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DRESDEN/ Semperoper: COPPÉLIA in neuer Besetzung

17.04.2013 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Dresden / Semperoper: “COPPÉLIA“ IN NEUER BESETZUNG – Ballett – 16.4.2013 (Pr. 2011)


Foto: Semperoper

Als Paul Connelly den Taktstock hob, meinte man fast, statt des „Coppelia“-Balletts in einer Wagner-Oper zu sitzen, so sehr erinnerte die Musik eher an „Lohengrin“ als an Léo Delibes. Wagner ist im Jubiläumsjahr eben überall präsent. Der daraufhin folgende schwungvolle Tanz im 3/4-Takt („Valse lente“) erinnerte dann an die Polonaise aus „Eugen Onegin“. „Verfremdungseffekte“ etablieren sich offenbar überall, sogar in der instrumentalen Musik. Als sich der Vorhang hob, konnten dann die Tänzerinnen und Tänzer des Semperoper Balletts ihre grazilen Bewegungen, Sprünge und Hebefiguren ganz nach der Musik ausrichten.

 Die Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die gegenwärtig nicht mit auf USA-Tournee sind, folgten Connelly wie immer sehr zuverlässig (Solo-Violine: Matthias Wollong, Solo-Viola: Gareth Lubbe).

 Nachdem zwei Solisten der Extraklasse die Premiere (2011) und nachfolgenden Aufführungen getanzt hatten, die Brasilianerin Leslie Heylmann, die jetzt in Hamburg als Primaballerina auftritt, und Jiri Bubenicek‚ der sich auch der Choreografie verschrieben hat, hatten nun zwei weitere Mitglieder des Ensembles die Hauptpartien übernommen.

 Sarah Hay, geboren in Philadelphia und seit 2010 an der Semperoper, zunächst im Chorps de Ballet und seit 2012 Coryphée, bestach in der „Doppelrolle“ als Puppe und Svanilda vor allem durch ihre unbeschreiblich lockere, leichte und super exakte Beinarbeit. Ihr Spitzentanz ist im wahrsten Sinne des Wortes Spitze. Ihr wahrer Lebensraum scheint über dem Erdboden zu liegen. Leicht „wie eine Feder erhebt sie sich „in die Lüfte“, ob bei Hebefiguren oder einfach nur im schnellen Wechsel der Füße – ein außergewöhnliches „Sprungtalent“. Die tänzerische Anmut liegt bei ihr nicht nur in grazilen Armebewegungen und Körperhaltung, sondern vor allem in den Beinen.

 Denis Veginy, Solist im Ensemble, ergänzte als Franz diese faszinierende Erscheinung mit Natürlichkeit und einigen guten Sprungserien.

 In der Choreografie von George Balanchine & Alexandra Danilova (nach Marius Petipa) folgte eine schöne Ensembleszene auf die andere. Als anmutiges Handlungsballett in Verbindung von klassischem Spitzentanz, ausdrucksvollem Handlungsballett und humorvollen Details wird das traditionelle Ballett in einer witzig-spritzigen Dramaturgie mit vielen hübschen Ideen „aufgemischt“ und – fernab aller Routine – neu belebt. Köstlich, wie sich z. B. eines der Mädchen sträubt, wenn Swanilda mit ihren Freundinnen in Coppélius‘ Haus eindringt, oder das kollektive Zittern der Mädchen in dessen unheimlicher Werkstatt.

 Eine gekonnte Charakterstudie als leicht gichtiger, biedermeierlicher alter Philister, „Gentleman“ und Erfinder, bei der das Schwergewicht auf der Pantomime lag und einen echten Gegenpol zu den anmutigen Tänzen der Mädchen und des jungen Paares bildet, gab Hannes-Detlef Vogel als Dr. Coppélius. In darstellerischer Dichte, leicht pedantisch, aber auch gewitzt und mit dezentem Humor wird er dieser Rolle sehr glaubhaft gerecht und kann in einigen Passagen auch sein tänzerisches Können einsetzen – ein Kabinettstück der besonderen Art.

 Es gab viele, sehr schöne, sehr gut abgestimmte „Bilder“ und geschickte Formationen. In der geheimen Werkstatt des Dr. Coppélius beeindruckte vor allem Pedro Rizzi Maciel (Palucca Hochschule) als “echte“, sich immer wieder stereotyp bewegende Chinesen-Spielfigur neben Michael Blasko als Astrologe, Casey Ouzounis als August der Starke (eine Gestalt aus der Dresdner Geschichte) und Julian Lacey als Harlekin (alle drei vom Elevenprogramm).

Bei der „Glockenweihe“ vollbrachte Sangeun Lee (Gebet) eine echte Spitzenleistung neben Sara Michelle Murawski (Morgenröte) und Mónica Tardáguila (Arbeit) sowie Julia Weiss und Pavel Moskvito als römische Krieger im Pas de deux von Zwietracht und Krieg.

 Eigentlich verdienten alle Beteiligten ein Sonderlob, auch die Schülerinnen und Schüler der Palucca Hochschule für Tanz Dresden, die im Rahmen eines Elevenprogrammes mitwirken und schon echte Bühnenerfahrungen sammeln konnten. Mit viel Engagement, Disziplin und Grazie erfüllten sie ihre anspruchsvollen Aufgaben wie echte „Profis“.

 Durch die hübschen Bühnenbilder einer biedermeierlichen Stadt aus zerbrechlichem Porzellan und den farbenfreudigen Kostüme (beides Roberta Guidi di Bagno) wird jede Szene zur Augenweide, und die Handlung erklärt sich von selbst – ein „märchenhaft“ schöner Abend zur Entspannung.

 Ingrid Gerk

 

 

 

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