergänge, ein Sich-Hinein-Fühlen in die Musik. Allerdings gelang bei dieser Aufführung die Ouvertüre weniger zauberhaft als unter Thielemann. Abgesehen von einigen leicht divergierenden Einsätzen im Orchester wirkte sie zwar sehr zügig, aber auch laut und herb. Man vermisste die zauberhafte Einstimmung in die ursprüngliche Natur und die echten Gefühle des einfachen Volkes, das Weber als Pendant zu den damaligen Opern in Glanz und Glamour auf die Bühne brachte.

 Die Sächsische Staatskapelle Dresden fand erst mit dem sich öffnenden Vorhang zu ihrer gewohnten Qualität und Feinsinnigkeit. Die Hörner aber waren sofort präsent und spielten auch weiterhin nicht nur sehr sauber, sondern auch mit gutem Klang, und es gab ein schönes Bratschensolo (Michael Neuhaus) und eine äußerst feinsinnige, klangschöne Einstimmung auf Agathes gefühlvollen Gesang durch das Cellosolo (Uladzimir Sinkevich).

 Ute Selbig sang nach ihrem sensationellen, äußerst kurzfristigen Einspringen (11.5.) nun die Agathe in den von Anfang an vorgesehenen Aufführungen mit unverminderter stimmlicher Schönheit, Spielfreude und Intensität. Ihre schöne Stimme mit der klaren, besonders wohlklingenden Höhe, bei der die Stimme noch weiter aufblüht, ihre jugendliche, charmante und liebenswerte Erscheinung, ihre äußerste Ton- und Wortverständlichkeit und nicht zuletzt ihr liebevolles, sich ganz in die Rolle versenkendes Spiel machen sie prädestiniert für die Agathe (aber nicht nur für diese Rolle!). Man fühlt mit ihr bzw. mit der Bühnengestalt. Sie ist einfach die Bühnenfigur voller Innigkeit und Glaubwürdigkeit, ohne vordergründig zu wirken. Man fragt sich immer wieder, „warum in die Ferne schweifen“, wo die geeignetste Sängerin am Hause ist und „das Gute so nah“ liegt. Es müssen nicht immer Sängerinnen von weit her sein. Ute Selbig kann sich international sehen und hören lassen! Sie ist auch eine Agathe von Format, bei der einfach alles stimmt und die man nicht so schnell vergisst. Warum gilt der Prophet so wenig „im eignen Lande“?

 Im Duett floss die Stimme von Ute Selbig mit der von Christina Landshamer als Ännchen, gut abgestimmt und ausgeglichen, zusammen. Später wurde das heitere, unkomplizierte Ännchen dagegen stimmlich etwas blasser und sprach auch relativ leise.

 Nach anfänglicher Zurückhaltung und schwacher Höhe fand Tomislav Mužek als Max erst im Laufe der Aufführung zu seiner Form, dann gelang ihm allerdings die Arie „Durch die Wälder …“ ansprechend, frisch, gut differenziert und mit klangvoller Kantilene, was auch vom Publikum mit entsprechendem Szenenapplaus honoriert wurde.

 Wie zur Premiere konnte Georg Zeppenfeld als Kaspar selbst die Skeptiker, die noch immer seinen edlen Sarastro im Ohr haben, voll überzeugen. Er beweist mit dieser konträren Rolle die Vielseitigkeit seines edlen Basses und sein schauspielerisches Talent. Seit der Premiere hat er sich noch mehr in die Rolle des Bösewichtes vertieft, verleiht ihr aber auch menschliche Züge, die sogar ein wenig Sympathie für diese Gestalt hervorrufen und Mitleid oder Verständnis wecken, nicht nur bei der hinkenden Magd (Juliana Brunzlaff), die ihre Rolle sehr überzeugend spielt. Man wird sich den Kaspar in Zukunft kaum mehr anders vorstellen können als so intensiv gestaltet wie von ihm. Eine Rolle, die Zeppenfeld übernimmt, füllt er ganz aus.

 Bei Albert Dohmen schien die stimmliche und darstellerische Topform der Premiere der Routine gewichen zu sein, aber seine gute Textverständlichkeit und auch etwas von der Faszination des altersweisen Erbförsters Kuno und des wohlwollenden Vaters waren geblieben.

 Sebastian Wartig (Junges Ensemble) war vom Kilian (Premiere) zum Fürst Ottokar „aufgestiegen“ und verständlicherweise erst einmal auf die sichere Bewältigung der Gesangspartie konzentriert. Die huldvolle Erscheinung des mächtigsten Mannes im Dorfe kann er später noch „nachreichen“. Jetzt lag sie seiner jugendlichen Mentalität noch etwas fern.

 Die Rolle des Kilian hat Pavol Kubán, ebenfalls vom Jungen Ensemble, übernommen und glaubwürdig verkörpert.

 Tilmann Rönnebeck hatte jetzt offenbar die Rolle des Eremiten voll erfasst. Er brachte die Würde des „Gesegneten des Herrn“ vor allem mit wohlklingender Stimme zum Ausdruck.

 Die Brautjungfern der alternativen Besetzung Gabriele Berke, Rahel Haar, Jana Hohlfeld und Heike Liebmann vom Sächsischen Staatsopernchor wurden ihrer Rolle in ansprechender Weise gerecht.

 Der Staatsopernchor in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen schien noch ausgeglichener und intensiver als zur Premiere. Wunderbar differenziert vom feinsten Pianissimo bis zum gewaltigen Fortissimo sang er in der wirklich schauerlichen Wolfsschlucht-Szene und „schwang“ sich im berühmten „Jägerchor“ in großer Besetzung (mit Herren aus anderen Chören zur Verstärkung) ausgeglichen, perfekt und kraftvoll und mit gut klingenden Stimmen „empor“. Einen so guten Jägerchor habe ich – ehrlich gesagt – gleich auf welche Bühne, selten gehört.

 Die intelligente, theaterwirksame Inszenierung von Axel Köhler als sehr ernster, psychologisch durchdachter „Freischütz“ und die Bühnenbilder von Arne Walter zwischen Tradition und Modernität, die durch atemberaubendes Lichtdesign (Fabio Antoci) voll in Szene gesetzt werden, hatten auch bei der 9. Aufführung seit der Premiere (1.5.2015) nichts von ihrer gewaltigen Wirkung verloren.

 Ingrid Gerk

 

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