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DRESDEN/ Semperoper: CHRISTIAN THIELEMANNS „BEETHOVEN-ZYKLUS“ IM 5. UND 6. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKEPELLE DRESDEN

15.01.2020 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: CHRISTIAN THIELEMANNS „BEETHOVEN-ZYKLUS“ IM 5. UND 6. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKEPELLE DRESDEN –  17.12.2019 u. 14.1.2020

Mit Beginn des Gedenkjahres für Ludwig van Beethoven, das nicht mit dem Kalenderjahr, sondern bereits am 16.12.2019 mit einem Festakt in seiner Geburtsstadt Bonn eröffnet wurde, um mit seinem 250. Geburtstag zu enden, begann auch Christian Thielemann seinen „Beethoven-Zyklus“ für Dresden und brachte im 5. Symphoniekonzert der Sächsischen Staaskapelle (15. ‑ 17.12.2019) die „Symphonien Nr. 1 C‑Dur“ (op. 21), Nr. 2 D‑Dur“ (op. 36) und „Nr. 3 Es‑Dur“ (op. 55) zur Aufführung, was manchem Konzertbesucher zu viel an einem Abend erschien. Wenn man aber bedenkt, dass noch vor 50 bis 60 Jahren die Konzerte immer 2,5 Std. und die „Akademien“ zu Mozarts und Beethovens Zeiten etwa vier Stunden dauerten, war das angemessen, zumal Thielemanns Interpretation von Frische und Vehemenz nur so sprühte.

Zweifellos ist Beethoven ein Titan der Musikgeschichte und sein Kompositionsstil gigantisch, aber seine ersten Symphonien lassen noch deutlich seine kompositorische Entwicklung erkennen, insbesondere seine erste Symphonie. Sie ist – wie könnte es anders sein – noch stark ihrer Entstehungszeit verhaftet, denn auch ein Beethoven ist nicht als „Meister vom Himmel gefallen“, sondern hat seinen spezifischen Personalstil aus der Kenntnis der Werke seiner „Vorgänger“, u. a. Mozart und Haydn, entwickelt, so dass seine erste(n) Symphonie(n) zwar schon ganz seinen persönlichen vorwärtsdrängenden Charakter in sich tragen, aber auch noch dem Bisherigen in gewisser Weise verhaftet sind.

Thielemann interpretierte sie aber ganz in dem Stil, wie er Brahms und Bruckner dirigiert, was dem Charakter dieser Symphonien nicht eigentlich entsprach, aber bei seiner starken Persönlichkeit eine neue, ganz andere Sichtweise erkennen ließ und damit dennoch einen starken Eindruck hinterließ, auch wenn von der lieblicheren, feinsinnigen, ja sogar humorvollen Seite, die in den ersten, noch von der Wiener Klassik und seinem Lehrer Joseph Haydn geprägten Symphonien nachwirkt (auch wenn Beethoven gesagt haben soll, „nie etwas von ihm gelernt“ zu haben), kaum etwas zu spüren war.

Thielemanns „Lesart“ passte eigentlich nur zu Beethovens „Dritter“, der „Eroica“ ihrem Inhalt und Charakter nach und brachte eine frappierende Wirkung. Es war Beethoven einmal anders, keine historisch informierte Aufführungspraxis (wie sie andernorts hin und wieder auch zu erleben ist), keine theoretisch begründete Deutung, sondern eine neue, ganz andere, persönliche und tief empfundene Sichtweise, groß angelegt und großartig, mit Hang zum Monumentalen, eine aus der Gegenwart und Zukunft auf Beethovens vorwärtsdrängendes Genie blickende Interpretation, da Beethoven, nachdem er die Wiener Klassik zu ihrer höchsten Entwicklung geführt hatte, bereits der Romantik den Weg geebnet hat und damit letztendlich der modernen Entwicklung der Musik.

Im 6. Symphoniekonzert folgten jetzt die beiden mittleren Symphonien „Symphonie Nr. 4 B‑Dur“ (op. 60) und „Symphonie Nr. 5 c‑Moll“ (op. 67), wo sich Thielemann ganz und gar in seiner spezifischen Sicht in die Werke versenken und sie in ihrer geistigen Tiefe ausloten konnte. Für die meisten Zuhörer sind Beethovens Symphonien in vielen, von anderen Dirigenten sehr persönlich geprägten Varianten im Gedächtnis, denen Thielemann eine weitere, sehr persönlich geprägte hinzufügte, die hier wahrscheinlich so noch kaum jemand erlebt haben mag.

Als am Abend jemand vor den Vorhang trat, befürchtete man naturgemäß eine Absage, hier war es aber nur eine Ansage: „Wegen Tonaufnahmen – bitte leise husten“, und man war erleichtert. Es wagte niemand zu husten, als die ersten Takte in feinst-möglicher Piano-Kultur, äußerster Klangschönheit und Akkuratesse, manche Töne fast nur als feiner Hauch zelebriert, den Raum erfüllten, bis sich Thielemanns Temperament wieder Bahn brach und die gesamte Wiedergabe von Beethovens „Vierter“, von der Robert Schumann sagte, sie sei die romantischste“ aller seiner Symphonien, von vorwärtsdrängender Stärke und Vehemenz bestimmt war, bei der immer noch die hohe Klangkultur der Staatskapelle hörbar war.

Bei Beethovens „Fünfter“, der „Schicksalssymphonie, deren Thema er mit den (nicht belegten) Worten: „So pocht das Schicksal an die Pforte!“, ungestüm charakterisiert haben soll, war Thielemann voll und ganz in seinem Element. Dynamisch, temperamentvoll, vehement und akzentuiert, klangvoll und vor allem leidenschaftlich strebte diese Interpretation von einem, alles in ihren Bann ziehenden, lautstarken, vehementen Höhepunkt zum anderen, stürmisch wie Beethovens Seele und Charakter, von den leiseren, feineren, fast gefühlvollen Piano– und Pianissimo-Passagen und Instrumental-Soli zu den großen Gefühlsausbrüchen, auch wenn wegen der Dynamik und des forcierten Tempos diese sensibleren Stellen nicht immer die Exaktheit und Feinheit erreichen konnten, die dieses Orchester stets gewillt ist zu erreichen.

Die Kapelle hielt mit ihren sehr guten, zuverlässigen Bläser und feinen Streichern mit, ging bis an die Grenzen und bestach trotz größter Anforderungen mit ihrer Klarheit und Klangqualität. Bei dieser mitreißenden, sehr dynamischen, stürmisch vorwärtsdrängenden Aufführung, bei der alles rauschhaft, flüchtig über Pianissimo-Passagen und Instrumental-Soli hinweggefegt auf lautstarke, vehemente Höhepunkten zu, konnte niemand unbeeindruckt bleiben. Trotz seines sehr persönlichen, optisch gewöhnungsbedürftigen Dirigier-Stils, mit dem Thielemann seinen Vorstellungen Ausdruck verleiht, war er der „geistige Vater des Orchesters“, der seine Visionen mithilfe der Musiker in Musik umsetzt.

Ingrid Gerk

 

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